Um die Versorgung im ländlichen Raum zu retten, fließen neue Mittel

Kostenpflichtiger Inhalt: Gesundheit : Nicht alle kleine Kliniken bekommen begehrte Finanzspritze

Um die Versorgung im ländlichen Raum zu retten, fließen neue Mittel von Bund und Land. Das große Problem: Es krankt in vielen Häusern.

Der Schrecken saß den Einwohnern von Kirn im Landkreis Bad Kreuznach mächtig in den Gliedern. Sie gingen zuletzt auf die Straße, um gegen ein Aus des lokalen Krankenhauses zu demonstrieren, das Millionenverluste schreibt. Die schlimmsten Befürchtungen, wonach das Haus schließen muss, sind nun vom Tisch. Aufpäppeln soll die Klinik eine Finanzspritze, die auch Krankenhäuser in der Region erhalten, um eine Versorgung in der Fläche zu retten. Der Bund unterstützt ab 2020 insgesamt 120 Krankenhäuser – sieben davon aus Rheinland-Pfalz – mit sogenannten Sicherstellungszuschlägen von jährlich 400 000 Euro. In der Region profitieren davon Bitburg und Prüm.

Darüber hinaus gibt es vom Land weitere Sicherstellungszuschläge an andere Häuser. Eine bundeseinheitliche Vorgabe ist, dass im Versorgungsgebiet einer Klinik weniger als 100 Einwohner auf einen Quadratkilometer kommen. Diese Zahl will das Land auf 200 Einwohner pro Quadratkilometer anheben, um mehr Kliniken zu unterstützen. Die Sprecherin des SPD-geführten Gesundheitsministeriums kündigt an,  dass Saarburg, Wittlich, Hermeskeil, Kusel, Nastätten, Kirn, Simmern und Altenkirchen/Hachenburg einen Zuschlag erhalten können. Häuser können unter anderem dann profitieren, wenn sie für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung erforderlich sind oder ein Defizit in der Bilanz haben, heißt es aus dem Mainzer Ministerium zu den ausgewählten Kriterien. Die Sicherzustellungszuschläge des Landes seien jährlich neu zu vereinbaren, sagt die Ministeriumssprecherin.

An Häusern, die ohne zusätzliches Geld auskommen müssen, herrscht dagegen Ärger. „Für uns sind die Kriterien, nach denen ausgewählt wurde, nicht nachvollziehbar“, sagt Franz-Josef Jax vom Krankenhaus Maria Hilf in Daun. Christoph Wagner, kaufmännischer Direktor des Marienhaus-Klinikums Eifel in Bitburg und Gerolstein, fällt wiederum auf: „Das Land hält Kliniken für bedarfsnotwendig, die der Bund nicht als solche erwähnt“, sagt er. Wagner fordert, von der Politik Farbe zu bekennen, welcher Standort „planerisch als notwendig“ betrachtet werde. „Wir müssen uns in allen Standorten zur Decke strecken, um die schwarze Null zu erhalten.“ Kliniken beklagen einen massiven Sanierungsstau, im ebenfalls von der Marienhaus betriebenen Hermeskeiler Krankenhaus seien Nasszellen 40 Jahre alt.  Auch andere Häuser – wie das Verbundklinikum Wittlich/Bernkastel-Kues, aber auch die Trierer Kliniken – monieren zu geringe Investitionen und gleichzeitig explodierende Baukosten. Die 142 Millionen Euro, die das Land 2020 in die Krankenhausfinanzierung stecken will, reichten nicht aus. Doch die Häuser plagen noch andere Probleme wie Personalmangel. Geht es nach Jörg Wiesenfeldt, ist die Not hausgemacht. Der Neurologe von der Verdi-Betriebsgruppe im Verbundkrankenhaus Wittlich kritisiert in einer E-Mail an den TV das Krankenhausfinanzierungssystem. Das so genannte „Diagnosis Related Groups“ (DRG) habe den Blick mehr auf teure Eingriffe, mehr Mühe bei der Dokumentation und Personalabbau gerichtet. Die Arbeitszufriedenheit sei gering, Personal wandere ab, gehe in Teilzeit oder gleich ins Ausland, beklagt Wiesenfeldt, der den Ländern vorwirft, keine vernünftige Krankenhausplanung zu betreiben.

Jörn Simon, Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse, pocht dagegen auf Reformen. „Kleine Krankenhäuser mit wenigen Betten und schlechter Auslastung werden auf Dauer nicht mehr finanzierbar sein. Das müssen wir uns ehrlich eingestehen“, sagt er. Künftig werde nicht mehr jeder das nächste Krankenhaus um die Ecke haben. „Zwar möchten die Menschen häufig diese gefühlte Sicherheit, aber wenn es dann darum geht, in welches Krankenhaus sie bei einer Erkrankung gehen, ist doch eine größere Klinik für viele objektiv gesehen die bessere Wahl“, sagt Simon, der von mehr integrierten Versorgungszentren im ländlichen Raum ausgeht. Einen Kahlschlag bei kleinen Kliniken – wie ihn die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie gefordert hat – lehnt Christoph Wagner dagegen ab: „Hunsrück, Hochwald und Eifel sind von der Infrastruktur gar nicht so gut ausgebaut. Im ländlichen Raum braucht es Krankenhäuser, die die Menschen im Notfall schnell erreichen können.“

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