Zwölf Monate für die Republik

Paris · Frankreich hat am Montag das fünfjährige Bestehen seines Staatsbürgerdienstes gefeiert. Das freiwillige Engagement der Jugendlichen soll bis 2017 stark ausgebaut werden, denn die Regierung sieht darin nach der Anschlagserie im Januar ein Mittel, um die Jugend der Problem-Vorstädte zu integrieren.

Paris. Mehdi hat ein Jahr vor dem Abitur das Gymnasium verlassen - keine Lust mehr. Im Internet suchte der Schulabbrecher aus Marseille nach einem "Job für Minderjährigen ohne Abschluss" und stieß auf die Möglichkeit, einige Monate lang einen freiwilligen Staatsbürgerdienst zu machen. "Das war wie der Rettungsring in dem Moment, in dem ich nicht mehr schwimmen konnte", sagt der Jugendliche der Zeitung Le Parisien. 35 000 junge Franzosen wie Mehdi haben im vorigen Jahr den "service civique" absolviert, der am Montag sein fünfjähriges Jubiläum feierte. Ähnlich wie beim Bundesfreiwilligendienst in Deutschland können die Jugendlichen sich für sechs bis zwölf Monate im sozialen, kulturellen oder Umweltbereich engagieren.
Der Dienst für 16- bis 25-Jährige hat mit der islamistischen Anschlagserie im Januar neue Attraktivität gewonnen. Präsident François Hollande kündigte direkt nach den Attentaten eine Ausweitung des Zivildienstes an. Denn das freiwillige Engagement spricht alle an - auch die Jugend aus den Problemvorstädten, die sich von der Gesellschaft zu entfernen droht.
Die staatliche Agentur, unter deren Dach der Zivildienst stattfindet, setzt ausdrücklich auf "soziale Durchmischung". Die Idee war nach den Vorstadtunruhen im Jahr 2005 gereift. Inzwischen findet der Freiwilligendienst breite Zustimmung quer durch alle Parteien. Immerhin fast 70 Prozent der Franzosen sind sogar dafür, den Dienst wie den 2001 abgeschafften Wehrdienst für alle Jugendlichen verpflichtend zu machen.

"Mit dieser Antwort zeigen die Franzosen, dass nach der Abschaffung des Pflichtwehrdienstes kein Ersatz gefunden wurde und dass ein Pflichtzivildienst den sozialen Zusammenhalt und das Zusammenleben stärken könnte", kommentiert Bruno Jeanbart vom Meinungsforschungsinstitut OpinionWay das Umfrageergebnis.
Doch Hollande, der bis zum Ende seiner Amtszeit 2017 auf 170 000 Zivildienstleistende pro Jahr kommen will, setzt auf Freiwilligkeit. Er will aber erreichen, dass ab 1. Juni keiner der Kandidaten mehr abgelehnt werden muss. Heute schafft es nur einer von fünf Bewerbern, einen der begehrten Plätze zu bekommen, bei denen die Freiwilligen immerhin mit maximal 573 Euro im Monat entlohnt werden. Unter denjenigen, die wie Mehdi keinen Schulabschluss haben, ist die Nachfrage am größten. Doch auch Jugendliche mit Abitur zeigen immerhin zu 64 Prozent Interesse.

"Der Bürgerdienst ist keine Wunderlösung für alle Übel der Gesellschaft", warnt der Leiter der Zivildienst-Agentur, Francois Chérèque, in der Zeitung 20 minutes. 17 Prozent der Jugendlichen, die sich zum Dienst an der Gesellschaft verpflichten, kommen aus den Vorstädten. Ein Viertel sollen es nach Chérèques Vorstellungen in zwei Jahren sein. "Es ist wichtig, eine soziale Mischung zu erreichen, deshalb richtet sich das Angebot nicht nur an Jugendliche aus Problemvierteln", ergänzt Chérèque.
Dass der Staatsbürgerdienst nicht unbedingt die Probleme der "Banlieue" löst, weiß aber auch Hollande. "Für die Jugendlichen in wirklichen Schwierigkeiten müssen andere Lösungen gefunden werden", räumt er ein.
Extra

Die Islamistenmiliz Boko Haram in Nigeria will sich eigenen Angaben zufolge mit der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) verbünden. Der Chef von Boko Haram, Abubakar Shekau, kündigte in einer Audiobotschaft an, dem Anführer des IS in Syrien und dem Irak, Abu Bakr al-Bagdadi, die Treue zu schwören. Die Botschaft wurde am Sonntag im Internet mit englischer und französischer Übersetzung verbreitet. Shekau rief alle Moslems der Welt auf, sich dem Bündnis anzuschließen. Boko Haram hatte in der Vergangenheit - wie auch der IS - Enthauptungsvideos veröffentlicht und im April vorigen Jahres 200 Mädchen aus einer Schule entführt, von denen bis heute jede Spur fehlt. dpa

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