Von der Hauptschule in den Hörsaal: Serriger studiert ohne Abi Medizin

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Der große Kindheitstraum von Lukas Fritz war eigentlich schon früh geplatzt - wie eine Seifenblase. „Ich wollte immer Arzt werden“, sagt der 28-Jährige. Doch von einem Abitur mit einem Abschluss von 1,0 war der gebürtige Saarburger als Schüler meilenweit entfernt.

Fritz ging zur Hauptschule, schrieb schlechte Noten, eine Vier in Musik verbaute ihm gar den Weg zur weiterführenden Schule. „Da dachte ich: Du hast keine Chance mehr, deinen Wunschberuf jemals zu ergreifen“, sagt er und lächelt bei den Worten. Denn der Mann mit dem großen, roten Schnurrbart irrte sich gewaltig. Inzwischen studiert Fritz im zehnten Semester Medizin in Mainz - und wähnt sich auf dem besten Weg, den Kindheitstraum doch noch zu erfüllen.

Der aufgewachsene Serriger profitiert davon, dass die Unimedizin in Mainz Plätze für Studenten anbietet, die sich über eine herausragende, berufsnahe Ausbildung ihre Chance verdienen können, Arzt zu werden. So wie Fritz. Als er in die Saarburger Berufsschule ging, wo er Gesundheit und Pflege paukte, machte es bei ihm Klick. „Plötzlich war ich fast überall um Noten besser, weil ich das machen durfte, worauf ich Lust hatte“, sagt der junge Mann. Mit 17 Jahren startete er eine Ausbildung im Trierer Brüderkrankenhaus. „Ich habe gemerkt, wie es mich motiviert, Krankheiten von Menschen zu begreifen und bei der Heilung zu helfen. Mein Medizin-Feuer war vollends entfacht“, erzählt Fritz, der sein Examen mit 1,3 abschloss. Per Zufall fand er im Internet heraus, dass er mit dem Abschluss auch Medizin in Mainz studieren kann. Dort ließ er sich beraten – und hörte nach dem Gespräch mit der Studienberaterin die Worte: „Wir sehen uns dann im Herbst.“

Der Weg vom Beruf an die Uni fiel aber schwer. In Trier verdiente er ein Gehalt, das zum Leben reichte. In Mainz fing er wieder bei null an. Dazu kamen anfängliche Vorurteile gegen die Studenten, die kein Abi in der Tasche hatten. Von Einser-Abiturienten, die von der Schule direkt in den Hörsaal strömten, hörte er den Spruch: „Du hast es dir schon leicht gemacht.“ Leicht fand Fritz seinen Weg nicht. „Die Leute haben nie Patienten angefasst und sie sterben sehen“, erzählt er. In manchem Kurs zahlte der 28-Jährige Lehrgeld. Schrieb er medizinische Fremdworte in Klausuren falsch oder verkürzte sie, gab es sofort Punktabzüge. Manches Fach verlangte ihm ab, 800-Seiten-Lehrbücher in einem Semester zu lernen.

Ein Studentenleben mit Partys war für Fritz ein Tabu. „Morgens gab es Vorlesungen, nachmittags ging es ins Praktikum und spät abends wieder an den Schreibtisch. 16-Stunden-Tage waren keine Seltenheit.“ Die Angst, durchs Studium zu fallen, trieb ihn an. Vorteile hat der gelernte Krankenpfleger, wenn es ums klinische Wissen geht, weil er Röntgenbilder lesen kann oder die Abläufe beim Herzinfarkt aus der Ausbildung kennt.  Künftig darf er die Krankheiten wohl als Arzt behandeln. 217 Tage noch, dann geht Fritz ins Examen. Im Handy hat er einen Countdown geschaltet. Über seinen Weg staunt er heute noch. „Von der Hauptschule in den Hörsaal zu flitzen, ist was Besonderes, ein echtes Geschenk“, sagt er und strahlt. Die alten Kumpels aus Saarburg staunen oft immer noch, wenn sie den Werdegang von Fritz verfolgen. „Sie finden es phänomenal, was ich geschafft habe.“

Die Chance, ohne Abitur studieren zu können, sei aber leider noch zu wenig bekannt, beklagt er. Nachahmern rät der Student zu Mut. „Es braucht Durchhaltevermögen und Disziplin, um das Studium zu bestehen. Aber wenn man etwas mit ganzem Herzen will, schafft man es auch.“ Fritz ging es an – und steht davor, sich seinen Traum zu erfüllen. Und auch mit der Musik, in der er einst eine Vier im Zeugnis bekam, wird es langsam was. Der Serriger lernt gerade Banjo.

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