Interview mit Bischof Stephan Ackermann: „Nur nicht so viel Angst haben“

Kostenpflichtiger Inhalt: Katholische Kirche : Interview mit Bischof Ackermann: „Nur nicht so viel Angst haben“

Der Trierer Bischof spricht im TV-Interview über Reformen in der Kirche, Klimaschutz, Missbrauch und sagt, warum er nichts vom Frauenpriestertum hält.

Zu Beginn des Gesprächs sind Sie am Zug: Worüber würden Sie mal gerne mit der Volksfreund-Redaktion sprechen?

Bischof Ackermann: Das haben Sie mich noch nie gefragt. Ich würde mal gerne Blattkritik machen. Was mir – jenseits der kirchlichen Themen – aufgefallen ist: Mir gefällt gut, wenn der TV zu bestimmten Aspekten Themenseiten macht, auf denen ein Thema dann ausführlich behandelt wird – etwa das Thema Klimaschutz. Was mir auch gut gefällt: wenn der Volksfreund an Themen dranbleibt und immer wieder berichtet.

Wie informieren Sie sich denn morgens?

Ackermann Beim Frühstück liest der Kaplan die FAZ, und ich lese den Volksfreund. Ich fange auch vorne an, nicht wie manche Leute bei den Todesanzeigen. Ansonsten bekomme ich eine Presseauswertung und die Infos der Katholischen Nachrichtenagentur. Zusätzlich nutze ich die App des Deutschlandfunks.

Stichwort Klimaschutz: Inwiefern hat die aktuelle Diskussion Ihre Lebensweise ein Stück weit verändert?

Ackermann Was die Ernährung angeht, habe ich nicht viel geändert. Da kommen ohnehin regionale Produkte auf den Tisch. In puncto Mobilität fahre ich, wann immer es geht, also bei Terminen im Trierer Stadtgebiet, mit dem Fahrrad oder gehe zu Fuß. Ich räume aber ein, dass ich zu unserem Tagungshaus auf dem Markusberg nicht mit dem Rad fahre. Weil das Bistum ein Flächenbistum ist, bin ich aber natürlich auch oft im Auto unterwegs.

Ihr Vorgänger Reinhard Marx hat am Wochenende die Schlagzeilen bestimmt mit seinen Äußerungen zum Zölibat. Es sei vorstellbar, so Marx, unter bestimmten Voraussetzungen in bestimmten Regionen verheiratete Priester zuzulassen. Was ist Ihre Meinung zu dem Thema?

Ackermann Über das Thema wird ja mit Blick auf die bevorstehende Amazonassynode gesprochen, eine Sonderversammlung von Kirchenvertretern aus den Ländern der Amazonasregion im Vatikan. Nun ist das Bistum Trier nicht das Amazonasgebiet, wo Priester, die Sakramente spenden können, vielerorts nicht so einfach erreichbar sind. Dort muss man sich über Lösungen Gedanken machen, und da würde ich sagen: Ja, das ist denkbar.

Ja nur in Südamerika oder auch in Deutschland?

Ackermann Die Situation in Deutschland ist eine andere. Und wir bewirken doch keine Trendwende der kirchlichen Situation, indem wir die Priesterzahl verdoppeln.

Bei Ihrem letzten Redaktionsbesuch sagten Sie noch, das Thema Zölibat sei für Sie gesetzt. Das klingt jetzt etwas anders.

Ackermann Ich halte den Zölibat nach wie vor für eine sinnvolle Lebensform. Darüber hinaus haben wir im Bereich der katholischen Kirche auch jetzt schon verheiratete Priester – etwa in Gemeinschaften, die mit Rom in Verbindung stehen, etwa die syrisch-katholische Kirche. Durch die Migrationsbewegung kommen diese Priester auch verstärkt zu uns. Aber einfach zu sagen, mit der Freigabe des Zölibats ist die Erneuerung des kirchlichen Lebens sichergestellt – da habe ich meine Fragen.

Aber ist es nicht langsam an der Zeit, darüber nachzudenken?

Ackermann Die Frage wird bei den Beratungen im Rahmen des synodalen Wegs von Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken gestellt. Mein Ansatz ist, Möglichkeiten zu schaffen, dass priesterliches Leben gut gelingen kann – etwa in Gemeinschaften, um der Vereinsamung vorzubeugen. Dass Priester sich für das zölibatäre Leben entscheiden, halte ich für ein ganz starkes Zeichen, das ich nicht gerne aufgeben würde.

