Einen Tag unterwegs mit einem DHL-Boten durch Saarbrücken

Kostenpflichtiger Inhalt: Reportage : Unterwegs mit einem Paketboten im Weihnachtsstress

In Deutschland boomt der Online-Handel. Das bedeutet auch mehr Druck auf Paketzusteller – gerade jetzt vor Weihnachten. Doch wie sieht der Tag eines Paketboten aus? Eine Reportage.

Klopapier. Ja, selbst Klopapier bestellen sich die Leute nach Hause. Klooo-paa-piiier!

Wenn er eine Hand frei hätte, würde sich Edgar jetzt an den Kopf fassen. Hat er aber nicht. Er kann ihn deshalb nur hin und her schütteln – ohne dabei seinen akkurat gegelten Scheitel zu zerstören. Immer freundlich, immer mit einem Lächeln. So sind sie eben, seine Kunden. Die Menschen, in deren Eingangsfluren er fast täglich ein- und ausgeht. Er kennt so gut wie alle Namen. Weiß, wer gerade arbeitslos oder in Rente ist. Weiß, wer grundsätzlich nie reagiert und wer gerne einen Plausch hält, während er die Pakete scannt. Während es piepst, piepst und piepst. Und Edgar liebt es, wenn es piepst. Meistens zumindest.

Denn natürlich gibt es auch die Tage, an denen er das Fahrzeug am liebsten auf den Mond schießen würde, diesen gelb-roten Transporter, den fast jeder kennt. An dem fast jeder mal vorbeigelaufen ist. Mit dem Edgar am Morgen gegen 10 Uhr aus der Zustellbasis in St. Ingbert gestartet ist. Dort wo montags bis samstags um 4.30 Uhr die ersten Lichter angehen. In einer 4700 Quadratmeter großen Halle mit Paketen am laufenden Band.

Der Dienstleister DHL – Tochterfirma der Deutschen Post – hat im Saarland noch drei kleinere Verteilzentren in Völklingen, Hülzweiler und Kirkel. Bis zu 12 000 Pakete rollen pro Tag in St. Ingbert vom Band. Jetzt um die Weihnachtszeit sind es doppelt so viele. Alles, was hier landet, kommt aus der Paketzentrale im rheinland-pfälzischen Saulheim. Von St. Ingbert aus bedienen die Verteiler sieben Gebiete, darunter auch Teile von Saarbrücken.

Werksleiter Torsten Würtz hat für Weihnachten 30 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. „Immer mehr Leute bestellen online.“ Der hochgewachsene Mann schätzt, dass das Paketvolumen jährlich um sechs bis sieben Prozent wächst. Als sein Werk 2016 den Betrieb aufnahm, arbeiteten dort etwa 70 Zusteller. Auf dem Parkplatz standen 53 Fahrzeuge. Jetzt, Ende 2019, sind es mehr als 100 Zusteller. Auf dem Parkplatz stehen 88 Fahrzeuge. In Hochzeiten muss Würtz dazumieten.

Diese Entwicklung bestätigt auch DHL-Sprecher Heinz-Jürgen Thomeczek. Nickend und erläuternd steht er in der staubsaugerlauten Halle. Um ihn herum: Pakete auf vier Bändern. 4000 pro Stunde. Kartons gegen Gummi und Metall. Daueraufprall. Thomeczek rechnet vor: „In Deutschland werden pro Tag fünfeinhalb Millionen Pakete ausgeliefert. An Weihnachten sind es elf Millionen.“ Der Bundesverband Paket- und Expresslogistik skizziert den Boom der vergangenen Jahre: 1,69 Milliarden Sendungen im Jahr 2000. Im Jahr 2018 waren es schon mehr als 3,5 Milliarden – so viele wie nie zuvor. Bis 2023 soll das Volumen auf 4,4 Milliarden steigen.

Kurz vor Weihnachten bedeutet das für das Team von Würtz: Pakete am laufenden Band, volle Lieferwagen, Schichten bis zu zehneinhalb Stunden pro Tag. Für 13,64 Euro brutto die Stunde. Samstage sind Arbeitstage. Für Überstunden gibt es Zeit- oder Geldausgleich.

