Interview: Reinhold Messner rechnet mit Trump, Thunberg und Brexit ab

Kostenpflichtiger Inhalt: Bergsteiger-Legende : Interview: Reinhold Messner rechnet mit Trump, Thunberg und dem Brexit ab

Im Interview mit dem Trierischen Volksfreund spricht Reinhold Messner Klartext. Vor allem am US-Präsidenten und den Briten lässt der Extrembergsteiger kein gutes Haar. Außerdem erklärt er, warum er nicht mehr auf „seinen“ Berg will.

Schon die Vorbereitungen auf das Interview mit Reinhold Messner sind speziell. Fünf Minuten vor dem Telefontermin meldet sich die Vermittlerin: „Ich wollte nur fragen, ob Sie bereit sind“, fragt sie TV-Mitarbeiter Christian Thome. „Und wissen Sie auch, wie Sie die Telefonnummer zu wählen haben, damit Sie in Bozen rauskommen?“

Aufgrund technischer Probleme schafft es der Reporter nicht um Punkt 11 Uhr anzurufen. Also bekommt er stattdessen um 11.01 Uhr einen Anruf aus Bozen: „Sie sollten um 11 Uhr anrufen“, sagt eine Frauenstimme leicht genervt. Es ist alles durchgeplant und auf die Minute getaktet.  Als Reinhold Messner sich dann meldet, ist er sehr freundlich. Der 75-jährige Abenteurer spricht mit ruhiger Stimme. Diese wird im Lauf des Interviews immer unruhiger, wenn die Themen Trump, Brexit und Everest-Tourismus aufkommen.

Herr Messner, wie viele Berge haben Sie bestiegen?

REINHOLD MESSNER Das habe ich nicht gezählt, es müssen zwischen 3500 und 4000 sein.

Gehört da auch der Erbeskopf im Hunsrück dazu?

MESSNER Nein, der gehört da nicht dazu. Ich habe zwar ein paar Berge auf dem Mittelgebirge bestiegen, aber den nicht.

... dann haben Sie ja noch ein Ziel.

MESSNER Es gibt vor allem in Sachsen, im Sandsteingebirge, viele dieser schwierigen Kletterfelsen, bei denen es sich lohnen würde, sie zu besteigen. Aber meine Kletterzeit ist vorbei. Ich gehe gerne auf den Berg, aber dafür muss ich nicht ins deutsche Mittelgebirge fahren. Ich lebe in Südtirol und habe dort jede Menge Berge.

Was reizt an Regionen wie der Mosel, der Eifel oder dem Hunsrück, die weder durch extreme Temperaturen, noch durch übermäßig hohe Berge auffallen?

MESSNER Einfach das Hingehen über Hügel und Tal. Es ist wie die Romantiker es beschrieben haben – es ist großartig zum Wandern. Man muss nicht unbedingt auf Berge hinaufklettern oder mit den letzten Atemzügen hyperventilierend hinaufsteigen. Man kann – und das ist vielleicht erholsamer und gesünder – auch einfach bergauf und bergab laufen. Das sind dann keine Felsen oder Gletscher, sondern bewaldete Hügel. Man kann da einfach hingehen, es gibt dort viele, viele Wanderwege – und wandern ist ja eine der Lieblingsbeschäftigungen der Deutschen.

Also geht’s nicht immer um den Adrenalinschub, den Sie auf Ihren Touren so oft erlebt haben?

MESSNER Nein, der Adrenalinschub ist für mich sowieso nicht das wichtigste. Der gehört dazu, wenn ich was Schwieriges mache. Da gibt es natürlich Momente der Aufregung oder des Schreckens. Da kommt der Adrenalinschub von allein, das ist auch gut so. Aber das ist nicht das primäre Ziel beim Bergsteigen oder beim Wandern. Das primäre Ziel ist die Auseinandersetzung: einmal die Menschennatur mit ihren Schwächen und Fehlern und dann die Bergnatur. Und die Berge sind dann halt Hügel. Wenn man sie mit eigenen Füßen ausmisst, dann hat man sie auch erfahren. Wenn man sie nur aus dem Autofenster sieht, ist das wie eine Postkarte.

