Kriminalität: „Ich dachte, dass er tot sein muss“

Kriminalität : „Ich dachte, dass er tot sein muss“

Mordversuch aus Mitleid: Die Ehefrau und der Sohn des Angeklagten schildern, wie sie von der Gewalttat erfuhren. Derzeit haben sie zur Tochter und Schwester keinen Kontakt mehr.

Es muss für den Sohn der schlimmste Anblick seines Lebens gewesen sein: Als der von der Mutter telefonisch alarmierte Mann an jenem Sonntagabend ins Bad der Schwester kommt, entdeckt er in der Duschwanne einen blutüberströmten Mann. „Ich habe meinen Vater im ersten Moment gar nicht erkannt, so bleich und blutverschmiert war er“, erinnert sich der 30-Jährige am Mittwoch vor dem Trierer Landgericht.

Dort wird seit Ende Juni wegen versuchten Mordes gegen den Vater verhandelt. Laut Anklageschrift von Oberstaatsanwalt Eric Samel soll der 63-Jährige im Oktober vergangenen Jahres versucht haben, seine schwerkranke Tochter zu töten. Anschließend wollte sich der Vater selbst das Leben nehmen. Beide überlebten.

Als der Sohn an jenem Abend den Vater in einer großen Blutlache sitzen sah, mit Schnittwunden an den Handgelenken und einem Messer in der Brust, „da dachte ich, er muss tot sein“, sagt er, während seine Stimme immer mal wieder ins Stocken gerät.

Der Vater sitzt nur ein paar Meter entfernt auf der Anklagebank neben seiner Verteidigerin Martha Schwiering, und auch er wischt sich bei den Schilderungen seines Sohnes immer mal wieder ein paar Tränen aus dem Gesicht.

Der dritte Verhandlungstag in dem als Mordversuch aus Mitleid bekannt gewordenen Verfahren schließt sich, was die Intensität  der Aussagen angeht, nahtlos an den vorausgegangenen Prozesstag an. Vor allem die Schilderungen des Sohnes gehen unter die Haut.

Als er an jenem Sonntagabend neben seinem lebensgefährlich verletzten Vater kniete und ihn ansprach, habe dieser irgendwann ganz sachte die Augen bewegt und ganz leise gesagt: „Ich sehe dich.“

Kurz zuvor war der Sohn die Treppe in dem Trierer Mehrfamilienhaus hochgelaufen, hatte schon im Eingangsbereich Hilfeschreie gehört und schließlich in der zweiten Etage eine kniende Person gesehen, die sich um seine am Boden liegende, stark blutende Schwester kümmerte.

Da wusste der Bruder, dass seine Mutter doch alles richtig verstanden hatte, als der Vater sie angerufen hatte, um ihr zu sagen, dass er die gemeinsame Tochter und ihre Katze Jamie schon getötet hätte und nun auch sich selbst umbringen werde. Noch bevor die Mutter darauf antworten konnte, hatte der Vater auch schon wieder aufgelegt. Sie habe nicht geglaubt, dass der Ehemann so etwas tatsächlich gemacht haben könnte, sagt die 59-Jährige am Mittwoch in der Verhandlung. Am Vormittag jenes Tages habe ihr Mann sie wie immer umarmt, als er das Haus verlassen habe, um zur Tochter zu fahren. „Es war alles wie sonst.“

Und trotzdem war natürlich auch der Ehefrau nach ihren Angaben nicht verborgen geblieben, dass sich ihr Mann verändert hatte, seit die Tochter neben der unheilbaren Augenerkrankung auch noch zunehmend unter Panikattacken litt. In den Tagen vor der Tat war der 63-Jährige fast durchgehend bei der Tochter in der kleinen Wohnung. „Er war Hilfe und Fremdkörper zugleich“, beschreibt die Mutter die Situation, in der sich keiner der beiden wohlgefühlt habe.

Die zunehmenden Belastungen seien dem Ehemann anzumerken gewesen: „Er war sehr nervös, zittrig, konnte sich nicht mehr konzentrieren und hatte einige Kilo abgenommen“, schildert die Ehefrau im Gerichtssaal die damalige Wesensveränderung ihres Mannes. „Das war nicht mehr der Mann, den ich kannte.“

Sie habe damit gerechnet, dass er eines nicht mehr allzu fernen Tages zusammenbrechen oder einen Herzinfarkt oder Gehirnschlag erleiden werde, sagt die 59-Jährige.

Während sich der Vater jahrelang intensiv um die zuletzt fast erblindete Tochter kümmerte, war das Verhältnis der 36-Jährigen zu ihrer Mutter schwierig. Schon seit der Pubertät, sagt auch der Bruder, der sein Verhältnis zur Schwester mit dem von guten Bekannten vergleicht. 99,9 Prozent der Dinge für die Schwester habe der Vater geregelt, „mehr, als er eigentlich leisten konnte“, sagt der 30-jährige Sohn. „Mein Vater war Hauptbezugsperson meiner Schwester, er ist, besser gesagt, er wäre es immer noch.“

Bruder und Mutter haben derzeit keinen Kontakt mehr zur Schwester. Nach Angaben der Mutter liegt es daran, dass die zumindest von den schweren Stich- und Schnittverletzungen wieder weitgehend genesene Schwester erwartet habe, dass nun der Bruder die Rolle des seit der Tat in Untersuchungshaft sitzenden Vaters übernehme und sich intensiver um die in der Nachbarschaft wohnende Schwester kümmere.

Wie am Tag zuvor der auf der Anklagebank sitzende Vater bedankt sich am Mittwoch auch die als Zeugin geladene Mutter bei den beiden Betreuerinnen, die sich schon seit Jahren um die schwerkranke Tochter kümmern und längst auch Freundinnen der 36-Jährigen sind. Ihnen sei es zu verdanken, so die nach eigenen Angaben erleichterte Mutter, „dass sie ihr Leben scheinbar auch ohne meinen Mann einigermaßen in den Griff bekommt“.

Vertritt die Anklage: Oberstaatsanwalt Eric Samel. Foto: Rolf Seydewitz

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Womöglich wird bereits am Dienstag ein Urteil gefällt.

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