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Fussball
Trotz aller Missstände: Ein WM-Boykott bringt nichts

Es gibt sie mittlerweile bei jedem sportlichen Großereignis: Fälle von Gigantismus, Mahnmale völlig verfehlter Planungs- und Kostenpolitik. Bei der heute beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland steht das neu errichtete Stadion in St. Von Mirko Blahak
Mirko Blahak

Petersburg beispielhaft für Irrsinn und nicht nachvollziehbare Finanzströme. 800 Millionen Euro hat die 67 000 Zuschauer fassende Arena gekostet – und damit doppelt so viel wie die Münchner Allianz-Arena, die 75 000 Plätze bietet. Da bleibt nur großes Kopfschütteln.

Acht der zwölf WM-Stadien wurden neu gebaut, die anderen auf Vordermann gebracht. Hinzu kommen  neue Straßen und Hotels sowie die Aufmöbelung von Flughäfen. Dabei versickerten Millionen Euro an Steuergeld, Oli­garchen profitierten von dicken Aufträgen. Die Zeche zahlen die Bürger – und die Arbeiter, die unter Ausbeutung und Entrechtungen leiden.

Vom Weltverband Fifa ist zu alledem nix zu hören. Auch nicht zur zwielichtigen Rolle von  Witali Mutko, der im Zuge von Vorwürfen der Verstrickung in den russischen Dopingskandal als Chef des nationalen Fußballverbands und Chef des WM-Organisationskomitees zurücktrat, aber als Vize-Ministerpräsident doch weiterhin irgendwie mitmischt. Oder zur Tatsache, dass die ägyptische Nationalmannschaft in Tschetschenien residiert, das in Sachen Menschenrechte ein ganz dunkler Fleck ist. Hat sich die Fifa nicht eine Menschenrechtsstrategie auferlegt?

Angesichts all dieser Verwerfungen und Turbulenzen haben Kritiker den Boykott der WM gefordert. Wenn schon nicht die Nationalteams, so sollten doch wenigstens Politiker und Fans fernbleiben. Würde das nachhaltig etwas bringen? Nein. Wer boykottiert, bleibt passiv und kann nicht Einfluss nehmen. Hingehen, Missstände anprangern, dicke Bretter bohren – so sollte das Gebot der Stunde lauten.

Ein Boykott wäre ein Schlag ins Gesicht derer, die nichts für das schamlose Handeln auf anderen Ebenen können: nämlich der gastfreundlichen Russen, die sich in den nächsten viereinhalb Wochen mächtig ins Zeug legen werden, um den Besuchern einen tollen Aufenthalt zu ermöglichen.

m.blahak@volksfreund.de