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Justiz: „Warum fällt das eigentlich niemandem auf?“

Justiz : „Warum fällt das eigentlich niemandem auf?“

Bitburger Beamter räumt Untreuevorwürfe ein. Aber wie konnte er nur unbemerkt über einen langen Zeitraum so viel Geld hinterziehen?

Trier Als der Angeklagte am Donnerstagmorgen im großen Sitzungssaal des Trierer Landgerichts zum ersten Mal das Wort ergreift, ist er kaum zu verstehen. Immer wieder stockt dem 59-Jährigen die Stimme, übers Gesicht laufen Tränen. „Entschuldigung“, sagt der mit Handschellen gefesselte Mann Richtung Richterbank, „ich bin emotional sehr aufgeladen.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen“, entgegnet die Vorsitzende Richterin Petra Schmitz, hörbar darum bemüht, die für den Angeklagten angesichts des Medienauftriebs zusätzlich angespannte Situation wenigstens etwas zu entkrampfen. Zumindest vorübergehend hat Schmitz damit Erfolg, auch wenn der Angeklagte im Laufe des dreistündigen ersten Verhandlungstags immer wieder plötzlich in Tränen ausbricht und sein Gesicht für kurze Zeit hinter einem großen blauen Taschentuch verschwindet.

Seine Ehefrau, die noch mehr weint als ihr Mann, sitzt am gleichen Tisch, hat aber zwei Stühle zwischen sich und dem Angeklagten frei gelassen. Um zu demonstrieren, dass sie mit der mutmaßlichen Untreue ihres Mannes nichts zu tun hat? Oder ist sie nach der Tat, von der niemand in der Familie gewusst habe, wie der Angeklagte an diesem Tag mehrfach beteuert, zu ihm auf Distanz gegangen, wie man vielleicht vermuten könnte? Nein, sagt sein Verteidiger Wolfgang Simon, davon können nun wirklich keine Rede sein.

Stimmen die Aussagen des Angeklagten, und davon gehen offenbar auch die Ermittler aus, dann hat der seit 1988 bei der Kreisverwaltung Bitburg-Prüm tätige Beamte im Alleingang und ohne Mitwisser gehandelt, als er jahrelang die Kassen des Jugendamts um insgesamt 1 541 576,10 Euro erleichtert hat. Durchschnittlich 10 000 monatlich soll sich der Kreisinspektor so neben seinem normalen A­9-Gehalt von 3200 Euro  genehmigt haben.

Wie so etwas über einen Zeitraum von knapp anderthalb Jahrzehnten möglich war, ohne dass es jemandem auffiel, ist eine der spannenden Fragen in dem am Donnerstag vor dem Trierer Landgericht begonnenen Prozess. Da liegt es auf der Hand, dass die Kontrollen in der entsprechenden Abteilung der Bitburg-Prümer Kreisverwaltung bis Juli vergangenen Jahres zumindest verbesserungswürdig gewesen sein dürften, auch wenn Landrat Joachim Streit nach Publikwerden des Falls rasch versuchte, andere Mitarbeiter aus dem Schussfeld zu bekommen. Für die Vorgesetzten sei es „unmöglich“ gewesen, bei der „hohen kriminellen Energie“ die von dem Angeklagten für die Untreue erdachten Phantom-Personen zu erkennen, sagte Streit seinerzeit.

„Ich dachte immer, das muss doch irgendwann irgendjemandem auffallen“, sagt der Angeklagte am ersten Prozesstag. Glaubt man dem Kreisinspektor, gab es in der Abteilung keine Kontrollen, die den Namen auch verdienten, sondern nur „Plausibilitätsprüfungen“. Er habe die ganze Zeit über nie mitbekommen, dass der Amtsleiter oder jemand anderes vorbeigekommen wäre und sich eine Akte gezogen hätte. „Es gab auch keine Stichprobe“, sagt der 59-Jährige.

Dann wäre womöglich aufgefallen, dass auf ein und dasselbe Konto Geld für mehrere fiktive Empfänger überwiesen wurde. „Ich habe mich wirklich gewundert, dass das niemandem aufgefallen ist“, meint der Angeklagte. Sich selbst schildert er am ersten Verhandlungstag als treusorgender Familienvater, der alles unternommen hat, damit es seiner Frau, den beiden leiblichen und den beiden Stiefkindern an nichts gefehlt hat.

Als einschneidendes Erlebnis schildert der dabei in Tränen ausbrechende Mann einen 20 Jahre zurückliegenden Verkehrsunfall, bei dem einer seiner Söhne eine schwere Kopfverletzung erlitten habe. Der Junge musste später wegen auftretender Komplikationen operiert werden, überlebte schließlich gerade so eine lebensgefährliche Operation im Ausland. An den Folgeschäden leide der Sohn noch heute.

Richtig schwarzsieht der mit seiner Familie in einem kleinen luxemburgischen Ort unweit von Echternach lebende Mann aber erst, nachdem seine Frau wegen eines Rückenleidens nicht mehr als Altenpflegerin arbeiten kann und sie mit einem eigenen Sonnenstudio Schiffbruch erleidet: „Da dachte ich, alles geht den Bach runter und du musst das auf Teufel komm raus zusammenhalten.“ Da zweigte er nach eigenen Angaben zum ersten Mal Geld ab, das ihm nicht gehörte. Knapp 500 Auszahlungsanordnungen, die angeblich Leistungen der Jugendhilfe etwa für Beihilfen zu Führerscheinen, Ferienfreizeiten oder für Weihnachten beinhalteten, soll der Kreisinspektor sich insgesamt genehmigt haben. „Das Geld“, sagt er, „ist durchgesickert wie ein Sieb.“ Rückblickend verstehe er selbst nicht, wie er so viel Geld habe verbrauchen können.

Die geschädigte Kreisverwaltung hofft, wenigstens ein Teil zurückzubekommen. Das Auto des Ehepaars ist schon verkauft, das Haus fast und das Konto blockiert. Unterm Strich könnten einige Hunderttausend Euro veruntreute Steuergelder zurückfließen. „Was ich habe, soll man ruhig nehmen“, sagt der Angeklagte. „Ich brauche nichts mehr.“