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Ob die Beschlüsse zur aktuellen Corona-Lage ausreichen?

Beschlüsse zur aktuellen Corona-Lage : Und wieder sind Schulschließungen Thema

Kinder- und Jugendärzte warnen in der vierten Corona-Welle eindringlich vor Schließungen von Schulen und Kitas. Unterstützung bekommen sie von SPD-Chefin Saskia Esken. Unterdessen steht Gesundheitsminister Jens Spahn wegen der angekündigten Biontech-Rationierung massiv in der Kritik.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht wegen der angekündigten Begrenzung von Lieferungen des Biontech-Impfstoffes an Hausärzte im Kreuzfeuer der Kritik. Ärztevertreter warnten, die geforderte Umstellung auf das Moderna-Vakzin würde Chaos in den Praxen auslösen. Aus den Bundesländern kamen Forderungen nach einer sofortigen Rücknahme der Beschränkung. Am Montag befasst sich die Gesundheitsministerkonferenz mit dem Thema.

Das Bundesgesundheitsministerium werfe mit der Entscheidung „Brocken in das Impfgetriebe“, kritisierte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). „Ich habe kein Verständnis mehr für dieses Hin und Her.“ Angesichts der schwierigen Corona-Lage forderte Schwesig, die angekündigte Begrenzung „unverzüglich“ zurückzunehmen.

Lieferbegrenzungen von Biontech zerstören Vertrauen und sind inakzeptabel

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU), nannte die Lieferbegrenzungen „inakzeptabel“. Sie zerstörten Vertrauen und müssten sofort zurückgenommen werden. Spahns Ministerium hatte am Freitag angekündigt, dass die Höchst­abgabemenge von Biontech-Impfstoff auf 30 Impfdosen pro Woche pro Hausarzt beschränkt werden soll. Hintergrund ist die sehr hohe Nachfrage nach Biontech. Außerdem könnten Millionen eingelagerte Moderna-Dosen im ersten Quartal 2022 verfallen.

Unterdessen wächst in der vierten Corona-Welle die Sorge vor erneuten Schul- und Kitaschließungen. SPD-Chefin Saskia Esken mahnte zu erhöhter Vorsicht und strikter Beachtung der Anti-Corona-Regeln: „Nachdem Familien, Kinder und Jugendliche seit vielen Monaten auf verlässliche Betreuung, auf vollwertige Bildungsangebote und auf vieles mehr verzichten mussten, ist es an uns, durch reduzierte Kontakte und andere wirksame Maßnahmen wie 3G/2G/2GPlus die Zahl der Neuinfektionen zurückzudrängen, um gehäufte oder gar flächendeckende Schulschließungen zu vermeiden“, sagte Esken unserer Redaktion. Tests und Masketragen sei für Schüler, die größtenteils noch nicht geimpft seien, das Gebot der Stunde: „Wir sollten sie weiterhin regelmäßig testen und auch bei der Maskenpflicht bleiben, selbst wenn das lästig ist.“ Nach den Herbstferien hatten viele Schulen die Maskenpflicht in der Hoffnung aufgehoben, das Schlimmste in der Pandemie sei überstanden. Nun jagt ein Negativrekord den nächsten.

Inzidenz liegt in Deutschland bei 372,7

So stieg die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz erneut auf einen Höchststand. Das Robert-Koch-Institut (RKI) gab am Sonntagmorgen die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche mit 372,7 an. Zum Vergleich: Am Vortag hatte der Wert bei 362,2 gelegen, vor einer Woche bei 289 (Vormonat: 85,6). Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 75 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 55 Todesfälle gewesen.

Deutschlands Kinder- und Jugendmediziner warnten eindringlich vor erneuten Schulschließungen. „Ich plädiere dringend dafür, den Schulbetrieb während der gesamten vierten Welle aufrechtzuerhalten“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Jörg Dötsch, unserer Redaktion. „Wir haben in verschiedenen Untersuchungen festgestellt, dass die Hauptansteckungen bei Kindern und Jugendlichen eben nicht in den Schulen passieren, sondern im familiären Umfeld.“

Schul- und Kitaschließungen würden vor allem dem Schutz ungeimpfter Erwachsener dienen

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) erklärte, Schul- und Kitaschließungen würden letztlich vor allem dem Schutz ungeimpfter Erwachsener dienen. „Diese dürfen niemals erfolgen, bevor nicht alle anderen Maßnahmen des Infektionsschutzes ausgeschöpft sind, dazu gehört etwa auch eine allgemeine Impfpflicht für Erwachsene“, sagte BVKJ-Bundessprecher Jakob Maske.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, rief die Länder dazu auf, umgehend die Impfzentren wieder zu öffnen und die Krankenhäuser administrativ sowie auch organisatorisch beim Impfen zu unterstützen. „Wir brauchen ein hohes Impftempo“, sagte Gassen weiter. Außerdem müsse der Hospitalisierungsindex (der angibt, wie viele Covid-Erkrankte in Kliniken stationär behandelt werden) ohne Zeitverzug digital gemeldet werden. „Wir sind noch immer in einer Situation, in der wir ein analoges Meldeverfahren haben, das nicht überall tagesaktuelle Daten liefert. Das ist nicht länger vertretbar“, sagte Gassen.