Gilt das auch für die bislang verbotene Weihe von Frauen zu
Diakoninnen oder Priesterinnen?

Ackermann Was mir nicht gefällt, ist, wenn immer darauf verwiesen wird, dass Frauen in der Kirche angeblich nur den Altarraum schmücken oder Kaffee kochen dürfen. Es ist doch eine Frechheit, das bestehende vielfältige Engagement von Frauen der Kirche darauf zu reduzieren. Zugleich sage ich seit Jahren , dass auch in der Kirche Frauen Leitungsfunktionen besetzen müssen. Das müssen wir fördern, und ich mache das, wo ich es kann. In punkto Frauenpriestertum gibt es eine verbindliche lehramtliche Entscheidung durch Papst Johannes Paul II. – aber darüber wird ja auch weiter diskutiert.

Was sagen Sie?

Ackermann Ich sage: Frauen jenseits der Amtsfrage dort stärken, wo man sie stärken kann.

Heißt also Nein zum Frauendiakonat oder -priestertum ...

Ackermann Zum Frauendiakonat gibt es ja vom Papst selbst einen Prüfauftrag. Und zum Frauenpriestertum: Ich halte das nicht für den richtigen Weg.

Sie wollen Machtstrukturen ändern, aber gleichzeitig soll der männliche Priester immer das letzte Wort haben. Das ist doch ein Widerspruch, oder nicht?

Ackermann Wir haben in unserer Kirche eine hierarchische Struktur, und da stößt Beteiligung an ihre Grenze.

Ihr Trierer Vorgänger Reinhard Marx hat sich auch für mehr Entscheidungsbefugnisse der Ortskirchen ausgesprochen. Wo wünschen Sie sich mehr Spielraum?

Ackermann Es ist in unserer DNA verankert: Wir sind Kirche von Trier, aber nur und immer in Gemeinschaft mit der gesamten Weltkirche. Das ist oft anstrengend, aber auch ein unglaublicher Reichtum.

Dauert es nicht häufig viel zu lange, bis sich Kirche entscheidet? Nehmen wir als Beispiel die sogenannte Orientierungshilfe zur Kommunionfrage, bei der es darum geht, wann konfessionsverschiedene Ehepartner zur Kommunion gehen dürfen.

Ackermann Wenn ich mich mit konfessionsverschiedenen Ehepaaren treffe, dann erlebe ich, dass die Eheleute in verschiedenen Traditionen großgeworden sind.
Da muss man doch zunächst über das jeweilige Kirchenverständnis reden können, erklären, warum ist das bei uns so und bei den Protestanten anders. Ich kann doch nicht einfach sagen, weil das möglicherweise vor Ort kein Thema ist, spielt das kirchlich keine Rolle.

Aber in fast allen Bistümern wurde rascher das Okay geben als in Trier ...

Ackermann Weil der Ackermann beteiligungsorientiert ist. Wenn wir sagen, wir wollen synodal unterwegs sein, muss man auch mit den Leuten reden und sie beteiligen. Ich wollte das mit den Gremien und Räten im Bistum diskutieren.
Ein Papier der Bischofskonferenz an sich bewirkt wenig. Das Ergebnis hat gedauert, das stimmt, es kann sich aber sehen lassen.

Waren einige Ihrer Kollegen also vorschnell?

Ackermann Für meinen Geschmack schon. Mir jedenfalls war es zu einfach, ohne Diskussion nur zu sagen: Das gilt jetzt!

Ist die Kirche nicht in vielen Punkten inzwischen zu weit weg von der Lebenswirklichkeit der Menschen?

Ackermann Es gibt immer ein Ringen um die Frage, wie sich Glaubensinhalte mit dem konkreten Leben vermitteln lassen. Sie könnten ja das ganze Evangelium über Bord schmeißen, weil es in vielen Punkten sehr weit von den Leuten weg ist – weil wir es nicht leben. Es ist daher anspruchsvoll, einerseits auf das Evangelium zu schauen und andererseits zu schauen, wo es Veränderung braucht.

Veränderungen gibt es ja auch bei den künftigen Großpfarreien. Bei der Anhörung fiel unlängst auf, dass ausgerechnet die Priester die Strukturreform besonders kritisch sehen. Was ist denn da falsch gelaufen?

