Helfer aus Rheinland-Pfalz retten Flüchtlinge aus Gummibooten

Flüchtlinge : Verzweifelte Suche nach Flüchtlingen: Was rheinland-pfälzische Retter auf dem Mittelmeer erleben

Was rheinland-pfälzische Retter auf dem Mittelmeer erleben – und warum sie sich für die europäische Politik schämen.

Noch wenige Tage, dann packt Gerhard Trabert seine Tasche zusammen und eilt davon, um im Mittelmeer Menschenleben zu retten. Der Arzt aus Mainz gehört zu freiwilligen Helfern in Rheinland-Pfalz, die mit privaten Vereinen auf hoher See nach Flüchtlingen suchen, die sich in engen Schlauchbooten von der libyschen Küste auf die Flucht nach Europa begeben.

Der Mainzer Mediziner blickt in den Tagen mit einem Feldstecher aufs offene Meer, trägt wasserfeste Kleidung und denkt an Worte von Bertolt Brecht. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“, zitiert Trabert den deutschen Autor. Selten habe dieser Satz besser gepasst, findet der Arzt in Tagen, in denen die italienische Staatsanwaltschaft gegen die deutsche Kapitänin Carola Rackete ermittelt, weil die mit der „Sea-Watch 3“ unerlaubt  Migranten nach Italien gebracht hat. Beihilfe zur illegalen Einwanderung, heißt der Vorwurf.

Trabert platzt da der Kragen. „Wenn es ein Verbrechen ist, Menschenleben zu retten, sollen sie mich einsperren. Dann gehe ich freiwillig ins Gefängnis“, sagt der Arzt in einem Ton, der keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit lässt.

Welche Zustände auf dem offenen Meer herrschen, hat er selber schon erlebt. Ertragen will er sie nicht. „Das macht mich unfassbar traurig“, sagt er. Im Sommer 2015 ging es los, als er mit Aktivisten erstmals vor der libyschen Küste lag. Über die Rettungsleitstelle in Rom ging per Funk ein Notruf ein. 600 Menschen kämpften in einem völlig überfüllten Holzboot um ihr Leben. Helfen konnte die Crew nicht. Ein Motorschaden hatte das Team zurück nach Lampedusa gezwungen. 200 Migranten ertranken auf hoher See. „Das war unglaublich frustrierend“, erinnert sich der Arzt, der gerne eingegriffen hätte.

2016, als Trabert ein zweites Mal im Mittelmeer helfen wollte, endete die Geschichte anders. Da suchten die Helfer den Ozean ab, entdeckten einen winzigen, kleinen Punkt am Horizont und steuerten auf ihn zu. Doch der Punkt war kein Punkt – sondern ein Schlauchboot. „160 Menschen dicht aneinandergepfercht, die Männer außen am Rand, Frauen und Kinder in der Mitte, alle in einem Gemisch aus Meerwasser, Diesel, Fäkalien“, schildert der Arzt. „90 Prozent der Menschen konnten nicht schwimmen, keiner trug eine Rettungsweste.“

Die Helfer beruhigten die Flüchtlinge, verteilten sie auf ihr Schiff, brachten sie nach Sizilien und Lampedusa – zu einer Zeit, als sie noch in die Häfen einkehren durften. Hinter jedem Menschen, der aus Libyen geflohen war, stecke ein grausames Schicksal, sagt Trabert. „Die Frauen waren total erschöpft, verletzt von Misshandlungen in den Gefängnissen, gar vergewaltigt.“ Für die Crew und Flüchtlinge seien solche Rettungen auch mit Gefahren verbunden. „Wenn so viele Menschen auf dem Boot sind, manche seekrank werden und das Trinkwasser knapp ist, besteht immer die Gefahr, zu kollabieren. Die Zustände hautnah zu erleben, hat mich unheimlich traurig, melancholisch und wütend zugleich gemacht“, sagt Trabert.

