| 23:45 Uhr

Flugverspätungen
„Bis Ende Juli 3000 Flüge gestrichen oder umgeleitet“

Thomas Schnalke, Chef des Flughafen Düsseldorf.
Thomas Schnalke, Chef des Flughafen Düsseldorf. FOTO: Anne Orthen (ort) / Orthen, Anne (ort)
Das Samstags-Interview mit Thomas Schnalke, Chef des Flughafen Düsseldorf Von Reinhard Kowalewsky und Uwe-Jens Ruhnau

Direkt mit Blick auf das Rollfeld begrüßt uns Thomas Schnalke in seinem Besprechungszimmer. Er wohne so nah am Airport, dass er manchmal auch per Fahrrad kommen könne, erzählt er.

Herr Schnalke, wie bewerten Sie den Sommer 2018? Super, weil anders als 2017 das Chaos an den Sicherheitskontrollen ausblieb oder schlimm, weil es so viele Verspätungen sowie Landungen nach 23 Uhr wie nie gab?

Schnalke Der Sommer ist sehr gut verlaufen. Der Verkehr und das Angebot lagen auf Vorjahresniveau. Die logistischen Prozesse haben gut funktioniert. Wir hatten keine Engpässe bei den Sicherheitskontrollen. Hier haben auch wir viel geholfen. Mein Dank gilt jedoch vor allem den Mitarbeitern aller Unternehmen für ihren Einsatz. Gleichzeitig bedauern wir die hohe Zahl an Verspätungen außerordentlich, aber sie haben nichts mit Versäumnissen in Düsseldorf zu tun.

Was bedeutet das?

Schnalke Die Branche musste die ganze Kapazität von Air Berlin ersetzen. Das war hochkomplex und zeigt sich in den Verspätungen. Europas Luftraum wird zudem ineffizient gemanagt, es gibt zu wenige Fluglotsen und Flugkorridore. Ich begrüße daher sehr, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer für den 5. Oktober einen Branchengipfel einberufen hat. Ansonsten sind wir stolz, dass unser Angebot wieder auf dem Niveau von vor der Air-Berlin-Pleite liegt. Das war eine Menge Arbeit.

Woran machen Sie das fest?

Schnalke 2017 haben mit 24,5 Millionen Passagieren so viele Menschen wie nie unseren Flughafen genutzt. In diesem Jahr werden wir mit voraussichtlich 24,3 oder 24,4 Millionen Passagieren nur leicht darunter liegen. Das ist ein großer Erfolg, wenn wir berücksichtigen, dass Air Berlin fast jeden dritten Flug in Düsseldorf abgewickelt hat.

Umso ärgerlicher ist doch, dass das NRW-Verkehrsministerium Ihren Antrag auf deutlich höhere Kapazitäten nun erst 2022 entscheiden will.

Schnalke Natürlich würden wir uns freuen, wenn die Entscheidung früher getroffen werden könnte. Letztlich trägt aber das Verkehrsministerium die Verantwortung für eine saubere Abarbeitung nach Recht und Gesetz und nimmt diese auch wahr.

Sie müssen dreieinhalb Jahre nach Antragstellung noch weitere Papiere einreichen, Schlamperei?

Schnalke Nein, das ist ein ganz normaler Vorgang. Im Laufe eines so komplexen Verfahrens gibt es viele Punkte, die noch einmal detaillierter dargestellt werden müssen. Vieles resultiert hierbei aus dem im vergangenen Jahr durchgeführten öffentlichen Anhörungsverfahren.

Aus der Politik wird gelästert, Sie hätten nicht einmal das Einführen einer Bezahlschranke bei den Parkplätzen direkt vor dem Terminal ohne Probleme hinbekommen.

Schnalke Die neue Schrankenanlage funktioniert sehr gut, der Verkehr ist deutlich entspannter als früher. Die Prozesse haben sich eingespielt. Das können wir nach zwei Wochen eindeutig so sagen. Es war richtig, diese Halteplätze ab einer gewissen Standzeit gebührenpflichtig zu machen. Die Verkehrssituation vor dem Terminal war auf Grund des steigenden Verkehrs untragbar geworden. 95 Prozent der Autofahrer kamen mit den anfangs eingeräumten acht Freiminuten aus. Nun haben wir die Freiminuten auf zehn erhöht. Das reicht aus, alle Passagiere entspannt absetzen zu können.

Und Sie füllen sich die Kasse mit dem Parkgeld?

