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Von Auckland nach Trier: 18 000 Kilometer bis zur Corona-Krise

Reportage aus Neuseeland : Von Auckland nach Trier - 18 000 Kilometer bis zur Corona-Krise

Covid-19 hat ganz Europa im Griff. Doch wie ist es auf der anderen Seite der Erde? Unser Redakteur Rainer Neubert ist in diesen Tagen von einer Reise nach Neuseeland zurückgekehrt. Er berichtet von schönen und dramatischen Erlebnissen.

„Kia Ora“ – sei willkommen! Die Menschen in Neuseeland sind ausgesprochen freundlich. Jeder spricht sich mit dem Vornamen an. Gelassenheit und Höflichkeit sind auf der anderen Seite der Erde Lebensphilosophie. Beispiel gefällig? Wer in Christchurch oder anderswo mit dem Bus fährt, dankt beim Aussteigen dem Fahrer, der in der Regel den Gruß erwidert. Wer das in Deutschland tut, begibt sich in Gefahr, eingewiesen zu werden. So zumindest ist das Gefühl, das Heimkehrer auch einige Tage nach der Ankunft in der krisengeschüttelten Heimat beschleicht.

„Wenn du noch hierbleiben musst, ist das doch kein Problem.“ Steven spricht angesichts der dramatischen Online-Schlagzeilen den Gästen aus Europa Mut zu. „Die Sommersaison hier ist vorbei, da findet ihr auf dem Land problemlos eine sehr günstige Unterkunft“, ist der Besitzer des kleinen Schmuckladens nahe des Hafens von Auckland überzeugt.  Von dort sind  irische Musik und fröhlich feiernde Menschen zu hören. St. Patricks Day.

Von Auckland nach Trier - 18000 Kilometer bis zur Corona-Krise

Doch nach Feiern kann einem nicht wirklich zumute sein, wenn kurz vor dem geplanten Rückflug von einer Schließung der EU-Außengrenze die Rede ist. Geht unser Flug? Oder werden wir auf dem 18 000 Kilometer weiten Rückweg irgendwo stranden? Diese Sorgen beschäftigen seit dem Vortag die Reisenden aus Übersee. Zum Beispiel in Christchurch, der von dem schweren Erdbeben vor neun Jahren noch immer gezeichneten Stadt. Auch in der Jailhouse Accomodation glühen dort die Smartphone-Akkus. In dem ehemaligen Gefängnis quartieren sich Rucksacktouristen und andere Reisende gerne zu Beginn oder Ende ihres Neuseeland-Abenteuers ein. „Der Bekannte meiner Freundin …“  Geschichten von Italienern und Franzosen machen die Runde, die angeblich irgendwo gestrandet sind.

Blick auf den Mount Cook. Der 3724 Meter hohe Riese ist der höchste Berg Neuseelands. Auf der Müller’s Hut genießen Wanderer auch in der Krise das grandiose Panorama. Das Ticket in die Heimat. Von Abu Dhabi nach Frankfurt sind es nur noch sechs Flugstunden. Erinnerunsbild vor der Skyline von Aukland. Unser Redakteur Rainer Neubert und seine Frau Karin machen gute Minen in der zunehmend angespannten Situation Der Tongariro-Alpine-Crossing gilt als einer der schönsten Tageswanderungen der Welt. Nicht viel los auf dem Flughafen in Sydney. Die Corona-Krise ist auch in Australien und Neuseeland angekommen. Fotos: Rainer Neubert. Foto: TV/Rainer Neubert

Vor vier Wochen, als unsere Traumreise begann, musste zwar der ursprünglich über Shanghai geplante Flug wegen Stornierungen der chinesischen Fluglinie neu gebucht werden. Von einer weltweiten Krise war aber noch keine Rede. So wird vor dem Abflug in Frankfurt für den weiten Weg über die arabische Halbinsel und Australien zwar nach möglichen Krankheitssymptomen und einem vorherigen Aufenthalt in China gefragt. Bis kurz vor Ende unserer Rundreise wird Covid-19 ein Randthema bleiben.

„Wir haben hier erst einen positiven Fall“, erzählt der Taxifahrer nach der Ankunft in Auckland. „Das war ein Iraner, der sofort isoliert worden ist.“ Angst vor dem Virus? „Nein. Wir sind so weit weg von all diesen Sachen …“ Diese Antwort ist bei unserer Spätsommer-Tour mit dem Campervan fast überall zu hören.

Blick auf den Mount Cook. Der 3724 Meter hohe Riese ist der höchste Berg Neuseelands. Foto: TV/Rainer Neubert

Auch Dave und seine Frau Melany machen sich keine Sorgen. Der Automechaniker mit der kleinen Werkstatt bei Napier an der Westküste der Nordinsel schimpft über die Hitze, die ungewöhnliche Trockenheit und die drückende Hitze des Tages. „In Germany, we call it schwül‘“, beantworte ich eine Frage von Melany, die uns stolz ihre beiden streichelbedürftigen Welpen zeigt. „Schwuel?“ Sie lacht, erzählt von  der jahrzehntelangen Freundschaft zu einem Paar aus Deutschland. Was da in China passiere, sei eine schlimme Sache. „Es ist richtig, dass die Menschen aus China erst einmal nicht mehr einreisen dürfen“.

