Auftaktveranstaltung zur Aufklärung der Missbrauchsfälle im Albertinum Gerolstein

Kostenpflichtiger Inhalt: Missbrauch in der Kirche : Emotionale Auftaktveranstaltung zur Aufklärung der Missbrauchsfälle im Albertinum Gerolstein

Mit einer Gesprächsrunde haben Wissenschaftler die Aufarbeitung von Gewalt und sexuellem Missbrauch am Gerolsteiner Internat Albertinum begonnen. Noch bevor die Arbeit wirklich begann, musste das Bistum bei der Auftaktveranstaltung schon heftige Kritik von ehemaligen Schülern einstecken.

Nein, er brauche kein Mikrofon. Seine Stimme sei laut genug, sagt der Mann. Dann ruft er, brüllt fast, in den Raum: „Werden Sie vom Staat bezahlt oder von unserem Peiniger, dem Bistum?“ „Vom Bistum“, räumt Claudia Bundschuh ein. „Danke, dann bin ich durch damit“, schreit der ehemalige Schüler. Und bleibt dennoch bis zum Ende sitzen bei der Auftaktveranstaltung in der Universität Trier.

„Mit und für Betroffene“, so lautet das Credo des Projektes, das die Wissenschaftlerinnen Claudia Bundschuh und Bettina Janssen am Donnerstagabend vorstellen. Das Ziel sei es, all jene, die im Gerolsteiner Internat Albertinum Gewalt erfahren haben, zu entlasten, bekunden die Projektleiterinnen.

Doch nicht alle Betroffenen, das zeigt sich bei der Auftaktveranstaltung, sind daran interessiert, mitzuwirken. „Was soll das bringen?“, fragt ein Besucher in die Runde. Ein anderer klagt: „Ich hatte so lange meine Ruhe. Jetzt wird das alles wieder aufgewühlt.“

Das Albertinum hat fraglos seine Spuren an diesen Männern hinterlassen. Noch Jahrzehnte später lässt die Internatszeit viele ehemalige Schüler nicht los. Wohl auch darum haben sich rund 30 Betroffene am Donnerstagabend in dem Seminarraum eingefunden. Die meisten sind inzwischen ältere Herren. Sie waren aber noch Kinder, als einige von ihnen erleben mussten, was kein Kind erleben sollte.

2018 hat das Bistum Trier auf Anfrage des Volksfreund eingeräumt, dass Jungen im Albertinum physische, psychische und sexuelle Gewalt erfahren haben. Schutzbedürftige sollen von 1953 bis 1981 geschlagen worden sein, gedemütigt. Und manche auch missbraucht. Wie viele Täter, wie viele Opfer, wie viele Fälle es gab – all das ist noch unklar. Das nun angestoßene Projekt soll aber Licht ins Dunkel bringen. Eineinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Vorfälle hat das Bistum Trier nun die Aufarbeitung beauftragt.

Die Leitung übernehmen Janssen und Bundschuh, zwei vom Bistum unabhängige Wissenschaftlerinnen, die sich in der Vergangenheit bereits mit sexuellen Übergriffen und Gewalt an kirchlichen Einrichtungen befasst haben. So haben die beiden Frauen zwischen 2015 und 2017 im Auftrag des Erzbistums Köln ein ähnliches Vorhaben am Collegium Josephinum in Bad Münstereifel geleitet. Auch dort sollen Schutzbedürftige über Jahre missbraucht worden sein.

Zwei Jahre habe es gedauert, alle Informationen zusammenzutragen und in einem rund 220 Seiten starken Bericht zusammenzufassen, sagt Janssen. Und auch in Trier gibt es viel zu tun. Zwölf Meter Akten gilt es zu durchforsten. Die Geschädigten sollen bei Interviews zu Wort kommen. „Wir verstehen uns als Sprachrohr der Betroffenen“, sagt Bundschuh.

