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Waldsterben in Rheinland-Pfalz - Buchen leiden unter Klimawandel

Natur : Tote Buchen sollst Du suchen und dann: Vorsicht!

Wer in den Wald geht, tut dies auf eigenes Risiko. Und das ist wegen sterbender Laubbäume derzeit deutlich höher als normal. Und wie gefährlich sind all die toten Fichten?

Im Oktober 2020, da wollte Helmut Lieser, Leiter des Saarburger Forstamts, wirklich mal wissen, wie schlimm die Lage ist. „Da haben wir den Boden bis auf 1,80 Meter Tiefe mit einem Minibagger ausgehoben“, sagt er. Und das, was er fand, war erschreckend. Denn bis zur tiefsten Stelle der Grube war alles vollkommen ausgetrocknet. Kein bisschen Feuchtigkeit. „Und in diesem Boden standen die Bäume wochen-,  vielleicht monatelang“, sagt Lieser, den die im Wald allgegenwärtig spürbaren Folgen des Klimawandels sehr beunruhigen.

Während geschwächte Fichten vom Borkenkäfer vernichtet wurden, riss der Wasserfilm mancher älteren Buche ab. „Man konnte zusehen, wie es ihnen schlechter ging.“ Wie sie Blätter abwarfen, ihre Kronen langsam abstarben, wie ganze Bäume zugrunde gingen. Zehn bis 20 Prozent der älteren Buchen, so schätzt Lieser, haben die drei Dürrejahre 2018, 2019 und 2020 nicht überstanden. Und daran ändert auch der viele Regen, der 2021 fällt, nichts mehr. „Es tut in der Seele weh, wenn alte Bäume, die schon über 100 Jahre im Wald stehen und  viel erlebt haben, durch den Klimastress der vergangenen drei Jahre so extrem geschwächt sind“, sagt Richard Wagner, Leiter des Forstreviers Waldeifel.

Das Forstamt Bitburg warnt daher nun vor Unfällen durch plötzlich  abbrechende Äste und Kronenteile. Forstleute stünden nun vor der Entscheidung, den Wald an einzelnen Stellen zu sperren. Den Zugang ganz zu verwehren, sei keine Lösung. „Wir alle brauchen den Wald. Er tut den Menschen einfach gut. Man muss aber aktuell vorsichtiger sein“, sagt Wagner. Forstamtsleiter Jürgen Weis ruft  Waldbesucher auf, dort besonders vorsichtig zu sein, wo sie trockene Bäume erkennen.  Vor allem bei Starkregen, bei Wind oder gar Sturmböen solle man den Bestand nicht betreten.

Aber warum wird nun gerade vor den Buchen gewarnt? Sind die gefährlicher als tote Fichten, die doch auch zuhauf im Wald rumstehen? Knapp zusammengefasst lautet die Antwort: Ja. Aus mehreren Gründen.

Buchen brechen nicht nur ohne jede Vorwarnung wie Glas. Sie haben auch eine große Krone mit breit verzweigten Ästen, die bis zu zwölf Meter vom Stamm entfernt noch ein Risiko darstellen können. Buchenäste sind um einiges dicker und schwerer als Fichtenäste. „Außerdem kann man kaum erkennen, wenn über einer noch dicht belaubten Krone bereits abgestorbene Äste hängen“, teilt das Bitburger Forstamt mit.

Tote Fichten hingegen haben ein langfaseriges Holz, das nicht so schnell bricht. Auch fallen die Äste in der Nähe des Stamms zu Boden. Nicht selten stehen die Nadelbäume noch Jahrzehnte, nachdem sie starben, aufrecht in der Landschaft. Kurz: „Die Gefahren bei der Fichte sind geringer“, sagt Lieser.

An besonders warmen Moselhängen sieht man zwar auch tote Eichen. Doch alles in allem haben die Eichen den Extremen besser getrotzt als Buchen und Fichten. Auch nicht alle Douglasien haben es überstanden, dass mit der Hitze allerlei Schädlinge über sie herfielen. Dennoch ist Lieser optimistisch. Sahen viele Bäume 2020 noch „schütter“ aus, so haben sie 2021 wieder neue Nadeln bekommen.

Der vergleichsweise kühle und nasse Sommer sei „gigantisches Wetter für den Wald“, sagt Lieser. Dennoch bleibt dessen Zustand kritisch. Die Waldzustandserhebung des Bundesforstministeriums 2020 zeigt: Noch nie waren so viele Erhebungs-Bäume abgestorben wie 2020. Vier von fünf Exemplaren haben lichte Kronen: 79 Prozent der Fichten, 80 Prozent der Kiefern und Eichen und sogar 89 Prozent der Buchen – mehr als ein Viertel der Blätter oder Nadeln fiel verfrüht ab. Auch der rheinland-pfälzische Zustandsbericht 2020 kommt zu dem Schluss, dass die Wälder so schwer geschädigt sind wie noch nie seit Beginn der Erhebungen vor 36 Jahren. Der Anteil kranker Bäume in Rheinland-Pfalz stieg von 82 auf 84 Prozent.

Ein kleiner Trost bei alledem könnte sein: Auch trockene Bäume sind ökologisch wertvoll. Sie dienen der biologischen Vielfalt und dem Schutz gefährdeter Arten. So hat man im Nationalpark Hunsrück-Hochwald herausgefunden, dass Totholz 1400 Käferarten einen Lebensraum bietet. 16 Fledermausarten sind auf Höhlen in abgestorbenen Bäumen angewiesen. Und 1500 Pilzarten zersetzen die Holzsubstanz. Tote Buchen. Das bedeutet also auch: Raum für neues Leben.