Versuchen Sie das auch in Ihrem Programm den Zuschauern mitzugeben?

MESSNER Nein, in meinem Programm erzähle ich mehr oder weniger die Geschichte des Alpinismus. Der Alpinismus ist ja nur 250 Jahre alt, er ist eine späte Dekadenzerscheinung der letzten 250 Jahre. Erst als der Mensch ein Dach über dem Kopf hatte, die Industrialisierung da war (deswegen auch die Engländer zuerst) und die Aufklärung stattfand, hat man angefangen, auf Berge zu steigen. Vorher hatte der Mensch gar keinen Freiraum, keine Zeit und keine Kraft dafür. Da hatte er andere Sorgen.

Ich werfe Ihnen fünf Begriffe zu, die Sie bitte auf einer Skala von eins (total unwichtig) und zehn (sehr wichtig) einordnen und kurz erklären, wieso. Erster Begriff: Geld.

MESSNER: Eins. Geld ist nicht wichtig. Natürlich brauche ich es, um meine Sachen zu besorgen. Aber Geld steht nicht in der vordersten Reihe bei mir.

Angst?

MESSNER Acht. Angst ist sehr wichtig.

Alleinsein?

MESSNER Sieben. Alleinsein ist mir sehr wichtig.

Smartphones?

MESSNER Für mich persönlich Zwei.

Nahtoderfahrungen?

MESSNER Zehn. Aber ich würde das nicht für andere übernehmen, sondern nur auf mich beziehen.

Warum sind Nahtoderfahrungen so wichtig?

MESSNER Weil wir damit die tiefsten Erfahrungen bekommen. Menschen sind begrenzt. Aber diese Begrenzung ist uns nicht klar. Sie wird uns erst klar, wenn es an der Kippe steht.

Sie sind jetzt 75 Jahre alt. Fühlen Sie sich fit?

MESSNER Ja, ich fühle mich fit. Ich habe großes Glück, in meinem Alter noch fit zu sein, klar im Kopf zu sein und selbstbestimmt leben zu können.

Ist es nur Glück oder haben Sie ein Geheimnis, das Sie fit hält?

MESSNER Nein, ich habe keine Geheimnisse. Ich lebe intensiv, ich tue, was ich gerne mache. Aber wenn ich viele meiner Kollegen sehe, die kaputte Knie haben oder die bei diesen Abenteuern Schäden davongetragen haben – ich war wohl der Extremste von allen, und mir geht es gut – dann ist das ein Glück. Natürlich ist das auch genetisch bedingt und hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich nicht über die Strenge geschlagen habe.

Ich gebe Ihnen nun fünf Namen. Wenn Sie jeweils einen Satz zu diesen Personen sagen könnten, welcher wäre das? Fangen wir mit Greta Thunberg an.

MESSNER Finde ich nicht so wichtig. Ich finde Sie zu hysterisch. Ansonsten ist das eine gute Anregung für die Welt.

Jogi Löw.

MESSNER Gefällt mir. Ich habe ihn auch kennengelernt. Ein guter Typ.

Donald Trump.

MESSNER Jetzt will ich nicht ganz so böse sein. Wenn ich sagen würde, er wäre ein Kotzbrocken, dann wäre das ungebildet. Eine Katastrophe für unsere Zeit.

Ihr Bruder Günther Messer.

MESSNER Mein Bruder, der vor 50 Jahren am Naga Parbat gestorben ist, ist in mir immer noch lebendig als der, der er damals war.

Boris Johnson.

MESSNER Das ist ein Verrückter.

... ich frage das, weil Sie vor fünf Jahren in einem Interview, als Schottland sich gegen die Unabhängigkeit entschieden hatte, gesagt haben, dass sie das freut und dass man die EU nicht auseinanderreißen dürfe. Bedrückt Sie, was momentan in Großbritannien passiert?

MESSNER Bei Großbritannien bin ich einerseits auch dankbar. Ich habe in Brüssel als Abgeordneter selber erlebt, wie die Briten bei jeder Kleinigkeit eine Extrawurst wollten. Jetzt haben sie die Extrawurst – und dann sollen sie auch damit zurechtkommen.

