"Ein Alarmzeichen" – Gewerkschaft warnt vor Überbelastung von Lehrern

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Klaus-Peter Hammer : "Das ist ein Alarmzeichen" – Gewerkschaftschef warnt vor Überbelastung von Lehrern

Brandbriefe überlasteter Lehrer nehmen zu, sagt der Landeschef der Gewerkschaft GEW – und kritisiert Unterrichtsausfall in Schulen.

Eltern in Rheinland-Pfalz schimpfen über mehr als zwei Millionen Stunden Unterrichtsausfall im Schuljahr, fordern 3000 neue Lehrer, Pädagogen beklagen in einem Brandbrief an Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) Überlastung. Auch Klaus-Peter Hammer, Landeschef der Lehrergewerkschaft GEW, erwartet im Interview mit TV-Landeskorrespondent Florian Schlecht einen gewaltigen Ruck von der SPD-geführten Ampelkoalition, um die Nöte an den Schulen zu lindern.

3000 Lehrer fehlen an rheinland-pfälzischen Schulen, zeigt eine Studie des Regionalelternbeirats Koblenz. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Klaus-Peter Hammer, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Foto: picture alliance / dpa/GEW

KLAUS-PETER HAMMER Über die Dramatik kann man streiten. Die Aussage, wonach 3000 Lehrer fehlen, möchte ich aber so klar unterstreichen. Wer in die Schulen von Rheinland-Pfalz geht, hört allerorten, dass es mehr Personal braucht, um kleinere Lerngruppen zu bilden und die Arbeit zu schaffen. Wir bemängeln seit Jahren den Pfad des Personalabbaus. Die Schulen wurden immer nur so mit Lehrern ausgestattet, dass es einigermaßen gereicht hat. Es gab nie das üppige Plus an Lehrern, das die Schulen gebraucht hätten.

Das Land spricht von einer Unterrichtsversorgung von 99,1 Prozent. Ausgefallene Stunden, bei denen Lehrer unter anderem Klassen zusammenlegen oder es Stillarbeit gibt, zählen dabei aber nicht als Unterrichtsausfall. Verschleiert das Land die wahre Lage?

HAMMER Man kann eine Statistik schon so gestalten, dass sie besser aussieht. Jedoch hat das Bildungsministerium sich bemüht, fortlaufend neue Lehrer einzustellen, trotzdem wurde immer die Sparbremse dabei betätigt. Und es wurde letztendlich nie genügend Personal eingestellt. Man sollte in der Statistik lieber damit arbeiten und das darstellen, was die Schulen wirklich brauchen. Jetzt sind wir in einer Situation, die mich nachdenklich stimmt. Viele Lehrer wissen nicht mehr, wie sie ihre Arbeit leisten sollen.

Lehrer aus der Pfalz haben in einem Brandbrief an Bildungsministerin Stefanie Hubig Überlastung angeprangert. Ein Einzelfall?

HAMMER Dieser Brandbrief ist nur die Spitze des Eisbergs. Belastungsanzeigen nehmen aus allen Regionen zu. Die Kollegen werden dafür zum Glück wacher. Wir fordern die Schulen auch auf, solche Anzeigen beim Bildungsministerium zu stellen, um ihre Lage zu schildern.

Warum fühlen sich Lehrer überlastet?

HAMMER Sie schildern die personelle Ausstattung der Schule und sagen, dass sie ihre Arbeit nicht mehr leisten können, in einem Korsett stecken, kaum Freiräume haben. Lerngruppen werden dann zusammengelegt, wodurch weniger Zeit für die einzelnen Schüler bleibt. Besonders problematisch ist es in der Grundschule, wo viele Vertretungslehrer arbeiten, die noch nicht qualifiziert sind und begleitet werden müssen. Viele Kollegen stehen mit dem Rücken zur Wand und reduzieren inzwischen freiwillig ihr wöchentliches Stunden-Kontingent, um Entlastung zu schaffen.

