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Soziales
„Ins Heim zu ziehen, geht immer mit einer Krise einher”

 Die Leiterin des Pflegeheimes St. Irminen in Trier, Birgit Alt-Resch, mit einer Bewohnerin.  Foto: Katja Bernardy
Die Leiterin des Pflegeheimes St. Irminen in Trier, Birgit Alt-Resch, mit einer Bewohnerin. Foto: Katja Bernardy FOTO: Katja Bernardy / KatjaBernardy
Trier. Wie ist das Leben nach dem Einzug. Ein Besuch im Pflegeheim Stift St. Irminen in Trier.

Die Aufräumkönigin aus Japan, Marie Kondo, schwört Menschen auf allen Erdteilen darauf ein, nur noch zu besitzen, was man braucht und Freude macht. Entrümpeln ist nach der Bestsellerautorin Luxus. Wer ins Pflegeheim Stift St. Irminen zieht, ist gezwungen, sich von Vertrautem und Liebgewonnenem, an dem fast ein ganzes Leben mit Erinnerungen klebt, zu trennen.

Auf der Treppe war Luise Mertesdorf gefallen, so schwer, dass sie nach der Zeit im Krankenhaus nicht mehr alleine in ihrem Haus in Trier leben konnte. Die heute 97-Jährige war plötzlich auf Hilfe bei alltäglichen Dingen und Pflege angewiesen. Sie musste sich vom Haus, in dem sie mit ihrem Mann gelebt, einen Sohn großgezogen, mit Enkelkindern gespielt und Rentenjahre verbracht hatte, verabschieden und ihr privates Reich auf ein Zimmer in Irminen – wie das Pflegeheim landläufig genannt wird – reduzieren.

„Ich habe mitgenommen, was mir besonders am Herzen liegt”, sagt Mertesdorf. Ein Teil alte Heimat wurde vor drei Jahren in den Transporter gepackt und ans ­Krahnenufer gebracht. Darunter auch ein Bild, das die Apotheke zeigt, in der die Pharmazeutin Jahrzehnte gearbeitet hat. Es hängt nun über der Kommode, die an früher erinnert, so wie Dreisitzer, Couchtisch und Fernseher aus ihrem Leben vor Irminen stammen. Luise Mertesdorf sitzt am liebsten auf der Kante des Pflegebettes, blättert im vollen Terminkalender oder liest zurzeit „House of God“.Von diesem Platz aus sieht die waschechte Triererin auch auf Familienfotos im Bücherregal und auf das ein Meter hohe Kreuz mit der Jesusfigur ohne Dornen und Nägel. „Der Künstler, den ich persönlich kenne, hatte es nicht übers Herz gebracht“, erzählt sie. Besonders stolz ist die Endneunzigerin auch auf die chinesische Gitarre, ein Geschenk ihres Onkels, der viel rumkam.

„Ins Heim zu ziehen, geht immer mit einer Krise einher”, sagt Birgit Alt-Resch. Seit 2006 leitet sie St. Irminen, Innenstadtlage und in Trägerschaft der Vereinigten Hospitien. Alle 167 Bewohner sind pflegebedürftig, pflegebedürftiger als noch vor zehn Jahren. Denn die Bereitschaft ins Heim zu gehen, sei gesunken, sagt Alt-Resch. Senioren wollten immer länger zu Hause bleiben. Dreiviertel der Bewohner sind Frauen. Die Irminen-Chefin glaubt, das rühre daher, dass Frauen eher bereit seien, einen Partner zu pflegen. Durchschnittlich verbringen Männer und Frauen zwei Jahre ihrer meist letzten Lebensphase in dem Heim. Die älteste Bewohnerin ist derzeit 99, die jüngste 64. Alt-Resch führt viele Gespräche, bevor jemand einzieht. Sie weiß, wie wichtig es ist, dass die Menschen, die dort ankommen, sich zu Hause fühlen. So steht es auch auf der Internetseite der Einrichtung. Zu Springmäusen hat sie schon Ja gesagt, und zu unzähligen Vögeln. Voraussetzung ist, dass die Bewohner sich noch um die Tiere kümmern können. Alt-Resch ist es wichtig, dass sich alle wohlfühlen, nicht nur weil Irminen damit wirbt. Beim Gang durchs fünfstöckige Haus sagt sie oft „Hallo”, sie kennt die Geschichten der Menschen vom ehemaligen Professor bis zur einstigen Hausfrau.

Luise Mertesdorf sagt: „Ich fühlte mich von der ersten Minute an sehr wohl.” Gemeinsam mit anderen isst, plaudert, singt und bastelt sie. Sicheres Gehen mit dem Rollator übt sie während der „Sturzprophylaxe”. An diesem Morgen sitzt, wer noch kann, auf einem Stuhl, die meisten Mitmachenden bleiben im Rollstuhl. Beate Scheuer leitet eine fiktive Bootsfahrt über die Mosel an, vorbei an Pallien, Schweich, Mehring und Pölich - und zurück. Dabei werden die Arme bewegt, soweit es geht. Mit dabei ist auch Betreuungsassistentin Denise Götten. Sie unterstützt Bewohner im Alltag. Eine der Mitmachenden ist nach ein paar Übungen erschöpft, Götten begleitet sie zurück auf ihr Zimmer. Sie hilft, die Lücke zu schließen, die der Mangel an Pflegekräften auch in Irminen gerissen hat. „Es ist schwer, die Stellen zu besetzen“, sagt die Heimleiterin. Eine 24-Stunden-Betreuung durch Pflegekräfte werde zwar noch gewährleistet, aber ohne Betreuungsassistenten gehe es nicht, sagt sie, während es an dieTür klopft. Der Mann der ältesten Bewohnerin sorgt sich, ob die Gäste zum Geburtstag seiner Frau genügend Parkplätze finden. Alt-Resch kümmert sich und nimmt dem Senior die Sorge, auch eine ihrer Aufgaben.

Zu den Jüngsten im Heim gehört Antonia Valerius, 72, aus Föhren. „Ich habe alle Krankheiten, die es gibt“, sagt sie. Zwei Sauerstoffgeräte in ihrem Zimmer erzählen von der Lungenerkrankung COPD, im Endstadium droht Atemversagen. Doch Valerius ist keine, die aufgibt. „Seitdem ich mit der Melodica übe, brauche ich die Sauerstoffgeräte nicht mehr.” Sie strahlt.

Auch wenn sie von ihren vielen Besuchern erzählt. „Volles Leben, viel Besuch.” Sie hat fünf Kinder, zehn Enkel und drei Urenkel. Und sie hat kürzlich am Poetry Slam im benachbarten Jacobusstift teilgenommen. Eine Studentin habe sie dazu animiert, erzählt sie. Sie schreibt gerne auf, was sie bewegt und sieht. Auch über den Kastanienbaum vor ihrem Fenster. Jedes Ästchen ist ihr vertraut.

„Hier bin ich daheim”, sagt Valerius. Seit eineinhalb Jahren. Zu Hause in Föhren glaubt sie, wäre sie wohl vereinsamt. Ihr Leitspruch beschreibt den Optimismus, den sie trotz schwerster Erkrankung und stark eingeschränktem Alltagstempo, so wie auch Luise Mertesdorf, ausstrahlt: „Fang´an zu leben.” Jeder Tag ist kostbar.