... und die sollen sie jetzt auch durchziehen?

MESSNER Ja. Es ist eine einzige Peinlichkeit. Und es ist der Beweis – die Briten haben die älteste Demokratie, aber keine Verfassung – dass diese Form der Demokratie abgewirtschaftet ist. Das funktioniert nicht mehr. Es ist ja schön, wie es da im Parlament zugeht, sehr eng und wild. Aber es kommt nichts mehr dabei raus. Die bekommen das nicht mehr hin.

Hoffen Sie also, dass die Briten das durchziehen und eventuell ihre Quittung bekommen?

MESSNER Ja, dass sie es durchziehen und ihre Tricks einsetzen werden. Das haben sie immer beherrscht. Sie werden eine Zeit lang Schwierigkeiten haben. Vielleicht werden sie dann wieder in ein Gleichgewicht kommen. Aber auf lange Sicht werden Sie es bereuen.

Was gibt Ihnen in der Welt momentan Hoffnung?

MESSNER Ich bin immer ein hoffnungsvoller und positiver Mensch. Im Endeffekt werden wir schon etwas finden, um uns aus diesem friedenspolitischen und ökologischen Schlamassel, in den wir uns hineinmanövriert haben, wieder rauszukommen. Trump und Johnson bleiben nicht ewig an der Macht. Aber es ist so verfahren wie nie, es wird auch noch verfahrener werden. Aber diese Menschheit – abgesehen von der Zahl acht Milliarden, und die Ressourcen sind begrenzt – hat bislang immer im letzten Moment, im Notfall einen Ausstieg gefunden.

Am Mount Everest wird der Tourismus immer stärker. Wie nehmen Sie das wahr?

MESSNER Als Tourismus. Ich war ja der erste, der schon vor 30 Jahren darüber geschrieben hat. Tourismus ist nicht Alpinismus. Und was dort am Everest stattfindet, ist Tourismus.

Was unterscheidet Alpinismus und Tourismus?

MESSNER Der Alpinismus findet dort statt, wo die anderen nicht sind. Wo es keine Infrastruktur gibt und wo die paar Menschen, die dort hingehen – die gehen immer dorthin, wo die anderen nicht sind, wo sie auf sich alleingestellt sind – in Eigenverantwortung gehen. Da tragen sie die ganze Verantwortung selbst. Wenn was passiert, dann werden sie sozusagen von der Natur abgestraft.

Und der Tourismus?

MESSNER Der findet dort statt, wo eine Infrastruktur ist. Am Everest wird jedes Jahr eine Piste gebaut. Das kostet Millionen Euro und jede Menge Umweltzerstörung. Dann wird diese Piste bis zum Gipfel gebaut, mit Sauerstoffdepots, Lagern, mit Köchen und Ärzten in den Lagern. Da sind Tausende Leute unterwegs. Da werden dann ein paar Hundert Menschen mit den Sherpa-Kräften und den Ärzten an den Gipfel gebracht. Natürlich steigen die selber hoch, aber das ist Massentourismus und genau das Gegenteil von Alpinismus.

Kritisieren Sie das?

MESSNER Das ist nicht in Ordnung, aber es ist legitim. Man kann es nicht verbieten. Ich muss ja selbst nicht dorthin gehen – ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.

Glauben Sie, dass sich das bessern wird?

MESSNER Nein, das wird es nicht. Das ist ein Geschäft. Es gibt eine Nachfrage. Es gibt sehr viele Menschen, die sind sehr eitel. Die kaufen sich den Everest und glauben, sie haben ihn dann bestiegen. Der Everest ist damit zum Gipfel der Eitelkeit geworden, zum höchsten Punkt der menschlichen Eitelkeiten. Diese Menschen machen oben ein Selfie und schicken es vom Gipfel in die Welt.
Meistens sind sie darauf allein zu sehen. Damit lassen sie die Welt glauben, dass sie den Berg in Eigenregie bestiegen haben. Das ist alles Lug und Trug.

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