Zwischen Star-Kult und Koalitionsfrage

Hannover · Mit einer Koalitionszusage an die SPD und milliardenschweren Sozialversprechen ziehen die Grünen in den Bundestagswahlkampf 2013. "Es wird Zeit, dass wir endlich wieder eine Regierung bekommen, die kraftvoll regiert", sagte Parteichef Cem Özdemir am Freitag zum Auftakt des Bundesparteitages in Hannover. Es gelte, Schwarz-Gelb abzulösen und eine große Koalition zu vermeiden.



Hannover. Die Nachfrage nach Katrin Göring-Eckardt ist riesig. Immer wieder nehmen Medienvertreter den Pressesprecher bei Seite, um ihren Wunsch nach einem Interview mit der Überraschungsgewinnerin der Mitgliederbefragung zur Spitzenkandidatur für die kommende Bundestagswahl vorzutragen. Göring-Eckardt ist der Star dieses Grünen-Parteitags, der noch bis zum Sonntag in Hannover über die Bühne geht.
Zum Auftakt des Konvents sitzt die 46-jährige Thüringerin neben Ko-Spitzenkandidat Jürgen Trittin rechts außen in der ersten Reihe im Congress Centrum der niedersächsischen Landeshauptstadt. Wie viele Interviews sie noch geben soll? "Ich hab den Überblick verloren", sagt Göring-Eckardt und lächelt.
Eigentlich wollte die Parteitagsregie die beiden oben auf dem Podium platzieren. Doch man habe sich gewünscht, "unten zu sitzen", so Göring-Eckardt. Inszenierte Bescheidenheit. Wer die Urwahl derart überzeugend für sich entschieden hat, der steht auch so im Rampenlicht.
Drei Tage lang wollen die Grünen über soziale Gerechtigkeit debattieren und über die Außenpolitik. Zugleich solle die personelle Aufstellung für die Bundestagswahl abgeschlossen werden, wie Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke betont. Dazu werden die 820 Delegierten am heutigen Samstag die Parteiführung neu bestimmen.
Roth ganz in Schwarz


An der Wiederwahl des Vorsitzenden-Duos Claudia Roth und Cem Özdemir gibt es keinen Zweifel. Dabei war Roth die große Verliererin der Mitgliederbefragung. Von den vier Grünen-Promis, die sich für die beiden Vorzeige-Posten im Wahlkampf bewarben, fuhr sie das mit Abstand schlechteste Ergebnis ein. Davon hat sich Roth offenkundig immer noch nicht erholt. Wo sonst die grellen Farben dominieren, ist Roths Outfit diesmal ganz in Schwarz getaucht. Wohl auch deshalb findet Cem Özdemir schon gleich am Anfang seiner Eröffnungsrede tröstende Worte für die angeschlagene Führungskollegin. "Ich finde es klasse, dass du kandidierst, und ich bin sicher, die Delegierten werden das morgen auch so sehen", ruft er unter tosendem Applaus in den Saal. Wiedergutmachung bei Claudia ist angesagt. Dann kommt Özdemir auf ein Thema zu sprechen, das gar nicht auf der Tagesordnung steht, aber seit Tagen wabert: die Koalitionsfrage.
Gerade Göring-Eckardt gilt als konservative Zeitgenossin, als "bürgerlich" und damit als attraktiv für Wähler der Union. Das sagen auch grüne Strategen. Nur soll daraus gefälligst ein rot-grüner Machtwechsel werden und kein schwarz-grüner, wie er jetzt allenthalben diskutiert wird. "Lasst euch nicht kirre machen", schärft Özdemir deshalb den Delegierten ein. "2013 wollen wir mit der SPD regieren." Und wieder brandet starker Beifall auf.
Selbst Fritz Kuhn, dem immer schwarz-grüne Ambitionen nachgesagt wurden, ist voll auf Linie. Als frischgebackener grüner Oberbürgermeister von Stuttgart darf er kurz zu den Delegierten sprechen. Seine Botschaft: Im Wahlkampf um den OB sei er von der SPD unterstützt, aber von der Union "geschmäht" worden. "Warum Schwarz-Grün machen, wenn man gerade die Fresse von denen voll bekommen hat?" Da jubelt der Saal. Auch Andrea Nahles freut\'s. Die SPD-Generalsekretärin nimmt als Gast am Parteitag des potenziellen Koalitionspartners teil. "Ich mache mir keine Sorgen", sagt Nahles. "Die grüne Basis steht für Rot-Grün."
So harmonisch soll es auch bei den inhaltlichen Debatten des Delegiertentreffens weitergehen. Die Parteitagsregie hat dafür hinter den Kulissen vorgearbeitet und so manchen Streitpunkt geglättet. Spitzenkandidat Trittin nennt es "vorbeugendes Antrags-Management" und grient.