Kriminalität: „Ich habe darauf gewartet, dass ich sterbe“

Kriminalität : „Ich habe darauf gewartet, dass ich sterbe“

Mordversuch an Tochter: Im Trierer Gerichtssaal werden am zweiten Prozesstag die Aussagen von Opfer und mutmaßlichem Täter verlesen. Das ist bisweilen schwer erträglich.

Im großen Sitzungssaal des Landgerichts kann man am Dienstagvormittag eine Stecknadel fallen hören, so ruhig ist es bei der knapp einstündigen Zeugenaussage eines Kripobeamten. Der Kriminaloberkommissar hat eine 36-jährige Frau vernommen, die bei der Messerattacke ihres Vaters im Oktober vergangenen Jahres beinahe ums Leben gekommen wäre. Sie überlebte damals schwerstverletzt, ebenso wie ihr 63-jähriger Vater, der sich nach dem blutigen Angriff auf seine Tochter selbst das Leben nehmen wollte. Nun sitzt er auf der Anklagebank, muss sich seit Ende Juni wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Die Tochter sollte eigentlich am Dienstag selbst aussagen. Doch die immer noch traumatisierte Frau macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht (siehe Stichwort unten) Gebrauch, hat aber nach Angaben der Vorsitzenden Richterin Petra Schmitz eingewilligt, dass ihre bei der Polizei gemachte Zeugenaussage verwendet werden darf.

Es ist die detaillierte Schilderung eines grausames Geschehens, das am Ende beide überlebten, obwohl dies vom Vater anders geplant war, wie der Angeklagte selbst am ersten Verhandlungstag einräumte.

Die an einer sich ständig verschlimmernden, unheilbaren Augenerkrankung und zuletzt auch schweren Panikattacken leidende Tochter war im Oktober zur Behandlung in einem Trierer Krankenhaus, ging aber regelmäßig immer mal wieder für einige Zeit in Begleitung ihres Vaters nach Hause. In ihrer Wohnung in einem Trierer Mehrfamilienhaus lebt die 36-Jährige allein mit ihrer über alles geliebten Katze Jamie.

An jenem Oktobersonntag spielte sie mit Jamie im Wohnzimmer, während der Vater – nachdem er zuvor noch Tee gekocht hatte – ins Bad ging, um das Katzenklo zu reinigen. Dann soll sie der Vater unter einem Vorwand ins Badezimmer gerufen haben: „Aus dem Siphon in der Dusche krabbeln komische kleine Tiere heraus.“

Obwohl die Tochter fast blind ist, ging sie ins Bad, beugte sich über die Duschwanne und wurde dann –  so ihre Schilderung bei der Polizei – vom Vater erst leicht nach unten gedrückt, dann hochgezogen, bevor er sie von hinten umklammert und ihr dann mit einem Messer in den Hals geschnitten habe. Sie habe sich gewehrt, nach ihrem Vater getreten und ihn angefleht („Ich will leben, Papa“). Doch ihr Gegenüber sei „wie des Wahnsinns“ gewesen, sie habe ihren Vater nicht mehr wiedererkannt.

Nach den Schilderungen der Tochter stieß der Vater sie in die Duschwanne, fügte ihr dabei eine weitere Schnittverletzung zu. Dann habe er die sich heftig wehrende Katze geholt und das Tier mit einem Teppichmesser getötet. „Es war mein Liebstes, er hat sie umgebracht“, sagte die Tochter gegenüber der Polizei. Dann habe sich der Vater selbst umbringen wollen. Nach Aussage der Tochter legte er sich zu ihr in die Duschwanne, prüfte, ob sie noch atme und stieß ihr ein Messer in die Brust. Um ihren Vater zu beruhigen, habe sie ihren Kopf an seine Schultern gelegt und ihm mehrfach gesagt: „Ich hab dich doch lieb, Papa.“

Der 63-Jährige fügte sich mehrere lebensgefährliche Schnitt- und Stichverletzungen zu. Bei der Polizei sagte er später, dass er davon ausgegangen sei, dass seine Tochter nicht mehr lebe. „Ich bin in der Wanne sitzengeblieben und habe gewartet, dass ich sterbe.“ Als die Helfer den Mann fanden, steckte das Messer noch in seiner Brust. Er wurde in einer Notoperation gerettet. Die Tochter selbst hatte an jenem Abend noch die Hilfskette in Gang gesetzt. Schwerstverletzt schleppte sie sich aus der Duschwanne durch die Wohnung in den Hausflur, wo Nachbarn auf die Hilfeschreie aufmerksam wurden und Polizei sowie Rettungsdienst alarmierten. „Meine Beine haben sich schon taub angefühlt, und ich spürte, wie das Blut floss“, sagte sie bei der Polizei.

Auch der Vater äußerte sich damals gegenüber dem Kriminal­oberkommissar: „Ich habe es getan. Kurzschluss. Ich wollte meine Familie von ihr und von mir befreien.“

Wie intensiv das Vater-Tochter-Verhältnis vor der Tat war, machen am Dienstag die Aussagen von zwei Betreuerinnen deutlich, die die 36-Jährige seit Jahren regelmäßig besuchen. „Ihren Vater liebt sie über alles, ihm hat sie voll und ganz vertraut“, sagt eine, während ihre Kollegin ergänzt, es sei der Tochter bewusst gewesen, wie aufopferungsvoll sich der Vater um sie und andere gekümmert habe. Eine Aussage, bei der der ansonsten beherrscht wirkende Vater im gut besetzten Sitzungssaal mehrmals schlucken muss. Auch als eine der beiden Betreuerinnen schildert, wie sehr die Tochter darunter leide, dass sie an ihrem Vater hänge, der andererseits versucht habe, sie umzubringen. „Das belastet sie sehr stark“, sagt die Betreuerin.

Zu dem wohl ergreifendsten Wortwechsel dieses zweiten Prozesstages kommt es schließlich kurz vor der Mittagspause, als sich der Angeklagte bei den beiden Betreuerinnen für deren anhaltendes Engagement bedankt.

„Ich bin froh, dass ich zum ersten Mal seit damals jetzt höre, wie es meiner Tochter geht und dass sie einigermaßen zurechtkommt“, sagt der 63-Jährige an die Adresse der beiden Frauen. „Wir kümmern uns weiter gut um sie“, verspricht eine der Betreuerinnen. „Danke­schön“, entgegnet der Vater, der die Tochter und sich vor neun Monaten töten wollte.

Der Prozess wird heute fortgesetzt. Bleibt es bei den angesetzten fünf Verhandlungstagen, könnte schon in der nächsten Woche ein Urteil gefällt werden.

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