In Neuseeland ist das Virus in den ersten Märzwochen vor allem ein virtuelles Thema der Touristen, die über die vielen Naturwunder der Doppelinsel staunen. Überwältigende Natur im Coromandel-Nationalpark. In Rotourua und auf der angeblich schönsten Tageswanderung der Welt, dem Tongariro-Alpine-Crossing, lassen sich die aktiven Zeugnisse von Vulkanismus bewundern, auf dem Abel-Tasman-Track im Norden der Südinsel, an den Pfannenkuchenfelsen in Paparoa National Park und auf dem Weg zu den höchsten Bergen Neuseelands werden die Gedanken an eine Krise in der Heimat von der überwältigenden Schönheit der Natur verdrängt.

6. März. „Wir sind hier sicher“, glauben auch die beiden jungen Frauen aus der Oberpfalz, die für einige Wochen an der Campingplatz-Rezeption am Fox-Gletscher die Gäste aus Europa begrüßen.  Bei denen sind Meldungen über die steigenden Fallzahlen in der Heimat inzwischen angekommen.

12. März. Auf Müllers‘ Hut, der Berghütte auf knapp 2000 Meter, packen Claudia und Jens ihre Rucksäcke. Das junge Paar aus dem Schwarzwald wandert 1200 Kilometer vom südlichsten Punkt bis zur nördlichsten Spitze des Landes. Die Hälfte des Weges haben sie bereits geschafft. „Wir hoffen, dass die Krise in einigen Wochen vorbei ist, wenn wir wieder zurück müssen“, sagt die 26-Jährige.

Doch das ist nun einige Tage her und wir bangen in Auckland. In der für Neuseeland so untypischen Millionenstadt ist Corona angekommen. „Bitte halte Abstand“, fordert mich der Busfahrer ungewohnt bestimmt auf, als ich die Tickets für die Fahrt zum Sea-Life-Aquarium kaufe. Auf dem Display im Fahrgastraum laufen aktuelle Schlagzeilen. Gesucht wird ein Australier, der trotz positiver Diagnose eingereist ist … Die Nachrichten aus der Heimat,  zumindest in der Hinsicht positiv, dass EU-Bürger einreisen dürfen. Und unser Flug? Aufatmen. Der ist auch am Reisetag nicht gestrichen.

Auckland Airport. Im Check-In-Bereich knistert die Luft. Ein Gefühl wie im Teilnehmerfeld vor dem Start einer großen Laufveranstaltung.  „Wo waren Sie in den vergangenen Wochen?“ Lächeln. Nur Neuseeland? Gut! Der Flieger nach Sidney ist nur halb voll. Australien hat inzwischen wie Neuseeland für alle Einreisenden eine zweiwöchige Selbstquarantäne verhängt. Die Auswirkungen für den Flughafen sind unmittelbar. Nur an wenigen Schaltern stehen viele Menschen an.

Sidney ist für die Heimreise nach Europa von der Südhalbkugel der Welt ein Drehkreuz. Keine Wartezeiten im Transitbereich. Der große Flieger auf der 14-stündigen Etappe in die Vereinigten Arabischen Emirate ist dennoch voll. Viele Deutsche sind an Bord. Erleichterung. Wir kommen heim! Aber die Krise kommt näher.

Dramatische Szenen beim Boarding in Abu Dhabi. Ins Flugzeug dürfen nur Menschen mit einem EU-Pass. „Wir haben seit fünf Stunden diese Anweisung, die wir befolgen müssen“, argumentiert ein zunehmend bestimmter Zollmitarbeiter, der von einer jungen Frau und dessen Partner bedrängt wird. Er ist Engländer, sie kommt aus Südamerika, hält dem bestimmten Ordnungshüter verzweifelt ein Schreiben der deutschen Botschaft entgegen. „Bitte, was soll ich denn tun?“ Doch ihr Platz auf dem Flug nach Frankfurt bleibt leer.

Noch schlimmer war es dort einen Tag vorher – so berichtet ein Augenzeuge, der die letzte Etappe ab London geflogen ist. British Airways musste alle Menschen aus Großbritannien wieder zurückfliegen. Sie wurden in Frankfurt als Nicht-EU-Bürger abgewiesen. Dramatische Szenen. Der Brexit und die Folgen …

Doch wir haben deutsche Pässe und kommen ohne Probleme durch die überraschend laxen Kontrollen. Keine Temperaturmessungen, keine Befragungen zum Aufenthalt vor der Reise, keine Anordnung zu häuslicher Quarantäne. Die Stimmung in dem menschenleeren Flughafen ist unwirklich. Auch auf dem IC-Bahnhof ist kaum jemand unterwegs, geschweige denn in den Zügen nach Trier, die durch die bereits frühlingshaften Täler von Rhein und Mosel rollen.

Sorry Steven! Der freundliche Schmuckgeschäft-Inhaber in Auckland hat Pech gehabt. Ihm hatte ich versprochen zurückzukommen und einen außergewöhnlich schönen Jadestein zur Frustbewältigung zu kaufen, falls wir nicht nach Hause kommen sollten. Ich bin mir sicher, er wird nicht böse sein.