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Experten diskutieren in Trier über Lösungen, um medizinische Versorgung in der Region aufrechtzuerhalten.

Gesundheit : Der Mangel ist bereits spürbar und wird noch schlimmer

Experten diskutieren in Trier über Lösungen, um die medizinische Versorgung in der Region aufrechtzuerhalten. Viele junge Ärzte wollen nicht aufs Land.

Die Sorge vor dem Corona-Virus stelle die Ärzte vor zusätzliche Herausforderungen, sagt Burkhard Zwerenz. Der Prümer Hausarzt bietet nur noch offene Sprechstunden an, Patienten können ohne Termin in die Praxis kommen. Ansonsten sei das Aufkommen nicht mehr zu bewältigen, sagt Zwerenz bei einer Diskussionsveranstaltung in der Trierer Bezirksärztekammer. Es geht um die ärztliche Versorgung in der Region – jetzt und in Zukunft.

Auch ohne Corona kämen viele Ärzte bereits derzeit an ihre Grenzen, sagt Zwerenz. Zehn- bis 14-Stunden-Tage seien bei ihm keine Seltenheit. Und wenn nicht endlich gegengesteuert werde, bei der Arztausbildung und beim Finden von Nachwuchs, dann gebe es bald nicht mehr ausreichend Allgemeinmediziner in der Region. „Die Situation wird deutlich schlechter werden“, warnt Zwerenz bei der von TV-Chefredakteur Thomas Roth moderierten Runde. Aus seiner Sicht ist es nun fast schon zu spät, um auf die Misere zu reagieren. Vor dem jetzigen Arztmangel in der Region sei bereits vor 15 Jahren gewarnt worden. „Passiert ist aber nichts“, so Zwerenz.

Das belegen auch Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz. Bis 2024, so Harald Allmendinger von der KV, müssten für 54 Prozent der Hausärzte in der Region Nachfolger gefunden werden, bei Fachärzten seien es sogar 61 Prozent. 37 Prozent der Hausärzte zwischen Hunsrück und Eifel seien über 60 Jahre alt. Nicht selten praktizierten über 70-jährige, niedergelassene Ärzte noch immer weiter, weil sie keinen Nachfolger fänden. Doch viele junge Mediziner wollen nicht aufs Land. Oder sie wollen sich nicht mit einer eigenen Praxis niederlassen. Zum einen weil ihnen das finanzielle Risiko zu groß ist. Zum anderen weil sie eben nicht bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten wollen. Sie wollen lieber als angestellte Ärzte in Praxen arbeiten. Das, so Allmendinger, bedeute aber, dass noch viel mehr Mediziner notwendig seien, um frei werdende Arztstellen zu besetzen. Auf zwei ausscheidende, niedergelassene Ärzte müssten mindestens drei jüngere nachfolgen, um den derzeitigen Stand der medizinischen Versorgung aufrechtzuerhalten.

Um junge Ärzte aufs Land zu locken, gibt es in Rheinland-Pfalz nun eine sogenannte Landarztquote. Medizinstudenten, die sich vor dem Studium verpflichten, nach seiner Ausbildung zehn Jahre in einer Region in Rheinland-Pfalz zu arbeiten, in der es an Ärzten mangelt oder in der ein Ärztemangel droht, erhält auch ohne entsprechende Abiturnoten einen Studienplatz. 13 solcher Plätze stehen ab kommenden Wintersemester zur Verfügung (der TV berichtete). Man setze große Hoffnung in das Modell, sagt Jochen Metzner vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium. Man habe vielleicht zu spät reagiert, gibt der Ministeriumsvertreter zu. Zwerenz glaubt jedoch, dass dadurch das Problem des Ärztemangels nicht gelöst werden kann.

Auch die KV unterstützt Mediziner, die sich in sogenannten förderfähigen Gebieten, in denen es einen Ärztemangel gibt oder dieser droht, niederzulassen (fast die gesamte Region Trier ist als ein solches Gebiet eingestuft).  39 000 Euro erhalte ein Arzt an Zuschuss, wenn er dort eine Praxis übernimmt oder eröffnet. Mit mäßigen Erfolg, wie Allmendinger zugeben muss. Man finde trotz allem keine Ärzte, die sich dort niederlassen wollten.

Günther Matheis, Vorsitzender der Landesärztekammer warnt davor, offene Stellen mit Medizinern aus dem nichteuropäischen Ausland zu besetzen. Zum einen sei die Nachqualifizierung dieser Ärzte mit einem hohen Aufwand verbunden. Und zum anderen fehlten diese in ihren Heimatländern. Daher sei die Abwerbung dieser Ärzte unsolidarisch, so Matheis. In einem reichen Land wie Deutschland habe man genügend Möglichkeiten, dem Ärztemangel entgegenzusteuern. Etwa indem man mehr Mediziner ausbilde und die Zahl der Studienplätze deutlich erhöhe. Ein Schritt dazu sei auch die Regionalisierung des Medizinzstudiums in Rheinland-Pfalz, zu der auch die praktische Ausbildung der angehenden Ärzte in Trier gehöre (siehe Extra).

Der Landeschef der Techniker Krankenkasse, Jörn Simon, warnt die anwesenden Mediziner vor allzu großem Pessimismus. Durch die fortschreitende Digitalisierung und neue Techniken müsste es gar nicht mehr so viele Einzelpraxen – über 400 gibt es in der Region – geben. Ärzte und Patienten könnten untereinander auch digital vernetzt sein, sagt Simon. Außerdem müsse dringend die Krankenhausstruktur reformiert werden. Kliniken sollten, so der TK-Landeschef, stärker in die ambulante Versorgung eingebunden werden, indem sie etwa zu integrierten Gesundheitszentren würden.