Mordprozess in Trier, Vater wollte kranke Tochter und dann sich töten

Kriminalität : „Papa, ich will doch noch leben“

In Trier hat der Mordprozess gegen einen Vater begonnen, der erst seine Tochter und dann sich selbst töten wollte. Beide überlebten.

Es dauert geschlagene 95 Minuten, bis der bis dahin nahezu ohne Unterbrechung redende Angeklagte auf das grausame Geschehen zu sprechen kommt, für das sich der 63-Jährige seit Dienstag vor dem Trierer Landgericht verantworten muss. Dem Trier-Saarburger wird eine fast unfassbare Tat zur Last gelegt. Er soll Ende Oktober vergangenen Jahres seine unter einer unheilbaren und sich kontinuierlich weiter verschlimmernden Sehbehinderung leidende Tochter durch mehrere Messerstiche lebensgefährlich verletzt haben. Die Tat hatte als Mordversuch aus Mitleid für Schlagzeilen gesorgt.

Nach der blutigen Attacke auf seine Tochter wollte sich der gelernte Fernmeldetechniker ebenfalls mit einem Messer selbst das Leben nehmen. Doch wie die 36-jährige Tochter  überlebt auch er die zahlreichen Schnitt- und Stichverletzungen. „Ich bin gesund“, sagt der Angeklagte am Dienstag auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Petra Schmitz, wie es ihm heute gehe.

Zu diesem Zeitpunkt hat der seit etlichen Jahren im Ruhestand lebende Beamte schon viel erzählt: wie er groß wurde, schon früh seine Schwester verlor, sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmerte und später auch noch um die Tochter, deren Augenleiden sich zunehmend verschlimmerte. Glaubt man den Schilderungen des Angeklagten, hat er eine jahrelange Odyssee bei Ärzten und Kliniken hinter sich, zu denen er die Tochter chauffierte. Doch die erhoffte Genesung oder zumindest ein Stopp des in der Konsequenz auch schmerzenden Augenleidens stellte sich nicht ein. „Meine Tochter hat die Erkrankung sehr schwer verkraftet“, sagt der Vater, aber sie sei sehr bemüht gewesen, das Beste daraus zu machen.

Eine paar Minuten später merkt er allerdings an, die Tochter habe „sehr oft gesagt, dass sie dieses Leben nicht mehr will“ und sie keine 50 Jahre mehr Hörbücher hören könne. „Und sie hat mich auch mal gefragt, ob ich sie eventuell in die Schweiz oder die Niederlande zum gewollten Sterben bringen könnte“, sagt der Angeklagte später an diesem Vormittag, nachdem er zuvor davon berichtet hat, dass sich die gesundheitliche Situation der Tochter weiter verschlimmert und sie auch unter heftigen Panikattacken gelitten habe. „Ich fahre dich doch nicht dahin“, habe er die Frage brüsk zurückgewiesen“, worauf die Tochter ihm geantwortet habe: „Wenn du ein Vater wärst, würdest du das tun.“

Als der Angeklagte das sagt, ist ein Raunen im voll besetzten Zuschauerraum des Landgerichts zu hören. Auch als Oberstaatsanwalt Eric Samel zu Beginn des ersten Prozesstags die Anklage verliest und dabei schildert, wie der 63-Jährige am Tatabend die Tochter in ihrer Wohnung erst unter einem Vorwand ins Bad gelockt und ihr dann mit einem Teppichmesser lebensbedrohliche Schnittverletzungen am Hals zugefügt haben soll. Als er dann mit einem anderen Messer zurückgekommen sei, soll die blutende Tochter ihn angefleht haben: „Papa, ich habe dich lieb. Ich will doch noch leben.“

Warum er denn in diesem Moment nicht aufgehört, sondern erneut zugestochen habe, kommt Oberstaatsanwalt Samel später noch einmal auf diesen Moment zu sprechen. Der Angeklagte überlegt kurz, bevor er eine Antwort hinterherschiebt, die einige im Saal mit Stirnrunzeln quittieren: „Man ist dann in einem Gedankenlauf“, sagt der 63-Jährige. „Wenn ich meine Arbeit angefangen habe, habe ich auch nicht aufgehört; auch nicht, wenn’s schwierig war.“ Zudem sei er in diesem Moment davon ausgegangen, dass er seiner Tochter bereits tödliche Verletzungen zugefügt hätte.

Doch die Tochter war nicht tot. Sie schleppte sich schwerstverletzt in den Flur, wo sie später von den durch Nachbarn alarmierten Rettungskräften gefunden wurde. Der Vater hatte, bevor er sich selbst ein Messer in die Brust stach, noch die Ehefrau angerufen und ihr die Tat gestanden und den eigenen Suizid angekündigt. Er habe nicht gewollt, dass sie das von einem uniformierten Polizisten erfährt, der an der Haustüre klingelt, sagt der Angeklagte.

So ausführlich und detailliert der 63-Jährige manche Vorkommnisse der Vergangenheit schildert, so nebulös redet er über das eigentliche Geschehen.

„Ich mache mir Gedanken über diesen Punkt, den ich überschritten habe“, sagt er.  Oder dass er „irgendwann diesen Entschluss gefasst“ habe, „das zu tun“. „Ich habe das schon danach nicht mehr verstanden“, fügt er hinzu und ergänzt, dass er den Tathergang nicht mehr auf die Reihe bekommt. Er sagt aber auch: „Ich habe das getan, was in Ihren Akten steht.“

Ob es zu der Bluttat spontan kam oder ob sie von etwas längerer Hand geplant gewesen sein könnte, ist eine der spannenden Fragen des zunächst auf fünf Verhandlungstage angesetzten Prozesses. Er wird am Dienstag in drei Wochen fortgesetzt. Die für diesen Tag zunächst als Zeugin geladene Tochter will offenbar nicht aussagen.

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