Parteien: Will er Steuermann der CDU werden?

Parteien : Will er Steuermann der CDU werden?

Bei der Spitzenkandidatur 2021 rückt eine Bewerbung von Marlon Bröhr näher, der von einer Yacht provoziert.

Es ist der 19. November 2016, fast auf den Tag genau acht Monate nach der aus Sicht der rheinland-pfälzischen CDU abermals verlorenen Landtagswahl. Die 350 Delegierten der Partei sind im Wittlicher Eventum zusammengekommen, um den Vorstand neu zu wählen und ansonsten nach vorne zu schauen. Die Aufarbeitung der neuerlichen Wahlschlappe der Christdemokraten fällt eher mau aus. Die alte und neue Parteichefin Julia Klöckner schimpft über den Bundestrend, der der Landes-CDU das Leben schwer gemacht habe, und über „das ein oder andere Plakat“, das sie beim nächsten Mal anders machen würde. Die anschließende Aussprache ist ähnlich dürftig. Gerade mal eine Wortmeldung gibt es im Anschluss an die Klöckner-Rede.

Ausgerechnet ein Zahnarzt holt die Delegierten wenig später aus der Parteitagslethargie. Bei den Wahlen der Beisitzer für den Landesvorstand zieht der Rhein-Hunsrücker Landrat Marlon Bröhr vom Leder. „Wir müssen aufhören mit dem Postengeschachere und Parteienproporz“, ruft der damals 42-Jährige vom Podium aus in den Saal. Und: „Wir brauchen die Einsicht, dass nicht der Wähler daran schuld ist, sondern dass wir selbst besser werden müssen“, sagt Bröhr selbstbewusst, während einige CDU-Funktionäre etwas betröppelt dreinschauen.

Die Parteitagsregie hatte den Auftritt des überaus selbstbewussten Landrats wohl nicht auf dem Schirm. Die 15 Kandidaten für die Beisitzerposten waren von den drei Bezirksverbänden zuvor schon nominiert worden, die eigentliche Wahl auf dem Parteitag sollte eigentlich Formsache sein. Bis mit dem zuvor in seinem Bezirksverband unterlegenen Marlon Bröhr plötzlich ein 16. Kandidat auftaucht  – und bei der Abstimmung scheitert. Er verlässt am Ende des Parteitags mit einer kleinen Schar Getreuer den Saal, während viele CDUler noch die Nationalhymne singen. „Er ist ein schlechter Verlierer“, sagt ein Delegierter, der zuvor bei Marlon Bröhrs Auftritt noch mehrmals zustimmend genickt hat.

Nun sieht es so aus, als würde der zweite große innerparteiliche Auftritt des inzwischen 45-jährigen Landrats ins Haus stehen. Für kommenden Dienstag hat Bröhr zu einer Pressekonferenz in die Simmerner Hunsrückhalle eingeladen. „Aus aktuellem Anlass“, wie es in der Einladung heißt; und weil es „in den vergangenen Wochen Presseberichte zu meiner möglichen Bewerbung für die CDU-Spitzenkandidatur“ gegeben habe, wie Bröhr süffisant hinzufügt. Von einem Segeltörn in Kroatien, wo der Landrat momentan Urlaub macht, postet er dann noch ein vielsagendes Foto auf Facebook. Bröhr steht da am Steuer einer Yacht. Sein Kommentar: „Frischer Wind“.

Parteikreise rechnen fest damit, dass Marlon Bröhr die CDU als Steuermann in die Landtagswahl 2021 führen will. Es wäre eine große Überraschung, wenn Bröhr am Dienstag nicht erklären würde, im parteiinternen Wettstreit gegen Christian Baldauf anzutreten. Baldauf, den CDU-Landeschefin Julia Klöckner im Sommer mit dem gesamten Vorstand vorgeschlagen hat, gilt als klarer Favorit in einem möglichen Zweikampf. Sämtliche Gruppierungen in der Partei scharen sich um den Pfälzer, der die Fraktion im Mainzer Landtag führt. Die kommunalpolitische Vereinigung der CDU schickte vor wenigen Tagen eine Erklärung heraus, einstimmig hinter Christian Baldauf zu stehen, was Beobachter als Abfuhr für Bröhr deuten. Nur: Der KPV-Bezirksvorsitzende aus dem Raum Trier, Moritz Petry, war nach eigenen Angaben bei der Abstimmung gar nicht dabei. „Das Thema stand nicht mal auf der Tagesordnung“, sagt der Eifeler, der am 31. Oktober gegen den Bundestagsabgeordneten Andreas Steier um den Bezirksvorsitz in der Region antritt und den CDU-Kenner eher dem Bröhr-Lager zuordnen. Bernhard Henter, der jetzt noch den Bezirk führt, steht felsenfest hinter Baldauf: „Jeder hat das Recht, in einer demokratischen Partei zu kandidieren. Aber Christian Baldauf hat es verdient, als Spitzenkandidat anzutreten, weil er die CDU gut repräsentiert und die Alltagsarbeit in der Fraktion leistet“, sagt der Konzer.

Wo Baldauf parteiintern hoch in der Gunst steht, weil er 2011 Julia Klöckner den Vortritt bei der Spitzenkandidatur ließ, gilt Bröhr bei seinen Anhängern als Chance für einen echten Neuanfang nach vielen verlorenen Landtagswahlen. Anders als Baldauf, der seit 2001 im Parlament sitzt und damit Teil der „Generation Opposition“ ist.

An breitem Rückhalt fehlt es dem Einzelkämpfer Bröhr aber wohl, um Baldauf so gefährlich zu werden wie der CDU in der Verbandsgemeinde Kastellaun 2007. Da trat Bröhr als unabhängiger Bürgermeister-Kandidat an, weil die Union ihn nicht aufstellen wollte – und gewann haushoch. Der Landrat gilt als eigener Kopf, ist finanziell unabhängig, denkt nicht in der klassischen Parteikarriere und spöttelte zuletzt auch über Christian Baldauf, als der den Wald auf die politische CDU-Agenda setzte: „Die Nummer, dass jetzt alle im Wald sitzen ...“, lästerte Bröhr, was manches Parteimitglied arrogant fand.

Die SPD, die 2021 voll und ganz auf Malu Dreyer setzt, spekuliert schon auf Unruhe beim großen Rivalen. Gerade die Landräte sollten doch das Rückgrat der Baldauf-Kampagne bilden, twitterte SPD-Generalsekretär Daniel Stich am Donnerstag und folgerte. „Gab es da keine Gespräche? Was für ein Chaos! Fehlstart wegen Führungsschwäche!“

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