Cyberkriminalität im Nato-Bunker: In der Traben-Trarbacher Unterwelt fühlte sich Mister X. sicher

Kostenpflichtiger Inhalt: Cyberkriminalität im ehemaligen Nato-Bunker : In der Traben-Trarbacher Unterwelt fühlte sich Mister X. sicher

Über sechs Jahre konnte eine offenbar kriminelle Vereinigung in einer ehemaligen militärischen  Anlage dunkle Geschäfte betreiben, obwohl das LKA und der Bund gewarnt wurden. Volksfreund.de erzählt die Geschichte hinter Mister X.

Die Traben-Trarbacher sind stolz auf ihre Unterwelt. Die Unterwelt, das sind riesige  Kelleranlagen, gebaut um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert  von reichen Weinhändlern, die die kleine Moselstadt  mehrere Jahrzehnte zur zweitgrößten Weinhandelsmetropole Europas machten.

Heute wird in den Kellern zwar kein Wein mehr gelagert, vielmehr werden sie von der Stadt inzwischen  als Touristenattraktion  vermarktet.  Auch der weit über die Grenzen Traben-Trarbachs bekannte Mosel-Wein-Nachts-Markt findet in den unterirdischen Kelleranlagen statt.

Doch seit Donnerstag, 26. September,  bekommt der Begriff Traben-Trarbacher Unterwelt eine ganz andere Qualität. Tief unter der Erde, in einem ehemaligen  Bunker der Bundeswehr, hat eine offenbar kriminelle Vereinigung aus den Niederlanden  unter der Führung von  Herman-Johan X.  seit dem Jahr 2013 millionenschwere Geschäfte im Darknet betrieben.  Dort befanden sich Server, über die mutmaßliche Kriminelle aus aller Welt im Darknet offenbar Drogen verkauften, Falschgeldgeschäfte abwickelten, Kinderpornos verschickten oder Cyberangriffe starteten – bis vor zwölf Tagen.

Laut mehrerer Zeugen soll sich am Donnerstag, 26. September, folgendes abgespielt haben: Gegen 18 Uhr sitzt in einem Traben-Trarbacher Restaurant  ein halbes Dutzend Männer beim Essen. Sie sprechen  Niederländisch. An den Nebentischen platzieren sich unauffällig nach und nach sportlich wirkende Männer. Sie begutachten die Speisekarte  und geben ihre Bestellung  auf.  Kurze Zeit später stürmen schwer bewaffnete Polizisten einer Spezialeinheit  das Lokal. Die in zivil gekleideten  Männer in dem Gastraum  kommen ihnen zu Hilfe, sie ziehen ihre Jacken aus, unter denen Pistolen zum Vorschein kommen.  Die Polizei hat zuvor das Handynetz ausgeschaltet, damit die Verdächtigen  niemanden warnen können.  Handschellen klicken,  die Männer, die zuvor noch gemütlich beisammen saßen, werden verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen. Die Mitinhaberin des Restaurants will sich nicht äußern. Nur so viel: „Zum Glück ist nichts kaputt gegangen. Aber so etwas will ich nicht nochmal erleben.“

Unter den Bäumen und Wiesen bei Traben-Trarbach liegt ein riesiger Bunker-Komplex, 5000 Quadratmeter groß, mit über 500 Räumen. Foto: Polizei

Am gleichen Tag, etwa zwei Stunden später:  Der offizielle Teil der Sitzung des Verbandsgemeinderates Traben-Trarbach im Enkircher Bürgerhaus ist zu Ende. Man sitzt gemütlich beieinander, verschiedene Mitglieder sind gerade eben für ihre Verdienste  mit Urkunden geehrt worden. Plötzlich blinken bei mehreren Ratsmitgliedern die Smartphones  auf. Auch Heide Pönnighaus, von 2004 bis 2014  Stadtbürgermeisterin von Traben-Trarbach,  bekommt eine Nachricht:  „Da oben ist was los. Da ist eine große Razzia im Gange.“

Sie weiß, da oben, das ist das ehemalige Bundeswehramt für Wehrgeophysik,  das der Bund  vor sechs Jahren an eine niederländische Stiftung verkauft hat. Der Großeinsatz   inklusive Hubschrauber und  der Spezialeinheit GSG 9 ist in vollem Gange.  Schnell spricht sich herum, dass dort über all die Jahre mutmaßliche Kriminelle am Werk waren.

X. und seine Leute verkehrten auch sehr oft in einer Traben-Trarbacher Pizzeria, zuletzt vor etwa drei Wochen.  Ein Angestellter sagt: „Ja, die waren sehr häufig hier,  meistens waren es  fünf, sechs Männer, und auch eine Frau war gelegentlich dabei.“  Der Kellner erkennt auf einem Foto, das die irische  Zeitung  „Sunday  World“ 2015 veröffentlichte,  sowohl  X.,  als auch den Mann, der in der Szene „The Penguin“ genannt wird. Dieser sei  stets mit einem  silberfarbenen  BMW  X 6 mit Bochumer  Kennzeichen vorgefahren. In der Cocktailbar neben der Pizzeria hätten sich die Niederländer  immer dann getroffen, wenn im Fernsehen ein Champions-League-Spiel des Fußballclubs Ajax Amsterdam gezeigt wurde.