An diesem nieselverregneten Freitag hat Edgar 193 Pakete in sein Fahrzeug geladen. „Alles über 200 ist schmerzhaft.“ Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Pakete sind schwer, bis zu 30 Kilogramm. Bis Edgar alle im Auto hat, vergehen anderthalb Stunden. „Wir haben Probleme, Personal zu finden“, sagt sein Vorgesetzter Würtz. Für Frauen ist der Knochenjob, so scheint es, eher unattraktiv: Nur sieben von 120 Mitarbeitern sind weiblich. Würtz akzeptiert auch „Leute ohne Schulabschluss“. Im Verladegang stehen einige Syrer zwischen Zalando-Schuhen und klirrenden Weinflaschen. Würtz betont, dass sie vor der Einstellung einen Deutschtest bestehen müssen. Warum niemand mit rudimentären Sprachkenntnissen mal so eben ins Fahrzeug steigen kann, wird auf der Fahrt mit Edgar deutlich. „Man muss lesen können“, sagt der 28-Jährige. Sonst verliert man den Überblick. Und überhaupt: Wenn Kunden Fragen haben, muss der Zusteller antworten können. Anders geht es nicht. „Aawet is Aawet“, sagt der Deutsch-Russe auf Lokal-Dialekt.

Heute führt ihn die „Aawet“ in den Bezirk 52 am Staden. Bismarckstraße und Mainzer Straße. Zündschlüssel rein, der Motor brummt. „Es muss brummen.“ Edgar verzieht das Gesicht. „E-Auto?“ Nein, sowas würde er ungerne fahren. Zu wenig Gebrumm unter den abgetretenen Sohlen. Im Verteilzentrum St. Ingbert fährt noch kein Paketzusteller ein Elektroauto. Erst ab 2020 soll das erste kommen.

Bis dahin brummt es. Und Edgar greift mal wieder nach dem Paket-Pfeil in Smiley-Form, dem Logo des Online-Versandhändlers Amazon. Edgar schätzt, dass 70 Prozent seiner Waren auf die Plattform zurückgehen. DHL-Sprecher Thomesczek sagt: „Definitiv einer unserer größten Kunden.“ In Völklingen-Wehrden soll ab Herbst 2020 das saarlandweit erste Amazon-Verteilzentrum mit 100 Mitarbeitern in Betrieb gehen. Konkurrenzpanik? „Wir sehen dem gelassen entgegen.“

Auch Edgar wirkt gegen 12.30 Uhr gelassen. Seit etwas mehr als zwei Stunden ist er unterwegs. Hält in Einfahrten oder irgendwo am Straßenrand. Wenn er auf Toilette muss, geht er ins Casino am Staden. Man kennt sich. Man grüßt sich. Man sagt Tschüss – und der Wagen leert sich. Heute sind Klopapier und Zahnbürsten nicht dabei. Dafür aber unhandliche Ikea-Möbel, Schuhe und ein Keyboard. Edgar muss alles tragen. Stufe für Stufe. Dann piepst es wieder – und der Kunde unterschreibt.

Heute in der Bismarckstraße. Nicht in der „Horrorstraße“. Also Mainzer Straße. Er hasst sie. Aber meint damit nicht die Kunden. Eher das schwierige Parken. Die vielen Treppen. Die Radfahrer, die sich beschweren. Das bitterernst gemeinte Halteverbotsschild. Die Stadt Saarbrücken schreibt auf Anfrage: „Gerade in der Innenstadt würde eine Bevorzugung von Online-Lieferanten zu Lasten der lokalen Händler, der Anwohner, aber auch des ÖPNV und des Radverkehrs gehen. Das ist für uns keine Option.“

Die Stadt hat also nicht vor, mehr Kurzzeitparkplätze zu schaffen. Wie es sich DHL wünscht. Nein, es gebe „ausreichende Haltemöglichkeiten“. Klare Ansage. Edgar atmet tief durch. Aawet is Aawet. Stress-Entschädigung wartet hinter der Haustür. Mal bekommt er Schokolade. Mal einen lieben Spruch. Bis zu 25 Euro Trinkgeld dürfen die Fahrer offiziell pro Tag annehmen. Offiziell. Weihnachten ist Weihnachten.

Edgar steht wieder vor einer Tür und klingelt. Diesmal vergebens. Er muss einen Abholschein hinterlassen. Im Schnitt tut er das neun- bis elf Mal am Tag.

Nach einer Erhebung des Verbraucher-Portals „Post-Ärger.de“ gab es aus dem Saarland in der zweiten Jahreshälfte 2018 bundesweit die wenigsten Paketbeschwerden. 4,7 pro 100 000 Einwohner. Berlin hatte mit 34, 1 Beschwerden die höchste Quote. Gäbe es nicht das Widerrufsrecht, sähen die Zahlen vielleicht anders aus. Kunden können Waren nämlich innerhalb von 14 Tagen unkompliziert wieder loswerden.

„Im Januar und Februar beginnt das große Umtauschgeschäft“, sagt Edgar. „Nach Weihnachten ist vor Weihnachten.“ Wie Forscher der Universität Bamberg herausgefunden haben, sind portofreie Rücksendungen für 200 000 Tonnen CO2 verantwortlich. Die Wissenschaftler regen deshalb eine gesetzlich festgelegte Mindestgebühr an.