Zwischen Jubel und Entsetzen

BERLIN. Die Wahl in Schleswig-Holstein hat viele Gesichter: Bei der CDU gab es am Wahlabend Jubel. Verkrampfte Stille herrschte dagegen bei der SPD.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass die Genossen im Berliner Willy-Brandt-Haus einen Wahlsieg feiern durften. Für den Urnengang in Schleswig-Holstein waren die Demoskopen jedoch endlich mal wieder optimistisch. Bis zu drei Prozentpunkte sollten die Sozialdemokraten laut Umfragen vor der Union liegen. In Erwartung dieser schönen Prophezeiung hatten gestern Abend besonders viele Parteigänger den Weg in die SPD-Zentrale gefunden. Bei Flensburger Bier und Fischsalat sollte es endlich wieder Grund zur Freude geben. Doch es kam ganz anders. Einen regelrechten löste Schock lösten dann auch die erste Daten via Fernsehen aus. SPD hinter Union, FDP vor Grün. "Schei...", stöhnte ein Juso laut auf. Auch die anwesenden Bundestagsabgeordneten schauten düster drein. "Das war die mangelnde Mobilisierung unserer Wähler", rang der Bremer Volker Kröning um Worte. Offenbar seien die Zweifel bei der inneren Sicherheit im Zusammenhang mit der Visa-Affäre "mehr zu unseren Lasten gegangen", so seine Erklärung. Sein Fraktionskollege Hans-Joachim Hacker aus Schwerin führte das ernüchternde Ergebnis auf die "Nachwehen" der Reformdebatten zurück. "Eine Vier als erster Ziffer hätte ich mir von unserem Wahlergebnis schon erwartet", schob er noch kleinlaut nach. Punkt 18,30 Uhr betrat Parteichef Franz Müntefering den Saal. Und die maßlose Enttäuschung beim Publikum schien für ein paar Momente wie weggespült. Trotziger Applaus umspülte "den Franz", der schließlich mit versteinerter Miene erklärte, dass das "erste Wahlziel", nämlich eine eigenständige Mehrheit für Rot-Grün zu halten, "nicht erreicht" worden sei. Beim zweiten Vorhaben, der Regierungsfähigkeit, stehe es "Spitz auf Knopf". Was folgte, war eine Mischung aus bangen Hoffnungen und Durchhalteparolen. Wer glaube, die Rückkehr der SPD an die Spitze sei gestoppt, der täuscht sich, verkündete Müntefering unter starkem Beifall. Er sei sich sicher, dass von diesem Wahlabend "die Botschaft ausgeht, dass die SPD aus dem tiefsten Tal heraus ist". Ebenso wie seine Parteigänger setzte auch Müntefering auf die Schützenhilfe des SSW, der Partei der dänischen Minderheit, die in Kiel von der Fünf-Prozent-Hürde befreit ist. Schon vorher war klar, dass sich Ministerpräsidenten Heide Simonis notfalls auch auf eine SSW-tolerierte Minderheitsregierung einlassen würde. Doch im weiteren Verlauf des Abends verflüchtigte sich auch dieser Strohhalm. CDU und FDP wurden stärker als SPD, Grüne und SSW zusammen. So trat das ein, was der neue CDU-Generalsekretär Volker Kauder ein paar Luftkilometer weiter im Berliner Konrad-Adenauer-Haus schon kurz nach der ersten Hochrechnung postulierte: "Rot-Grün in Schleswig-Holstein ist abgewählt". Da kannte der Jubel untern den Partei-Anhängern kaum noch Grenzen. Was war ihr Kieler Spitzenkandidat Peter-Harry Carstensen verspottet worden. Selbst die auf die Union abonnierte Landes-FDP sprach von ihrem "großen dicken peinlichen Verlobten". Und nun hatte dieser Mann die Wahl gewonnen und den "Hochmut der SPD bestraft", wie Kauder zufrieden feststellte. CDU-Chefin Angela Merkel richtete ihren Blick schon in den Mai. Da wird im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ein neues Parlament bestimmt. Schleswig-Holstein sei dafür "ein gutes Omen". FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper sah das ganz ähnlich und sprach von einem "Signal" zum Sturm auf den Düsseldorfer Landtag. Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer wusste dann auch, was die Stunde geschlagen hatte, als er den schweren Rückschlag für Rot-Grün mit der Bemerkung kommentierte: "Jeder ist gewarnt."