| 10:50 Uhr

Leverkusen
Bayer beherrscht die Äcker der Welt

Leverkusen. Mit der Übernahme von Monsanto steigt Bayer zum größten Agrochemie-Konzern der Welt auf. Das ändert nicht nur die Kräfteverhältnisse in Leverkusen, sondern auch bei der Welternährung. Antje Höning

Die Party fällt aus. Eigentlich wollten Bayer-Chef Werner Baumann und Monsanto-Chef Hugh Grant in Kürze ihren Mega-deal unter Blitzlichtgewitter in New York "closen", wie die finale Unterzeichnung der Verträge heißt. Doch nun überlassen sie die 59 Milliarden Euro teure Unterschrift ihren Juristen. Denn die US-Kartellwächter verlangen, dass die Leverkusener Monsanto erst integrieren dürfen, wenn sie Geschäfte mit Milliarden-Umsatz auch wirklich an BASF abgegeben haben. Und das kann noch Wochen dauern. Die Auflage zeigt erneut das Misstrauen, dass die Behörden in den Deal haben. Nur unter scharfen Auflagen stimmten die EU und nun auch die USA zu, Mexico und Kanada dürften bald folgen. Damit kann Bayer zum größten Agrochemie-Konzern der Welt aufsteigen. Und das hat Folgen - für die Welternährung und für Bayer.

Marktmacht Vor wenigen Jahren gab es sieben große Agrochemie-Konzerne, künftig sind es nur noch vier. In den USA haben sich Dupont und Dow verbündet, Chemchina hat die Schweizer Syngenta übernommen. Nun schluckt Bayer als frühere Nummer vier die Nummer eins Monsanto. Die drei fusionierten Riesen kommen nun zusammen auf einen Marktanteil von 60 Prozent beim kommerziellen Saatgut-geschäft und 70 Prozent bei Pestiziden. Pirmin Spiegel, Chef des katholischen Hilfswerks Misereor, hatte schon nach Freigabe durch die EU gewarnt: "Die Fusion ist ein Schritt in Richtung der Kontrollübernahme weniger Konzerne über die weltweiten Saatgut- und Pestizidmärkte." Steigende Preise für Saatgut, Dünger und Pestizide und eine immer geringere Saatgut-Vielfalt seien wahrscheinlich. Es bestehe die Gefahr, dass vor allem Saatgut für solche Pflanzen gezüchtet werden, die Nahrungsmittelkonzerne und Supermärkte brauchen wie Soja, und dass diese in Monokulturen angebaut werden, fürchtet die Allianz aus Bauern- und Sozialverbänden "Bleibt uns vom Acker". Arme Kleinbauern auf der Südhalbkugel bräuchten aber günstige, regional angepasst Saaten. Kritiker fürchten, dass viele Saaten einfach verschwinden oder Bauern gezwungen werden, bestimmte Saaten zu kaufen, um auch Pflanzeschutz zu bekommen. Bayer sieht das naturgemäß anders: Die Fusion leiste einen Beitrag zur Sicherung der wachsenden Weltbevölkerung. So könne man Bauern auf der ganzen Welt helfen, erschwingliche Lebensmittel herzustellen, sagt Baumann.

Digitalisierung Noch mehr droht Marktmacht beim Geschäft der Zukunft zum Problem zu werden: Beim Digital Farming ist Bayer zwar noch klein, hat aber Monsanto auch gerade deswegen gekauft, weil der US-Konzern nach dem Kauf vieler Start-ups bereits sehr stark ist. Und die Agrarwelt von morgen sieht so aus: Eine App liefert dem Bauern oder direkt seinen Maschinen regelmäßig Daten zu Wetterprognosen und Bodenverhältnissen und berechnet für jeden Quadratmeter genau, wann er was säen, düngen und mit Pestiziden behandeln soll. Die Sorge der Kritiker ist, dass Bayer und die anderen beiden Multis künftig alle Geschäftsdaten der Landwirte kontrollieren und sie in ihrem gesamten Wertschöpfungsprozess abhängig machen.

Monsanto-Methoden Der Konzern steht seit Jahrzehnten in der Kritik - wegen seiner Produkte (gentechnisch veränderte Pflanzen, Glyphosat) und seiner brutalen Methoden. Er soll ärmste Kleinbauern verklagt haben, wenn sie ohne Genehmigung Saat einsetzten, soll Farmer in Indien in Ruin und Selbstmord getrieben haben, lauten Vorwürfe. Monsanto steht ganz oben auf der so genannten Sigwatch-Liste, die die am stärksten von Nichtregierungsorganisationen kritisierten Unternehmen aufführt. Nur Ölmulti Shell ist noch unbeliebter. Bayer betont immer wieder, man werde Kleinbauern nicht verklagen, man werde seine Werte und Standards den Amerikaner nahebringen, nicht umgekehrt. Doch was, wenn das nicht gelingt und ein noch größerer Konzern im Monsanto-Stil auftritt?

Das umtreibt auch Investoren. "Die Historie von Monsanto weckt massive Zweifel, dass die Amerikaner zu einer Kehrtwende fähig sind", warnt Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. Bayer sei mit einem enormen Reputationsrisiko konfrontiert. "Der zweifelhafte Ruf von Monsanto schreckt sowohl Verbraucher als auch Investoren ab. Bayer läuft Gefahr, wegen Monsanto viele nachhaltig orientierte Investoren zu verlieren." Das weiß auch Bayer. Auch wenn der Konzern dazu nichts sagen will: Baumann wird den Namen Monsanto rasch tilgen. Womöglich schon beim Closing, wie CropScience-Chef Liam Condon mal angekündigt hatte. Dann werden alle Monsanto-Produkte unter Bayer laufen, so hatte es der Konzern selbst bei der Übernahme des gut beleumundeten Pharmakonzerns Schering gemacht.

Bayers neues Gesicht Durch die Fusion verändern sich die Verhältnisse gravierend. Bislang war Bayer vor allem ein Pharma-Konzern: Rezeptpflichtige und verschreibungsfreie Arzneien standen zusammen für zwei Drittel des Umsatzes, die Division Crop Science (wie die Agrochemie bei Bayer heißt) nur für 27 Prozent. Bei "Bayer neu" sind die Geschäfte mit Agrochemie und Arzneien künftig fast gleich stark. Damit wird die Agrarmannschaft künftig auch deutlich selbstbewusster beim Kampf um Investitionsmittel, Management-Kapazitäten und Mitarbeiter auftreten. Schon jetzt berichten Pharma-Mitarbeiter, dass jeder Euro in ihrem Bereich umgedreht wird. Bayer selbst versichert, man werde weiter alle notwendigen Investitionen auch in Pharma tätigen. "Bayer wird Bayer bleiben", hatte Baumann auf der Hauptversammlung vor einer Woche versprochen. Glauben mochten das viele Investoren nicht.