Deswegen werden drei ehemalige Schüler auch direkt in das Projekt eingebunden. Da es Missbrauchsvorwürfe unter allen drei früheren Direktoren des Albertinums gibt, sollen auch Ehemalige aus allen Leitungsperioden im sogenannten Lenkungsausschuss mitwirken. Zwei sind bereits gefunden. Nur aus der Ära des früheren Leiters Erwin Puhl hat sich noch niemand gemeldet.

Der Ausschuss soll sicherstellen, dass die Aufarbeitung wissenschaftlich fundiert vonstatten geht und, dass die Ergebnisse zunächst peu à peu und dann im Spätsommer 2021 in einem Bericht veröffentlicht werden.

Dem Gremium gehören neben den drei Betroffenen noch der Psychologe Jan Hofer, der Kinderarzt Helmut Peters, der frühere Trierer Polizeipräsident Lothar Schömann sowie Dorothee Bohr, ehemalige Rechtsexpertin des Bistums und Judith Rupp, Bistumsprecherin, an.

Operativ mitwirken wird die Kirche bei der Aufarbeitung aber nicht, verspricht Rupp. „Uns ist egal, was das Bistum, oder der Bischof, davon hält“, stellt auch Wissenschaftlerin Bettina Jannsen klar. Zur Auftaktveranstaltung hat man Ackermann, den Missbrauchsbeauftragten der Kirche, nicht einmal eingeladen. Auch Helmut Peters vom Lenkungsausschuss erklärt: „Wir werden die Vorfälle offenlegen. Nichts soll unter den Teppich gekehrt werden.“

Vollends überzeugen kann dies die Betroffenen aber offenbar nicht. Nach der Vorstellung des Projektes hagelt es Kritik aus den Zuschauerrängen. „Die Aufarbeitung haben wir doch alle längst hinter uns“, sagt ein Gast: „Sonst würden wir gar nicht mehr hier sitzen. Der Herr Ackermann lacht sich tot.“ Ein anderer Besucher gibt ihm Recht: „Der Bischof will sich nur von der Verantwortung freikaufen. So sollen Kirchenaustritte gestoppt werden. Ich bin inzwischen ausgetreten, und ich weiß auch warum. Ich kann das jedem Jugendlichen nur empfehlen.“

Auch die Bereitschaft der ehemaligen Schüler, sich an der geplanten Gruppenarbeit nach der Veranstaltung zu beteiligen, hielt sich in Grenzen. Den Ermutigungen von Bistumssprecherin Rupp, sich doch bitte zusammenzusetzen, um über die Erwartungen an das Projekt zu sprechen, kam niemand nach. „Was ich mir von dem Projekt wünschen würde?“, ruft ein wütender Betroffener: „Ich will den Schuldigen vor Gericht sehen. Der läuft immer noch frei rum.“ Letztlich schreibt der ein oder andere doch widerwillig ein paar Worte auf Karteikarten. Und am Ende klingt ein Gast etwas versöhnlicher: „Vielleicht sollten wir den Damen und Herren erstmal die Gelegenheit geben, zu arbeiten, bevor wir sagen, dass nichts dabei rauskommt.“

Wissenschaftlerin Janssen scheint am Ende dennoch weder überrascht noch unzufrieden mit dem Ausgang der Auftaktveranstaltung zu sein: „Es war eine große Emotionalität da. Vielleicht auch, weil es so lange gedauert hat, bis etwas passiert ist.“ Wie es jetzt weitergeht? Erstmal abwarten. Weil die Projektleiterinnen nicht auf die Geschädigten zugehen wollen, müssen sie sich so lange gedulden, bis die Betroffenen sich melden. Ehemalige Schüler können unter der E-Mail-Adresse: info@albertinum-gerolstein.de oder unter Telefon: 0162 5363617 Kontakt zu Bundschuh und Janssen aufnehmen. Auf das Postfach und die Leitung haben nur die beiden Zugriff.

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