Porträt: Carsten Sieling: Eher ein Mann fürs Florett

Porträt : Carsten Sieling: Eher ein Mann fürs Florett

Carsten Sieling hat zahllose Termine absolviert im Wahlkampf. Dass der linke Sozialdemokrat und amtierende Bürgermeister auch „Bierzelt kann“ und Straßenstände nicht meidet, hat er gezeigt.

Aber dem grau melierten Mann mit feiner Hornbrille liegt die hemdsärmelige Rolle nicht wirklich. Als Taktiker bei kniffligen Verhandlungen in endlosen Runden von landes- und bundespolitischen Finanzexperten - da kann man sich ihn gut vorstellen. Und in diesem Kreise hat er für Bremen einiges rausgeholt. Bei der Waffenwahl läge ihm das elegante Florett wohl eher als die derbe Streitaxt.

Seit Juni 2015 ist er Bürgermeister des Stadtstaates. Er dürfte am Wahlsonntag auch die Entscheidung seines Vorgängers Jens Böhrnsen vor Augen haben, der vor vier Jahren als Konsequenz aus einem schlechten Wahlergebnis zurücktrat. Der 60-jährige Sieling will in die lange Bremer SPD-Ahnengalerie nicht als derjenige eingehen, der den Posten erstmals seit Kriegsende an einen CDU-Herausforderer abtreten muss. Und dann noch an einen, der als Quereinsteiger bis vor gut einem Jahr völlig unbekannt war.

Sieling ist Polit-Profi und auch stolz darauf. Die Liste seiner Funktionen ist lang: Bundestagsabgeordneter in Berlin (2009-2015), dort Sprecher der Parlamentarischen Linken, Fraktionsvorsitzender der SPD in Bremen (2005-2009) und Landesvorsitzender seiner Partei (2004-2006), Abgeordneter der Bürgerschaft (1995-2009). Er kennt die Tricks und reagiert deshalb mit Kopfschütteln auf die Chuzpe seines CDU-Herausforderers Carsten Meyer-Heder, der offen bekennt, kein Politiker zu sein.

„Wer in Berlin mit Frau Merkel, mit Olaf Scholz und den Bayern ordentlich verhandeln muss, der muss sich auskennen, muss politische Erfahrung haben und muss wissen, wie Politik geht, Herr CDU-Spitzenkandidat“, warnte Sieling zum Wahlkampfabschluss. Als einen seiner politischen Haupterfolge wertet er das Ergebnis der Neuordnung der Bund-Länder-Finanzen, das Bremen ab 2020 bis zu 500 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr bringt. „Das bekommen wir nicht geschenkt, sondern weil wir unsere Ziele erreicht haben“, sagt Sieling.

Er sieht das Bundesland, das oft genug die rote Laterne im Ländervergleich hält, wegen der sozialdemokratischen Mehrheitsführung zumindest auf richtigem Wege. „Ich arbeite dafür, dass wir die rote Laterne abgeben“, sagt er. Steigende Wirtschaftskraft, die immer noch hohe, aber sinkende Arbeitslosigkeit und Verbesserungen bei der Kinderbetreuung - all das verbucht der Bürgermeister auf die Haben-Seite des roten und rot-grünen Kontos.

Für Sieling gibt es keinen besseren Job als Regierungschef in Bremen: „Es geht vom Bordstein bis in die EU-Kommission in Brüssel. All das ist Handlungsfeld eines Bürgermeisters und eben von mir. Das bietet kein Regierungsamt in ganz Deutschland“, sagt er. Dabei ist er selbst zugezogen, quasi gelernter Bremer. Das geht aber vielen so. Denn als Bremer gilt man in Bremen erst ab der fünften Generation.

Allerdings habe er, als er 1982 nach Bremen kam, sofort sein Herz an die Stadt verloren. „Meine drei Kinder sind hier geboren“, sagt Sieling, der von seinem Büro im historischen Rathaus aus direkt auf den pittoresken Marktplatz, den Bremer Dom und die knapp einen Steinwurf entfernte Bürgerschaft blicken kann. An diesen Blick hat er sich gewöhnt.

Biografie Carsten Sieling

Mehr von Volksfreund