| 12:20 Uhr

Wenn aus Panik Wut wird
Zorn auf Sulawesi wächst

Die Menschen sind erbost darüber, wie wenig Hilfe von den Behörden kommt. Foto: Dita Alangkara/AP
Die Menschen sind erbost darüber, wie wenig Hilfe von den Behörden kommt. Foto: Dita Alangkara/AP FOTO: Dita Alangkara
Palu. Auf ihr altes Wahrzeichen, die Ponulele-Brücke über die Bucht mit ihren beiden gelben Bögen, waren die Menschen in Palu stolz. Jetzt liegt die Brücke grotesk verbogen in Trümmern. Von Dio Pratama und Ahmad Pathoni, dpa

Die 350.000-Einwohner-Stadt an der Westküste von Sulawesi, Indonesiens viertgrößter Insel, hat nun ein neues Symbol: die Grand Mall, das Einkaufszentrum oberhalb des Strands.

Dort oben auf dem Parkdeck wurde am Freitagabend, kurz nach 18.30 Uhr, das Handy-Video gedreht, das zeigt, wie der Tsunami über die Küste hereinbrach. Jetzt ist hier ein riesiges Trümmerfeld. Und es sind nicht nur Menschen unterwegs, die helfen wollen. Sondern auch uniformierte Männer, mit dem Gewehr im Anschlag, um Plünderungen zu verhindern.

Das Bild fasst die Stimmung in der Stadt ganz gut zusammen. Nach der Panik, nach der ersten Trauer, nach der Fassungslosigkeit macht sich jetzt zunehmend Wut und Verzweiflung breit. Die Menschen sind erbost darüber, wie wenig Hilfe von den Behörden kommt. „Wir haben keine Hoffnung mehr“, sagt Rahmat, einer der Überlebenden, der in einer Kirche Zuflucht gefunden hat. „Wir sind müde. Und wir sind verwirrt.“

Der Ärger richtet sich in der Hauptsache nicht einmal dagegen, dass das Tsunami-Warnsystem, das von Deutschen mitentwickelt wurde, kein wirklicher Schutz war. Am Strand gab es keine Sirene. Die Überlebenden regen sich darüber auf, dass es an den wichtigsten Dingen fehlt, die man jetzt braucht: Wasser, Essen, Strom, Benzin.

Vor der Grand Mall gaben Polizei und Militär schon Warnschüsse ab, um zu verhindern, dass die geschlossenen Geschäfte gestürmt werden. Augenzeugen berichten auch von Tränengas. Später ließ die Polizei dann doch Menschen in die Geschäfte. Kurzzeitig brandete Jubel auf. Eigentlich sollten nur Lebensmittel mitgenommen werden dürfen, aber es wurde dann doch mehr.

Anderswo stehen jetzt Menschen mit Schildern wie „Wir brauchen Essen“ und „Wir brauchen Unterstützung“ an den Straßen. An Tankstellen gibt es riesige Schlangen. Alle haben einen Benzinkanister in der Hand oder mehrere sogar. Wie groß das Chaos inzwischen ist, zeigt sich auch am Flughafen von Palu. Dort versuchten Tausende, mit einer Militärmaschine wegzukommen.

Der Sprecher von Indonesiens Katastrophenschutz, Sutopo Nugroho, berichtete auch von Überfällen auf Lebensmitteltransporte in den Norden - dorthin, wo das Zentrum des schlimmsten Bebens war und die Not jetzt am größten ist. Die Transporte sind deshalb jetzt mit Polizeischutz unterwegs.

Und immer noch, auch nach vier Tagen, weiß niemand, wie groß das Ausmaß der Katastrophe tatsächlich ist. Der Katastrophenschutz bezifferte die Zahl der Toten am Dienstag auf mindestens 1234 sowie mindestens 799 Verletzte und mindestens 99 Vermisste. Auf viele hier wirkt solch Zahlenwerk grotesk. Allen ist klar, dass wohl noch viele Hundert Tote hinzukommen werden, vielleicht Tausende sogar.

Auf dem Gelände der Joonoge-Kirche nahe Palu wurden im Schlamm die Leichen von 34 Schülern entdeckt, die dort an Bibelunterricht teilgenommen hatten. Mehr als 50 weitere Bibelschüler werden noch vermisst. Die Helferin Aulia Arriani vom Roten Kreuz sagt: „Das Schlimmste ist, anderthalb Stunden durch den Schlamm zu waten und Leichen zu tragen.“ Inzwischen sind die ersten Toten in Massengräbern beigesetzt.

Es gibt aber auch Erfolge. Aus den Trümmern eines Verwaltungsgebäudes in Palu ziehen die Helfer nach 72 Stunden einen Mann, Sapri Nusin. „Können Sie laufen?“, fragt einer. Die Antwort: „Ja, aber ich bin sehr durstig.“ Dann nimmt ihn ein Krankenwagen auf. Allerdings sinken die Chancen auf solche glücklichen Momente mit jeder Stunde. Das wissen auch die Retter. Die Hoffnung wird geringer. Aber noch ist sie da.