1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Zwei Tests und viele Meinungen

Zwei Tests und viele Meinungen

Im vergangenen Jahr war es der Bluttest einer Konstanzer Firma, der die Gemüter erhitzt hat. In diesem Jahr sorgt der Test der Hamburger Unternehmensgruppe Amedes für Aufruhr. Für die einen sind Gentests ein Segen, für die anderen ein Fluch.

Trier. Was ist, wenn mein Kind behindert ist - will ich es trotzdem auf die Welt bringen, oder ist in diesem Fall eine Abtreibung gerechtfertigt? Diese Frage beschäftigt viele Schwangere. Der Trisomie-21-Bluttest der Konstanzer Firma LifeCodexx und der neue Panorama-Test der Unternehmensgruppe Amedes haben die Debatte darüber noch einmal stark angeheizt. Die umstrittenen Tests können die Trisomie-21 (auch: Downsyndrom) beim Ungeborenen bereits im Mutterleib einfach nachweisen. Mit Hilfe einer Blutprobe der Schwangeren wird eine Trisomie 21 relativ zuverlässig ausgeschlossen oder bestätigt.
Der Panorama-Test, den Amedes gemeinsam mit einer amerikanischen Firma anbietet, erkennt auch andere Trisomien sowie die seltene Monosomie X. Mädchen und Frauen mit diesem Syndrom sind in der Regel kleinwüchsig und bleiben ihr Leben lang unfruchtbar. Sie sind aber durchschnittlich intelligent und können mit Hormongaben ein normales Leben führen.
Kritiker wie der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, sehen in den vorgeburtlichen Tests eine Methode zur Diskriminierung von Menschen mit Downsyndrom. "Man kann darum herumreden, wie man will, letztlich dient der Test der Selektion", sagt der CDU-Politiker. Die heutige Praxis von Pränataldiagnostik (siehe Stichwort) und Abtreibung bei auffälligem Befund zeichne das Bild einer Gesellschaft, die die Geburt eines Menschen mit Behinderung als vermeidbaren Schaden ansieht.

Ähnlich äußert sich auch der rheinland-pfälzische Behindertenbeauftragte Matthias Rösch: Menschen mit Behinderungen gehören zur Gesellschaft dazu. Gentests suggerieren die Möglichkeit, gesunde Kinder auswählen zu können. Das Leben ist aber nicht so. Ein Gendefekt gibt keine Prognose, wie das Leben eines Menschen verlaufen wird, und Behinderungen werden immer Teil unseres Lebens sein.

Der designierte Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Trier, Jörg Weber, sagt: Leben ist unverfügbar. Als Christ glaube ich, dass Leben ein Geschenk Gottes ist, das ich bewahren soll. Auch durch Behinderungen gekennzeichnetes Leben ist unverfügbar und hat ein Recht auf Leben. Wer an der Gesetzgebung in unserem Land beteiligt ist, muss sich der Verantwortung für die Bewahrung der Rechte allen Lebens klar sein.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagt: Nicht alles, was im Bereich der Gen- und Biomedizin machbar ist, ist eben auch sinnvoll und ethisch vertretbar.
Bereits vor einem Jahr haben wir Bischöfe auf die Gefahr hingewiesen, dass dieser Test einer Selektion des menschlichen Lebens weiter Vorschub leistet. Wenn es jetzt darum geht, das Blut von Schwangeren ins Ausland zu schicken, um dort noch umfangreichere Gentests durchführen zu lassen, dann bestätigt sich damit schmerzlich der Verdacht von damals. Insofern ist es absolut richtig, dass der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Alarm schlägt.

Claudia Heltemes von der Beratungsstelle Pro Familia sagt: Wir sind der Auffassung, dass alle Ratsuchenden Anrecht darauf haben, auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse beraten zu werden. Ich gehe davon aus, dass ein Arzt nicht ohne Auftrag durch die Patientin eine Blutprobe ins Ausland schickt.
Meines Wissens beraten Ärzte die entsprechende Patientin im Vorfeld einer solchen Maßnahme umfänglich. Die Ärzteschaft beschäftigt sich durchaus mit den ethischen Aspekten, die mit den Bestimmungsmöglichkeiten von genetischen Defekten in der frühen Schwangerschaft im Rahmen von Bluttests verbunden sind.

Michael Frisch vom Regionalverband der Aktion Lebensrecht für alle sagt: Während für geborene Menschen mit Behinderung das Recht auf weitgehende Inklusion eingefordert wird, führen gleiche oder ähnliche Behinderungen zu nahezu vollständiger Exklusion vor der Geburt. Dies halten wir für eine inakzeptable und inhumane Doppelmoral.

Gynäkologe Heinrich Hackenberg, Vorsitzender des Bezirksfrauenärzteverbands, meint: Die Tests werden die Zahl der Abtreibungen nicht erhöhen. Es treibt doch nicht jemand automatisch sein Kind ab, nur weil er vor der Geburt von einer Erkrankung erfährt. Gerade beim Downsyndrom gibt es sehr viele Ausprägungen.Extra

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) testen Mediziner Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte. Dem geht eine künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibs voraus. Zeigt sich dabei eine mögliche Krankheit, wird der Embryo gegebenenfalls nicht in den Mutterleib eingesetzt. Vor allem Krankheiten bei zu vielen oder zu wenigen Chromosomen können durch die PID erfasst werden. Dazu gehört das Downsyndrom. Aufwendiger sind Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, mit denen sich etwa Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder Bluterkrankheit feststellen lassen. Solche genetischen Untersuchungen werden auch bei der pränatalen Diagnostik vorgenommen, also bei Untersuchungen während der Schwangerschaft. Dafür werden aus dem Fruchtwasser Zellen entnommen. Wird dabei ein genetischer Defekt am Embryo festgestellt, ist ein Schwangerschaftsabbruch möglich. Bei den neuen Gentests wird das Blut von Schwangeren untersucht. dpa/sey