Zweifel und Kritik

Washington/Bagdad. Trug die deutsche Archäologin Susanne Osthoff tatsächlich einen Teil des angeblich gezahlten Lösegeldes bei ihrer Freilassung im Irak am Körper? Und wenn ja: Was sagt dies über die Gesamtumstände ihres Schicksals aus? Fragen, die derzeit heftig diskutiert werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Vermutungen, Spekulationen und kritische Fragen um im Irak zunächst verschwundene westliche Bürger ranken - bis hin zu der Ansicht, dass einige der zunächst als "entführt" geltenden Personen mit ihren vermeintlichen "Peinigern" unter einer Decke steckten, um persönliche, politische oder auch monetäre Ziele zu erreichen. Als bisher klarster Fall einer inszenierten Entführung gilt in den USA der Fall des Marinekorporals Wassef Ali Hassouns, der am 21. Juni 2004 von seiner Einheit in Bagdad verschwand. Eine Woche später tauchte in der irakischen Hauptstadt ein Video auf, das ihn in Uniform mit verbundenen Augen zeigt - bedroht von einem Mann, der ihm ein Schwert an den Kopf hält. Doch der Schein trog, wie die US-Armee nach aufwändigen Ermittlungen feststellte: Der Soldat hatte vor seiner "Entführung" mehrfach Mitgliedern seiner Einheit anvertraut, dass er unbedingt zu seiner Familie wollte - und eine Geiselnahme mit Hilfe arabischer Bekannter vorgetäuscht, um seine Fahnenflucht zu verdecken. Im Februar vergangenen Jahres sorgten dann die Ereigniss um die Italienerin Giulia Sgrena für Aufregung - und eine Staatskrise zwischen Washington und Rom. Sgrena, eine prominente Antikriegs-Aktivistin und im Irak mit einem Presseausweis der kommunistischen Zeitung "Il Manifesto" unterwegs, verschwand zunächst aus der Öffentlichkeit, nachdem sie kurz zuvor noch über "Widerstandskämpfer" aus der Rebellen-Hochburg Falludscha und deren Angehörige berichtet hatte. Von der Terrorgruppe "Islamischer Dschihad" gab es wenig später eine Erklärung, man habe die 56-Jährige entführt. Die Dschihadisten verlangten den Abzug italienischer Truppen aus dem Irak, drohten aber weder mit dem Tod der Frau noch stellten sie Geldforderungen. In einemVideo appellierte Sgrena an die Berlusconi-Regierung, das Militärengagement zu beenden. Auf dem Band waren allerdings weder Extremisten noch eine bedrohliche Situation zu sehen. Nach der Zahlung eines Millionen-Lösegeldes an die Dschihad-Rebellen tauchte Sgrena vier Wochen später wieder auf. Auf der Fahrt zum Flughafen von Bagdad kam es dann zu einem tödlichen Zwischenfall, als ihr Auto bei der Annäherung an einen US-Kontrollpunkt unter Beschuss genommen wurde. Die Darstellungen beider Seiten über die Schuldfrage widersprechen sich bis heute. Der 50jährige italienische Geheimagent Nicola Calipari wurde bei dem Vorfall tödlich verwundet, Sgrena selbst kam mit Kratzern davon. Calipari hatte zuvor bereits im September 2004 bei der Rückkehr der beiden Italienierinnen Simona Pari und Simona Torretta eine Rolle gespielt, für deren Freilassung irakische Rebellen eine Million US-Dollar Lösegeld gefordert und aus der römischen Staatskasse auch erhalten hatten. Die beiden Sozialarbeiterinnen hatten sich nach ihrer Freilassung ausdrücklich bei den Extremisten bedankt, den "Guerillakrieg gegen die Besatzer" als "legitim" bezeichnet und den sofortigen Abzug der italienischen Soldaten gefordert. Giulia Sgrena zeigte sich bei ihrer Rückkehr nach Rom dann nicht nur ebenfalls voller Dankbarkeit gegenüber den "fürsorglichen irakischen Freiheitskämpfern", sondern schilderte auch noch eine angebliche Warnung: Die Dschihadisten hätten ihr vor der Fahrt zum Flughafen mitgeteilt, die Amerikaner wollten ihren Tod, weil sie zu viel wisse. Doch selbst italienischen Politikern war diese Version zu abenteuerlich, und in Rom distanzierte man sich schnell von dieser Aussage Sgrenas. In US-Regierungskreisen werden seitdem immer wieder Stimmen laut, die anzweifeln, dass es sich beim Fall Sgrena um eine lupenreine Entführung gehandelt hat.

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