Katholische Kirche: „Täterorientierte Schweigementalität“? - Ermittlungen gegen Geistliche dauern an

Katholische Kirche : „Täterorientierte Schweigementalität“? - Ermittlungen gegen Geistliche dauern an

Die jüngsten Vorwürfe gegen zwei Geistliche sind noch nicht geklärt. Derweil erhebt die Opfervereinigung Missbit neue Vorwürfe.

Die in diesem Jahr eingeleiteten Ermittlungen gegen einen Trierer Bistumspriester und einen Diakon dauern an. Das sagte der Leitende Trierer Oberstaatsanwalt Peter Fritzen auf Anfrage unserer Zeitung. Gegen den Ruhestandspriester wird seit April wegen möglichen Missbrauchs eines Minderjährigen ermittelt. Das Geschehen soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft über ein Jahrzehnt zurückliegen. Derzeit liefen noch Zeugenvernehmungen, sagte Chef-Staatsanwalt Fritzen dem TV.

Seit die angeblichen Übergriffe bekannt wurden, darf der Ruhestandsgeistliche keine Gottesdienste mehr halten. Gegenüber dem Bistum hatte der Priester die Vorwürfe im April zurückgewiesen. Inzwischen habe der Beschuldigte einen Rechtsanwalt beauftragt, so die Staatsanwaltschaft.

Auch das seit Februar laufende Ermittlungsverfahren gegen einen katholischen Diakon dauert an. Gegen den zuletzt in einem Trierer Krankenhaus beschäftigten Mann wird wegen Besitzes kinderpornografischer Schriften ermittelt. Nach Angaben des Leitenden Oberstaatsanwalts ist die Auswertung der bei der Wohnungsdurchsuchung sichergestellten Datenträger noch nicht abgeschlossen.

Die Trierer Ermittler waren dem Diakon durch eine Mitteilung amerikanischer Fahnder auf die Schliche gekommen. Der Mann soll demnach eine Kinderpornodatei auf einer Online-Plattform zum Tausch mit anderen Nutzern hochgeladen haben.

Er hatte von sich aus die Klinik über die laufenden Ermittlungen informiert und war daraufhin direkt freigestellt worden. Nach Angaben einer Sprecherin gab es keine Anhaltspunkte dafür, dass der Mann sich bei der Ausübung seines Berufs strafbar gemacht habe. Ähnlich hatte sich im März auch das Bistum geäußert. Der bis dahin in einer Trierer Pfarrei eingesetzte Diakon wurde als freundlich, unauffällig und beliebt beschrieben.

Wann in den beiden Fällen mit einem Ende der Ermittlungen zu rechnen ist, steht noch nicht fest. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sprach nach Bekanntwerden der Vorwürfe davon, „dass das Thema gegenwärtig bleibt und wir in Prävention und Intervention nicht nachlassen dürfen“. Bischofsprecherin Judith Rupp wollte sich am Freitag unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht zum Thema äußern.

Im Bistum Trier sind seit 1946 insgesamt 149 Priester wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt worden. Betroffen waren 443 Opfer.

Unterdessen hat der Sprecher der Trierer Opfer-Initiative Missbit, Thomas Schnitzler, schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Missbrauchsbeauftragten des Bistums, Rainer Scherschel, erhoben. Bei einer Veranstaltung zum Thema Missbrauch in der Kirche in Koblenz sagte Schnitzler, er sei bei seinem ersten Gespräch mit dem damaligen Missbrauchsbeauftragten Scherschel auf eine „täterorientierte Schweigementalität“ getroffen. Den Opfern sei damals unterstellt worden, dass sie simulierten. Es sei versucht worden, deren Glaubwürdigkeit zu entkräften, wird Schnitzler in der „Rhein-Zeitung“ zitiert. Eine Aussage, die der Missbit-Sprecher unserer Zeitung gegenüber am Freitag bekräftigte.

Prälat Scherschel, der ehemalige Leiter der Stabsstelle Priester, war im Dezember 2002 noch unter Ackermanns Vorgänger Reinhard Marx zum Missbrauchsbeauftragten ernannt worden. Damals sagte er, es handele sich bei den Übergriffen im Bistum Trier „bisher Gott sei Dank um seltene Ausnahmefälle“. Als Scherschel das Amt im Oktober 2010 an seinen Nachfolger übergab, lobte Stephan Ackermann die „große Gewissenhaftigkeit und das Einfühlungsvermögen“ des scheidenden Missbrauchsbeauftragten. Er habe in schwierigen Situationen Großartiges geleistet.

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