Das Wittlicher Unternehmen Arend hat ein Gerät gegen Cyberkriminalität entwickelt.

Digitalisierung : Kleiner Kasten mit großer Wirkung

Viele Unternehmen sind durch Internetkriminalität gefährdet. Sie scheuen deshalb auch davor zurück, ihre Produktion digital zu steuern. Unnötig, sagt das Wittlicher Unternehmen Arend, das sich dazu Gedanken gemacht hat.

Die Zahlen sind verheerend: Die Deutsche Telekom stellt pro Tag etwa 31 Millionen Internetattacken fest, weltweit werden pro Minute etwa zwölf sogenannte DDos-Attacken ausgeübt, Dienstblockaden, mit denen Hacker von ungeschützten Unternehmen Lösegeld erpressen. Der geschätzte jährliche Schaden durch Cyberkriminalität für die Wirtschaft wird mit rund 50 Milliarden Euro allein für Deutschland geschätzt. „Jedes Endgerät, ob Handy, Waschmaschine oder Fernseher, ist eine potenzielle Angriffsfläche“, sagt Bernd Mitternacht von Itenos, einer IT-Dienstleister-Tochter der Deutschen Telekom. Die Bedrohungsszenarien stiegen vor allem für kleine und mittlere Unternehmen, stellte er beim Business Break im Trierer Frankenturm fest. „Rund 85 Prozent von ihnen sind bislang schon mal von Cyberkriminalität betroffen gewesen – ohne, dass viele es überhaupt wissen“, sagt er.

„Die Abwehr von Cyberkriminalität ist ein riesiges Thema, und wir könnten noch mal so viele Mitarbeiter einstellen, um Probleme von Unternehmen zu lösen“, sagt Marco Becker, Geschäftsführer des Trierer Unternehmens Save IT first mit Kunden wie dem Axel Springer Verlag oder der Bitburger Braugruppe und 25 Mitarbeitern. „Allerdings ist umgekehrt bei vielen Betrieben auch das Verständnis, Computer, Systeme und Produktion vor Angriffen von außen zu schützen, nicht groß“, sagt er. Dabei verzahnten sich Systeme immer mehr, alles in einem Betrieb werde inzwischen aufeinander abgestimmt.

Wirtschaft und Digitalisierung: In vielen Fällen scheinen hier zwei Welten aufeinanderzutreffen. Denn Hackerangriffe gibt es nicht nur auf den Deutschen Bundestag oder Atomtechnik im Iran, sondern auch auf Schulen, Krankenhäuser, Verwaltung, Wasserwerke, Solaranlagen, und Handwerk – „weil Sicherheitslücken nicht beseitigt werden“, sagt Professor Hartmut Pohl, Leiter des Deutschen Internet Rates und Präsidiumssprecher der Gesellschaft für Informatik. Und so hat er zahlreiche Systemtests gemacht und dabei auch Bundeswehr-Radar-Systeme geknackt. „Eine Überwachungskamera hat ein Informatikstudent im ersten Semester in kürzester Zeit gehackt“, weiß er. Doch die Welt müsse nicht unsicher sein, beruhigt er.

Ob Angriffe über die Webseite, Schadstoffsoftware in USB-Sticks und das Intranet, „oft fehlen gerade in kleinen Betrieben oder IT-fernen Branchen die Ressourcen“, weiß Cornelia Schildt vom Verband der Internetwirtschaft. „Häufig sind die Reaktionszeiten zu lang, Updates werden selbst nach Fehlermeldungen nach einer Woche noch nicht behoben.“

Die Wittlicher Firma Arend Prozessautomation hat sich dazu ihre eigenen Gedanken gemacht und mit sechs Forschungsprojekten von Hochschulen etwa in Aachen und Karlsruhe in 30 000 Entwicklungsstunden über drei Jahre hinweg den Arendar entwickelt. „Gerade bei den 420 000 produzierenden Unternehmen in Deutschland stellt sich die Frage, wie man bestehende Produktionsanlagen mit digitaler Steuerung so kombiniert, dass keine Daten verloren gehen, niemand Schaden verursachen kann und das Unternehmen trotzdem digital fortschrittlich arbeiten kann“, sagt Professor Axel Haas, Chef der Arend Prozessautomation in Wittlich (45 Mitarbeiter, Umsatz 6,5 Millionen Euro), bei dem von ihm organisierten Treffen.

Ob es darum geht, alte Produktionsanlagen zu erneuern, Anlagen miteinander zu koppeln, zu automatisieren oder Robotertechnik einzubauen, bei Kunden vom Reifenhersteller Dunlop bis Autobauer wie Volkswagen kennt sich das Unternehmen mit Schnittstellenproblemen aus. „Genau davor fürchten sich viele Unternehmen“, sagt Haas. Sie hätten Angst, die Datenhoheit zu verlieren und die Kontrolle aus den Händen zu geben.

Hier setzt das zum Patent angemeldete kleine Kästchen Arendar an. Es sammelt einerseits Daten der Produktionsanlage und andererseits des Computersystems des Unternehmens. Über den an den Altgeräten befestigten Arendar treten beide Firmensysteme in Kommunikation. Dabei soll die Software vor Manipulation von außen geschützt sein, weil es keine direkte Verbindung zwischen Produktionsnetz und Firmennetz oder Firmencloud gibt. „Damit entwickeln sich viele Unternehmen – überspitzt gesagt – aus dem Zeitalter der Dampfmaschine zu Industrie 4.0 weiter“, sagt Haas.

Rudolf Preuß zeigt an einem Show-Koffer, wie das neue Arendar-Gerät Computersteuerung und herkömmliche Maschine miteinander verbindet und Zugriffe von außen abwehren kann. Foto: Sabine Schwadorf

Er geht davon aus, noch in diesem Jahr bis zu 300 Geräte auf den Markt zu bringen, im kommenden Jahr sollen es dann bereits 3500 sein mit einer Umsatzerwartung von rund 23 Millionen Euro in drei Jahren. „Der Markt ist groß, und diese Art der Datenaufbereitung gibt es bislang nicht.“

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