Weil er seine schwerkranke Tochter umbringen wollte, verurteilt das Trierer Landgericht einen Vater wegen versuchten Mordes.

Justiz : Sie wollte nicht sterben

Weil er seine schwerkranke Tochter umbringen wollte, verurteilt das Trierer Landgericht einen Vater wegen versuchten Mordes.

Wollte die 35-Jährige sterben? Hat ihr Vater mit seinem Tötungsversuch den Wunsch der schwerkranken Tochter erfüllen wollen? Oder war der heimtückische Angriff mit einem Teppichmesser auf die arglose Frau ein geplanter Mordversuch?

Das war die Kernfrage, um die sich der teils emotional verlaufene Prozess vor dem Trierer Landgericht gegen einen 63-Jährigen drehte. Dabei hat sich offenbart, dass der Mann sich mit der Betreuung der Tochter, die aufgrund einer unheilbaren Augenerkrankung zu erblinden droht und unter schlimmen Panikattacken leidet, überfordert hat. Die Betreuung sei zu seinem Lebensinhalt geworden, sagte die Vorsitzende Richterin, Petra Schmitz, gestern in ihrer 30-minütigen Urteilsbegründung. Zu sieben Jahren und sechs Monaten verurteilt das Gericht den Mann, weil er versucht hat, seine Tochter zu ermorden.

Der Vater habe sich über seine eigene Belastungsgrenze hinaus für seine Tochter, deren einzige Bezugs- und Vertrauensperson er war, aufgeopfert – und damit auch seine Familie belastet, sagt die Richterin. Weil er Konflikten aus dem Weg gehe, habe er sich für die Tochter aufgeopfert, habe alles für sie getan und keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen.

Sie habe Angst gehabt, dass ihr Mann, der zunehmend an Schlaf- und Konzentrationsstörungen litt, irgendwann einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag erleiden würde, hatte seine Ehefrau während des Prozesses gesagt. Sie selbst und der Sohn des Ehepaares haben (noch immer) ein problematisches Verhältnis mit der, wie es die Richterin formuliert, „schwierigen“ Tochter. So wurde der Vater zur einzigen Bezugsperson. Er war es, der seine Tochter zu diversen Ärzten und Klinikaufenthalten begleitete, der mit ihr hoffte, dass die Therapien ihre Krankheit heilen oder zumindest den Verlauf stoppen könnten. Doch das Leiden der Frau wurde immer schlimmer, die psychische Erkrankung nach mehreren medizinischen Rückschlägen immer heftiger. Zum Schluss war der Vater dann fast Tag und Nacht bei seiner Tochter. Das übrige Familienleben litt darunter. Der Mann habe es kaum noch geschafft, alles zu stemmen, sagt Richterin Schmitz.

Bleich und nach außen fast regungslos nimmt der 63-Jährige das Urteil entgegen. Er hatte schon zu Prozessbeginn gestanden, dass er seine Tochter habe umbringen wollen. Seine Verteidigerin Martha Schwiering kündigte in ihrem Plädoyer an, dass er dafür auch die Verantwortung übernehmen wolle.

Mehrmals soll die Frau den Wunsch geäußert haben, zu sterben. Er solle mit ihr zur Sterbehilfe in die Schweiz oder die Niederlande fahren, soll sie zu ihrem Vater gesagt haben. Es habe aber kein durchgehender Sterbewunsch oder Selbstmordgedanke bei der Frau bestanden, stellt das Gericht in seinem Urteil fest. Trotzdem hat der Vater irgendwann den Entschluss gefasst, die Tochter zu töten. Das, was sich am 21. Oktober in der Wohnung der Frau in Trier-Süd abspielte und was Oberstaatsanwalt Eric Samel in seinem Plädoyer ein „Gemetzel“ nannte, war nach Überzeugung des Gerichts geplant. Das Teppichmesser, mit dem er der Tochter schließlich tiefe Schnittwunden am Hals zufügte, hatte der Vater wohl den ganzen Tag bei sich. Sein Auto übereignete er Tage vor der Tat seinem Sohn, in einem blauen Schulheft hatte er alle wichtigen Passwörter und Daten hinterlegt – und auch Abschiedsbriefe an die Ehefrau und den Sohn.

Durch die Tötung der Tochter und seiner selbst habe er sich und die Familie von der belastenden Situation durch die Erkrankung der Tochter befreien wollen, sagt die Richterin in ihrer Urteilsbegründung. Sicherlich sei es schlimm anzusehen gewesen, wie die Tochter zunehmend ihr eigenständiges Leben und ihre sozialen Kontakte aufgrund ihrer Erkrankung habe aufgeben müssen.

Trotzdem habe die Frau nicht sterben wollen. Als ihr Vater sie an dem Sonntag unter einem Vorwand ins Bad lockte  und ihr brutal mit dem Messer in den Hals schnitt, soll sie sich heftig gewehrt und ihn angefleht haben: „Papa, ich will doch leben.“

Großes Medieninteresse: Oberstaatsanwalt Eric Samel beantwortet Fragen von Journalisten. Foto: Bernd Wientjes

Trotzdem habe er nicht von ihr abgelassen, so die Richterin. Als er bemerkt habe, dass sie noch lebe, habe er ihr ein Küchenmesser in die Brust gerammt. Danach habe er vor ihren Augen ihren geliebten Kater mit dem Teppichmesser getötet (aus diesem Grund wird der Mann zusätzlich auch wegen Tötung eines Wirbeltieres ohne Grund verurteilt) und in einem Müllbeutel ins Waschbecken geworfen, bevor er versuchte, sich mit dem Messer selbst zu töten. Beide überlebten, die Frau nur durch viel Glück. Die Tat sei nahe am vollendeten Mord gewesen, sagt daher auch die Richterin. „Wenn nur die Hilfe für die Tochter im Vordergrund gestanden hätte, hätte es andere Lösungen gegeben“, so Schmitz.

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