Missbrauchsopfer kritisieren Bischof: „Fühlen uns getäuscht und in die Irre geführt“

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Die Betroffeneninitiative Missbit wirft Bischof Stephan Ackermann  Ignoranz und Passivität vor. Das Bistum weist die Vorwürfe zurück.

Neue Misstöne zwischen der Betroffeninitiative der Missbrauchsopfer im Bistum Trier (Missbit) und Bischof Stephan Ackermann: Die Initiative wirft dem kirchlichen Missbrauchsbeauftragten Ignoranz und Passivität bei der Aufarbeitung des Themas in seiner Diözese vor. „Warum gibt es auch ein Jahr nach Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie noch keine unabhängige Studie über den Missbrauch im Verantwortungsbereich des Bistums“, heißt es in einer von 17 Missbrauchsopfern und Unterstützern unterzeichneten Stellungnahme.

Nach Ansicht der Missbit-Mitglieder hätte Ackermann als Missbrauchsbeauftragter eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Stattdessen hinke Trier hinterher, während andere Bistümer wie Mainz, Limburg oder Köln vorangegangen seien und die zentrale Forderung der MHG-Studie bereits umgesetzt hätten.

Die im vergangenen Herbst veröffentlichte Studie dokumentiert den jahrzehntelangen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Katholischen Kirche. So sollen zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 meist männliche Minderjährige von 1670 katholischen Klerikern missbraucht worden sein. Im Bistum Trier sind seit 1946 insgesamt 148 Priester wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden. Betroffen waren 442 Opfer, davon 252 männlich.

Für Missbit belegt die älteste deutsche Diözese damit hinter Münster (450 Betroffene) und gleichauf mit Freiburg einen traurigen Spitzenplatz. Auch bei der Zahl der beschuldigten Priester stehe Trier neben Freiburg (190) und München/Freising (174) mit an der Spitze.

Die Tatsache, dass ständig neue Fälle von sexuellen Übergriffen durch Kleriker bekannt würden, dokumentiere die Ineffizienz der Präventionsfachstelle des Bistums, so Missbit-Sprecher Thomas Schnitzler.

Eine Sprecherin des Bistums wies auf Anfrage unserer Zeitung die Vorwürfe zurück. Präventionsarbeit könne leider nicht dazu führen, dass sexualisierte Gewalt völlig verhindert werde, sagte Kommunikationschefin Judith Rupp: „Präventionsarbeit kann aber die Wahrscheinlichkeit senken. Und das tut sie.“ Das Bistum werde die Präventionsmaßnahmen daher fortsetzen und kontinuierlich verbessern.

Bei der unabhängigen
Aufarbeitung des Missbrauchs im Bistum Trier will sich Bischof Stephan Ackermann nach Angaben seiner Sprecherin an die Kriterien und Standards halten, die mit dem Beauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, vereinbart würden. Diese sollen Ende des Jahres vorliegen. Daher sei auch derzeit noch keine Studie in Auftrag gegeben worden. Der Bischof habe aber zugesagt, dass die Betroffenen bei der Aufarbeitung mitarbeiten könnten, so die Sprecherin.

Die Aussagen Judith Rupps decken sich im Wesentlichen mit Angaben Stephan Ackermanns, die dieser im Juli bei einem Gespräch mit Vertretern der Opfer­initiative gemacht hatte. Damals kündigte der Bischof die Einsetzung einer unabhängigen Expertenkommission Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in seinem Bistum an.

Das Gremium soll danach auch eine mögliche Mitverantwortung von leitenden Priestern oder Bischöfen bei der Vertuschung von Missbrauchstaten thematisieren und bewerten.

Bei dem Treffen in Trier wurde auch über großzügigere Schadenersatzzahlungen für die Opfer gesprochen, die im Durchschnitt nur rund 5000 Euro erhalten haben. Weil es drei Monate später immer noch keine konkreten Reformbeschlüsse der Bischöfe gibt, fühlen sich die Missbit-Betroffenen „abermals getäuscht und in die Irre geführt“. Die Ankündigungen Ackermanns hätten sich besonders in diesem Punkte als trügerisch erwiesen, heißt es in der Stellungnahme der Initiative.

Beim Bistum verweist man darauf, dass Details einer neuen Entschädigungsregelung erst noch geklärt werden müssten.

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