Ackermann Ich war bei der Anhörung zunächst positiv überrascht: Weit über 90 Prozent haben sich beteiligt. Und natürlich ist klar, dass bei einer Anhörung Kritik geäußert wird. Dass Priester kritisch oder skeptisch sind, wundert mich nicht. Sie gehören zu einer Gruppe, der mit die meiste Veränderung abverlangt wird. Ich werde mit den Priestern reden und ihnen dabei helfen, in die neue Rolle hineinzufinden. Für die ersten 15 Pfarreien der Zukunft stehen inzwischen übrigens die Leitungsteams fest. Sie werden voraussichtlich nächste Woche bekanntgegeben.

In anderen Bistümern gibt es auch Reformen. Aber nirgends fallen sie so radikal aus wie in Trier. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Ackermann Das ist der Auftrag der Synode. Wenn ich höre, was andere Bistümer machen, klingt das auch nicht viel anders. Nur war es bei uns Ergebnis der Synode. Alleine wäre ich nicht auf die Idee gekommen, die Zahl der Pfarreien derart zu reduzieren. Das hätte ich mich nicht getraut. Und es geht ja nicht nur um eine Strukturreform – wir erhoffen uns von den Veränderungen eine Verlebendigung des Glaubens.

Am Freitag treffen sich die deutschen Bischöfe und Laienvertreter in Fulda, um über Reformen in der katholischen Kirche zu beraten. Was konkret erwarten Sie sich von dem synodalen Weg?

Ackermann Meine Erwartung ist, dass wir in einer großen Runde offen über Themen wie Leitungsverantwortung, Macht, die Rolle der Frau oder Sexualmoral diskutieren. Am Ende werden wir sehen, was dabei rauskommt. Meine Erfahrung von der Synode ist: nicht so viel Angst haben. Es wird Lösungen geben.

Bei der anschließenden Bischofsvollversammlung wird ja auch über die Frage der Entschädigung für Opfer sexuellen Missbrauchs noch einmal diskutiert. Vor einiger Zeit war ja schon von Summen bis zu 300 000 Euro die Rede. Was ist da Ihre Position?

Ackermann Wir hatten zwei Workshops mit Betroffenen, Experten und staatlichen Stellen. Es gibt eine Arbeitsgruppe, die einen Vorschlag zur Entschädigung machen wird. Wofür wir uns am Ende entscheiden, weiß ich momentan auch noch nicht.

Es wird aber höhere Entschädigungen als bislang geben.

Ackermann Ja, davon gehe ich aus.

Und was heißt das etwa für die vom Bistum Trier bereits entschädigten Opfer? Bekommen sie zusätzliches Geld?

Ackermann Ja, klar. Über das Prozedere muss aber dann noch gesprochen werden.

Ist Stephan Ackermann in fünf Jahren noch Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche?

Ackermann Ich glaube ja.

Hatten Sie sich den Job so schwierig vorgestellt.

Ackermann Nein. Ich habe mir gar nichts vorgestellt – weder was die Dimension angeht noch den Zeithorizont. Für mich ist bei dem Thema inzwischen innerlich eine Verpflichtung gewachsen. Es hat auch viel mit Vertrauen zu tun, das gewachsen  ist im Kontakt etwa mit Betroffenen, Experten oder Vertretern von Opfergruppen. Von daher würde ich es nicht für in Ordnung finden, zu sagen: Ich habe das jetzt zehn Jahre gemacht, es reicht.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit galten Sie unter den 27  Diözesanbischöfen als mutig und reformfreudig, heute stehlen Ihnen der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf oder Ihr Hildesheimer Kollege Heiner Wilmer die Show. Warum stört Sie das nicht?

Bischof Stephan Ackermann im Redaktionsgespräch beim Trierischen Volksfreund. Foto: Rainer Neubert
Bischof Stephan Ackermann im Redaktionsgespräch beim Trierischen Volksfreund. Foto: Rainer Neubert
Bischof Stephan Ackermann im Redaktionsgespräch beim Trierischen Volksfreund. Foto: Rainer Neubert

Ackermann Ich glaube, dass ich mir treu geblieben bin. Klar, nach zehn Jahren hat man eine Geschichte. Dann sagt man bestimmte Dinge nicht mehr so vollmundig. Manches ist auch komplexer, als man anfangs gedacht hat. Aber zögerlich bin ich nicht.

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