Homburg: Möglicher Kindesmissbrauch an der Uniklinik

Universitätsklinikum Homburg : Arzt soll Kinder bei Untersuchungen missbraucht haben

Uniklinikum hat die Vorfälle aus den Jahren 2010 bis 2014 in einer Spezialambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor Eltern jahrelang verschwiegen.

Ein Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Homburger Universitätsklinikum hat möglicherweise im Zeitraum von 2010 bis 2014 junge Patienten im Alter von fünf bis 15 Jahren sexuell missbraucht. Der Klinikleitung wurden damals, so Informationen der Saarbrücker Zeitung, die Vorwürfe gegen den Arzt, der in der in der Ausbildung zum Facharzt war, bekannt. Sie erstattete Ende 2014 Strafanzeige. Die Opfer und deren Erziehungsberechtigten wurden allerdings – wenn überhaupt – in den letzten Tagen von der Uniklinik über den Missbrauchsverdacht informiert.

Die Staatsanwaltschaft hat wohl nur in einigen Fällen den Sachverhalt gegenüber Betroffenen offengelegt. Motiv für das jahrelange Verschweigen war angeblich, dass mit der Information den Patientinnen und Patienten „mehr geschadet als genutzt werde“. In diesem Zusammenhang wurde zwischenzeitlich wohl auch ein Disziplinarverfahren gegen einen leitenden Beamten und Professor des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) eingeleitet.

Der Arzt Mathias S., den die Uniklinik Ende 2014 fristlose feuerte, ist 2016 verstorben. Wie es heißt, haben die Ermittler aus Zweibrücken damals keine Hinweise auf Selbsttötung oder Tod durch Fremdeinwirkung gefunden. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken musste daraufhin ihre Ermittlungen einstellen.

Offenbar wurde bislang nicht untersucht, ob der aus dem Allgäu stammende Mediziner möglicherweise Kontakte zu einschlägigen Netzwerken oder vielleicht sogar zu einem Kinderporno-Ring hatte. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung im Raum Zweibrücken sollen 2015 jedenfalls kinderpornografisches Material und auch entsprechende Dateien beschlagnahmt worden sein.

Frühere Wirkungsstätte des Assistenzarztes war die so genannte „Ausscheidungsambulanz“, eine Spezialambulanz der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums. Dort werden vorwiegend junge Patienten ab fünf Jahren behandelt, die einnässen oder einkoten. Nach SZ-Informationen soll S. insgesamt mehr als 300 Patienten behandelt haben und dabei in ungewöhnlich vielen Fällen Untersuchungen im Genitalbereich durchgeführt haben.

In einzelnen Fällen sollen sogar Begleitpersonen vor die Tür geschickt worden sein, heißt es. „Nicht angemessenes Distanzverhalten“ zwischen Arzt und Patient ist angeblich ebenfalls in der Klinik aktenkundig. So habe sich S. duzen lassen und möglicherweise auch privat mit Patienten verabredet.

Offenbar auf Druck der Rechtsaufsicht beim zuständigen Wissenschaftsministerium, das in der Staatskanzlei angesiedelt ist und wohl erst vor wenigen Wochen Kenntnis von dem Sachverhalt erhielt, geht die Klinikspitze in die Offensive. Grundlage dafür ist auch ein aktuelles Gutachten des bundesweit anerkannten Experten für Kinder- und Opferschutz, Professor Jörg Fegert (Uniklinik Ulm). Er empfiehlt nachdrücklich, die mutmaßlichen Opfer zu kontaktieren und konkrete Hilfs- und Beratungsangebote zu machen. Der „Weisse Ring“ und andere Organisationen wurden zwischenzeitlich eingeschaltet.

Anlass dafür, dass die Vorfälle aus den Jahren 2010 bis 2014 erst jetzt bekannt werden, ist, so SZ-Informationen, ein Vermisstenfall, der die Polizei vor wenigen Wochen kurzzeitig beschäftigte. Eltern hatten ein Kind vermisst gemeldet. Bei der polizeilichen Aufnahme sollen sie eher beiläufig erfahren haben, dass der Name bereits vor Jahren in Zusammenhang mit möglichem Missbrauch aktenkundig wurde.

Die Eltern fielen aus allen Wolken. Das Kind ist wenige Stunden nach der Meldung wieder aufgetaucht und wird jetzt psychologisch betreut. Über den Rechtsbeistand der Eltern wurde dann angeblich die Dienstaufsicht beim Ministerium unterrichtet. Die Staatsanwaltschaft hatte im Rahmen ihrer Ermittlungen 2015 am Uniklinikum Akten von 34 Patienten der „Ausscheidungsambulanz“ beschlagnahmt und ausgewertet. Eine davon betraf das Jahre später kurzzeitig vermisste Kind.

Von diesen 34 Patienten (23 aus dem Saarland, zehn aus Rheinland-Pfalz und einer aus Hessen) sind mittlerweile elf Betroffene bereits volljährig. An sie und die Erziehungsberechtigten der übrigen 23 wurde in den letzten Tagen einen persönlichen Brief von Professor Dr. Wolfgang Reith, ärztlicher Direktor und Vorstandschef des Universitätsklinikums in Homburg, adressiert. Darin ist zu lesen, dass ein 2016 verstorbener Assistenzarzt der Spezialambulanz in früheren Jahren „vermutlich aus sexuellen Motiven heraus nicht medizinisch notwendige Untersuchungshandlungen vorgenommen hat. Diese wurden von ihm als Routineuntersuchungen dargestellt“. Reith informiert weiter: „Im Rahmen des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens gegen diesen Assistenzarzt sind 2015 auch die Krankenakten ihres Kindes beschlagnahmt worden.“

Gleichzeitig wird mitgeteilt, dass im Rahmen der jetzt für erforderlich gehaltenen Transparenz und umfassenden Aufklärung im Interesse des Opferschutzes seitens der Uniklinik eine Pressekonferenz stattfinden soll, um auch „anderen möglicherweise Betroffenen Gelegenheit zur Reaktion zu geben“. Parallel zu diesem Brief des ärztlichen Direktors versuchten auch psychologisch geschulte Fachkräfte die 34 Betroffenen telefonisch zu erreichen, was in vielen Fällen wohl auch gelungen ist. Ihnen wird konkrete Hilfe durch Beratungsstellen angeboten. Erste Anlaufstelle ist die Hotline des „Weissen Rings“, die an sieben Tagen die Woche von sieben bis 22 Uhr unter 116 006 zu erreichen ist. Unter dem Stichwort „Universitätsklinikum Homburg“ wird dort binnen 48 Stunden Hilfe und Beratung organisiert.

Vorstandschef Reith schreibt weiter: „Wir bedauern die Vorfälle zutiefst, erkennen unsere Verantwortung an und sehen uns deshalb als Institution auch in der Pflicht, daraus zu lernen. Zudem haben wir uns seit damals bereits bemüht, unsere Strukturen im Hinblick auf den Patientenschutz zu verbessern, jedoch werden wir dies zum Anlass nehmen, Schutzkonzepte kontinuierlich weiter zu entwickeln und zu überprüfen.“

Ministerpräsident Tobias Hans zu den Vorfällen: „Die Nachrichten aus dem Universitätsklinikum des Saarlandes erschüttern mich zutiefst. Wenn ein solcher Verdacht im Raum steht, muss umgehend eine lückenlose Aufklärung erfolgen. Das Wohl der Kinder steht für mich dabei an erster Stelle. Gerade Kinder und Jugendliche und ihre Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Vertrauen nicht durch Behandler schändlich ausgenutzt wird. So etwas darf nie wieder passieren.“