Ex-Stadtbürgermeisterin Heide Pönnighaus kennt den  Chef des Traben-Trarbacher „Cyberbunkers“, in dem er  einen Internet-Provider betrieb. Die Bundeswehr wollte die Immobilie offenbar so schnell wie möglich loswerden, so Pönnighaus. Schließlich  fand die zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)  in Herman-Johan  X. einen Interessenten.  Nach TV-Informationen soll die Immobilie (13 Hektar Grundstück inklusive mehrere Gebäude)  350 000 Euro gekostet haben. Das erscheint spottbillig, allerdings wollte sich außer dem Niederländer   niemand einen riesigen unterirdischen Bunker zulegen, der permanent riesige Kosten verursacht.  Denn der Bunker muss mit Pumpen und Lüftungsanlagen  trocken gehalten werden, damit kein Wasser eindringt.

Großeinsatz der Spezialeinheit GSG 9 und von mehr 600 Einsatzkräften bei einem ehemaligen Natobunker in Traben-Trarbach. Foto: Polizei

Als die Stadt erfuhr, dass  Herman-Johan X.  der potentielle Käufer ist, lud sie ihn ein.  Er solle vor dem Stadtrat  sein Geschäftsmodell erläutern. Heide Pönnighaus erinnert sich: „X. trug einen dunklen Anzug, trat aber betont lässig auf.  Er sagte, er wolle für Großbanken eine Sicherheits-Datenbank einrichten. Er würde viele Mitarbeiter einstellen, die außerdem auch Computerprogramme entwickeln. Er hat versucht, uns sein Vorhaben schmackhaft zu machen.  Ich hatte nicht das beste Gefühl bei der Sache. Bald mussten wir dann  feststellen, dass dort keine Arbeitsplätze geschaffen werden.“

 Weil die Immobilie von einer militärischen zu einer gewerblichen  Nutzung  umgewidmet werden sollte, musste der Stadtrat einer Bebauungsplanänderung zustimmen – was dieser auch tat.

Allerdings gab es aus der Verbandsgemeindeverwaltung große Bedenken. Sie waren so groß, dass die Verwaltung sowohl die BImA als auch das LKA schriftlich darüber informierte, dass es sich bei  Herman-Johan  X. um einen möglicherweise kriminellen Internetaktivisten handeln könnte. Bürgermeister der VG Traben-Trarbach war seinerzeit Ulrich K. Weisgerber. Er will sich dazu heute nicht persönlich äußern.

Auch der TV hatte bereits im Juli 2013 über den dubiosen Käufer berichtet und schrieb: „Die niederländische Tageszeitung De Telegraaf bezeichnet einen führenden Mitstreiter von CyberBunker als Hackerkönig, Internetanarchisten und Internet-Freiheitskämpfer. Auch der frühere Eigentümer von Cyberbunker sei „so ein Technoanarchist“ gewesen. Das Unternehmen soll hinter einer der weltweit größten Attacken im Internet stehen und dabei Rechner lahmgelegt haben.“

Seit 2014 ist Patrice Langer Stadtbürgermeister von Traben-Trarbach. Er war selbst seit 1976 Mitarbeiter im Amt für Wehrgeophysik  und arbeitete mehrere Jahre am Großrechner.

Eingang zum Bunker in Traben-Trarbach, in dem der größte Schlag gegen Cyberkriminalität gelungen ist. Foto: TV/Winfried Simon

Dreimal, das erste Mal im Jahr 2015 und einmal mit dem ganzen Stadtrat, sei  er  im ehemaligen Amt  gewesen und habe mit Herman-Johan X. gesprochen.   Langer: „Es gab immer wieder Gerüchte, dass dort seltsame Dinge passieren.  Es wurde unter anderem vermutet, dass dort Giftmüll deponiert   oder auf dem Gelände Drogen angebaut werden.“  Doch  es gab keinerlei Hinweise auf kriminelle Machenschaften.  Langer: „Wir haben nichts  Verdächtiges gesehen. Natürlich konnten wird nicht   sehen, was auf den Rechnern läuft.“  X. habe vielmehr immer wieder betont, dass er Mitarbeiter einstellen und sogar einen IT-Campus einrichten wolle.

Im vergangen Jahr wurde Langer dann aber besonders misstrauisch. Er erfuhr, dass X. seinen Wohnsitz von Traben-Trarbach nach Singapur verlegt habe. Außerdem gab es immer wieder Beschwerden von Einheimischen und Touristen, die sich über die teilweise lauten und sehr aggressiven Hunde wunderten, die das Gelände rund um die Uhr bewachten. Sieben scharfe Rottweiler  liefen am Zaun entlang und bellten jeden an, der sich dem Gelände näherte.

Langer: „Ich habe dann einen Brief ans Mainzer Innenministerium geschickt und darum gebeten, sich der Sache anzunehmen.“

Zu diesem Zeitpunkt liefen allerdings schon die Ermittlungen  des Landeskriminalamtes. Interessant ist  die Vorgeschichte bis zum Verkauf der Immobilie  im Jahr 2013. Als 2004 bekannt wurde, dass die Bundeswehr das Traben-Trarbacher Amt schließen werde, überlegten die Verbandsgemeinde und die Stadt,  wie eine  Anschlussnutzung des großen Geländes mit seinen Gebäuden und seinem hermetisch abgeriegelten Bunker aussehen könnte.  Studenten der Universität Trier hatten in einer Studie die Folgen bewertet und Vorschläge für eine Folgenutzung gemacht.  Den unterirdischen Bunker abzureißen, würde viel Geld kosten, daher sollte man ihn nutzen. Zum Beispiel als Datenarchiv, als Flugsicherungszentrale oder als gentechnisches Labor. Auch Champignons könnten, so die Studenten, in den dunklen Räumen gezüchtet werden. 

Eine weitere Idee: Der Aufbau  eines Forschungsinstituts zur Terrorismusbekämpfung.

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