Umso weniger kann er verstehen, wenn Migranten nun in europäischen Häfen festsitzen. In den folgenden Jahren habe er erlebt, wie Rettungsschiffe nicht mehr am Festland anlegen durften und die Situation in Flüchtlingslagern sich verschlimmerte. In einem nordsyrischen Lager habe er selber erlebt, wie es von 1500 Menschen im Jahr 2017 auf 25 000 im vorigen Dezember angewachsen sei. „Die Bedingungen sind menschenunwürdig.“

Kein Verständnis habe er dafür, dass ein europaweites Rettungsprogramm fehlt. Italien, das nun die Häfen schließe, habe lange Hilfe eingefordert. Vergeblich. Länder, die Verantwortung abstreiften, müssten von der EU sanktioniert werden, fordert Trabert, der Populisten vorwirft, den Boden dafür geschaffen zu haben, Helfer zu kriminalisieren. Er selber erlebte auf seiner Facebook-Seite, wie rechter Gegenwind vor Helfern nicht haltmacht. Dort drohten ihm Nutzer schon körperliche Gewalt an.

Kopfschüttelnd verfolgen die Helfer auch die Vorwürfe, die Kritiker in dem sogenannten „Pull-Effekt“ wittern. Danach sollen die Helfer mit ihren Einsätzen die Schleuser-Geschäfte ankurbeln und mehr Migranten zur Flucht animieren. „Es flüchten nicht mehr Menschen wegen uns, aber es überleben mehr.“

Wo sich Europa abschottet, freut sich Trabert über Nachwuchs in Rheinland-Pfalz, der auch Hilfe leistet. Wie Lukas Kaldenhoff (20) und Tobias Streer (30), die in Mainz für den Verein „Resqship“ arbeiten, Demos organisieren, Flugblätter erstellen, an Kommunen in einer Resolution appellieren (siehe Extra) und zur Tat schreiten.

Beide – der Student und der Pfleger – waren schon auf dem Mittelmeer, mit einem Segelboot, das Rettungsinseln dabeihatte, um im Notfall Menschen zu retten. Kaldenhoff flog mit T-Shirts, wasserfesten Klamotten und Büchern des Schriftstellers Clemens Meyer zum Einsatz. Der Wind war stark, die Wellen hoch, sagt er. 24 Stunden am Tag stand er „unter Strom“, wie er sagt. Zum Einsatz kam es nicht.

Statt Gelassenheit spürte der Student aber Beunruhigung. „Wenn du nur Wasser siehst, wird einem erst mal bewusst, wie kritisch die Lage ist. Die Suche nach einem Boot mit Menschen ist in der Weite wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass viele Abfahrten unentdeckt bleiben“, sagt Kaldenhoff, der die Zahl von 682 gestorbenen Menschen in diesem Jahr auf dem Mittelmeer nicht glauben will. Die Dunkelziffer sei viel höher, nimmt er an.

Streer erlebte wiederum, wie seine Crew vor einem europäischen Hafen über 30 Stunden nicht einfahren durfte. „Das schlaucht und geht irgendwann an die Müdigkeitsgrenze.“

Abhalten lassen sich beide von neuen Rettungsversuchen nicht. Fehlende Hilfe der Politik spornt sie an. Kaldenhoff rührt wütend in seinem Tee, den er in einem Mainzer Café trinkt, und sagt „Wir haben ein verdammtes Glück,  in einem Café zu sitzen und Tee für drei Euro zu trinken. Genauso hätten wir im Bürgerkrieg in Libyen aufwachsen können. Diese Menschen lässt Europa willkürlich ertrinken“, ärgert er sich.

Irgendwo Flüchtlinge? Helfer schauen verzweifelt nach winzigen Punkten am Horizont. Oft suchen sie vergebens. Foto: Privat
Flucht über das Mittelmeer_InterRed. Foto: TV/Schramm, Johannes

Streer wiederum steht die nächste Reise schon bevor. Er reist mit Gerhard Trabert ins Mittelmeer. Wo es die Crew genau hinzieht, darf er nicht sagen. Die Angst, dass staatliche Behörden den Artikel lesen und ihre Arbeit erschweren, sei zu groß. Und die große Reise dafür viel zu wichtig.

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