Ist das nicht eine Generationen-Frage? Auch junge Ärzte arbeiten freiwillig weniger, um Familie und Beruf zu vereinbaren:

HAMMER In anderen Berufen reden wir von Work-Life-Balance, wenn Arbeitnehmer das machen. Lehrer brauchen nicht mehr Zeit, um Tennis zu spielen. Sie sagen: Wir schaffen unsere Arbeit ansonsten nicht. Viele wollen auch früher aus dem Beruf raus. Das ist ein Alarmzeichen.

Was fordern Sie?

HAMMER Unsere Forderung ist, dass Lehrer die wöchentliche Unterrichtszeit um eine Stunde reduzieren könnten, um sie vor Überlastung zu schützen. Wo Lehrer vor 50 Jahren stur den Unterricht vorbereitet haben und einige Eltern-Gespräche führen mussten, hat die Belastung durch höheren Anspruch an Unterricht, Ganztagsschulen, Klassenfahrten, Korrekturen und Konferenzen deutlich zugenommen. Dann braucht es natürlich mehr Personal. Mein Vorschlag wäre in einem ersten Schritt, die Schulen mit besonderen Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Auch mehr Sozialarbeiter in Schulen können die Lehrer entlasten.

Lehrer wachsen aber gerade in Mathe, Chemie, Physik und Informatik nicht auf den Bäumen. Wo sollen neue Kräfte herkommen?

HAMMER In den Mangelfächern müssen wir Anreize für Seiteneinsteiger schaffen, in den Lehrberuf zu wechseln. Viele Seiteneinsteiger haben frühzeitig abgebrochen, weil sie zu wenig Zeit hatten, sich zu qualifizieren und zu schnell zum Unterricht verpflichtet waren. Die Hürden müssen sinken. Es ist zwar extrem schwierig für den öffentlichen Dienst, mit der freien Wirtschaft zu konkurrieren. Aber es gibt Seiteneinsteiger, die bewusst Lehrer werden, weil ihnen die Arbeit großen Spaß macht.

Tausende neue Lehrer kosten Millionen Euro. Wie soll das Land das bezahlen?

HAMMER Die Frage ist berechtigt, das Geld ist aber da. Rheinland-Pfalz hat im Haushalt Rücklagen von mehr als 300 Millionen Euro geschaffen. Nach wie vor steigen die Steuereinnahmen. Inzwischen haben wir eine Situation erreicht, in der wir neue Lehrer schlichtweg finanzieren müssen, wenn wir nicht wollen, dass die Schulen den Bach runtergehen.

Hat Ministerin Hubig die Lage noch im Griff?

HAMMER Ich nehme wahr, dass sie gut zuhört und sich bemüht, das Beste rauszuholen. Aber Frau Hubig sitzt nicht alleine am Kabinettstisch. Sie hat mit Doris Ahnen auch eine mächtige Finanzministerin und muss mit den Mitteln klarkommen, die sie ihr bereitstellt. Meine Forderung an die gesamte Landesregierung lautet, den Bildungsbereich stärker in den Blick zu nehmen.

Die CDU-Landtagsabgeordnete Anke Beilstein sprach jüngst von Schulleitern, die von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) gedrängt worden seien, ausgefüllte Unterrichtsstatistiken zu überarbeiten, weil ihr die Zahlen nicht passten. Hören Sie Ähnliches?

HAMMER Ich habe davon auch schon gehört. In der Tat gibt es wohl das Phänomen, dass man da nachfragt. Das ist ein Problem. Ich würde mir wünschen, Schulen nicht aus rein administrativer Sicht zu verwalten, sondern alarmierende Zahlen aus den Schulen auch wirklich als Warnzeichen zu sehen. Das Land – und in diesem Beispiel die ADD – sollten lieber schauen, was man an den Schulen besser machen könnte: wie das Schaffen von Freiräumen für die Schulen, statt diese durch Vorgaben zu gängeln.

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