Schnalke Nein. Die Schrankenanlage dient ausschließlich der Verkehrssteuerung und kostet auch viel Geld. Wir gehen davon aus, dass quasi alle Autofahrer, die nur kurz ihre Liebsten am Flughafen abholen oder verabschieden möchten, gar nichts zahlen müssen. Wer länger bleibt, dem empfehlen wir die Parkhäuser. Dies ist aber ein geringer Anteil der Fahrzeuge.

Lufthansa-Chef Spohr begrüßte öffentlich, dass der Flughafen Düsseldorf wegen der späten Entscheidung zu den Kapazitäten erst einmal nicht wachsen kann, weil er überlastet sei.

Schnalke Dass der Flughafen Düsseldorf noch viel Potenzial hat, zeigt sich immer wieder an der hohen Slotnachfrage. Es ist daher sehr schade, dass Herr Spohr das so beurteilt. Wir haben hier mit der Eurowings die Station erfolgreich aufgebaut. Er tut uns und vor allem den Mitarbeitern seiner Konzerntochter unrecht. Es war erstens ein riesiger Kraftakt seiner Mannschaft, hier mit mittlerweile 38 Jets ein breites Angebot aufgebaut zu haben.

Und zweitens?

Schnalke …darf das Wachstum des Luftverkehrs in NRW nicht nur von der Lufthansa bestimmt werden. Schließlich hat der Lufthansa-Ableger Eurowings auch so seine Schwierigkeiten. Bis Ende Juli sind in Düsseldorf 3000 Flüge gestrichen oder umgeleitet worden. Mit rund 60 Prozent entfallen hiervon überdurchschnittlich viele auf die Lufthansa-Gruppe. Das ist auch nachvollziehbar, wenn man um die Komplexität und Schwierigkeiten weiß, die mit der Übernahme der Air-Berlin-Anteile im laufenden Betrieb einhergehen. Ich sehe die Hauptprobleme unserer Branche daher aber ganz klar in der Luft und nicht bei den Flughäfen.

Ist Spohr nur gegen mehr Kapazitäten in Düsseldorf, um sich Wettbewerber vom Hals zu halten?

Schnalke Der Flughafen Düsseldorf ist für viele Fluggesellschaften ausgesprochen attraktiv. Da können und da dürfen wir uns nicht zu sehr von Eurowings und Lufthansa abhängig machen. Sie sind mit 45 Prozent Marktanteil zweifelsohne unser wichtigster Partner. Darüber hinaus ist Vielfalt gut für die Reisenden und gut für NRW.

Das bedeutet?

Schnalke Wir wollen Wettbewerb. Es ist gut für die Region, dass Eurowings 2019 zehn Langstreckenjets hier stationiert haben wird und damit eine ähnliche Kapazität wie früher Air Berlin anbietet. Noch nicht ersetzt wurden die Air-Berlin-Strecken nach Los Angeles, San Francisco oder Boston. Da sind also andere Airlines willkommen. Bedenken Sie: Rund die Hälfte unseres Langstreckenangebots kommt von anderen Airlines, wie etwa Emirates, Etihad, Singapore Airlines, ANA, Air China oder auch Delta.

Wenn alles so gut läuft, warum warten Passagiere oft länger als eine Stunde auf ihr Gepäck?

Schnalke Der Großteil des Geschäfts läuft reibungslos. Dennoch stehen Servicethemen ganz oben auf der Tagesordnung. Ohne die Airlines geht es aber vielfach nicht. Sie beauftragen die frei am Markt operierenden Firmen für das Gepäckhandling, die dafür viele Mitarbeiter benötigen. Wir beobachten aber immer wieder, dass die Airlines zu niedrige Kapazitäten buchen. Häufig stehen dann nicht genügend Leute bereit, um auch bei Verspätungen das Gepäck schnell auszuladen. Wir helfen nun mit bis zu zwölf eigenen Mitarbeitern, obwohl das Verladen des Gepäcks alleine Aufgabe der Airlines und ihrer Dienstleister ist.

Wir hören immer neue Klagen.

Schnalke Auch wir sind sehr unzufrieden mit der Situation. Darum weisen wir in Gesprächen mit den Airlines immer wieder auf die Situation hin und halten den Druck hoch. Sie müssen mehr Geld in ein zügiges Ausladen des Gepäcks investieren. Erzwingen können wir das allerdings nicht.

Sollte Fliegen wieder teurer werden, damit mehr Geld beispielsweise für solche Dienstleister ausgegeben werden kann?

Schnalke Wir müssen die Qualität auf ein Niveau bringen, das von den Passagieren nachgefragt wird. Der Preis ergibt sich dann automatisch im Markt.

Stimmt es, dass Sie einen der drei Terminals deutlich ausbauen wollen?

Schnalke Hier gibt es aktuell keine Entscheidung und auch keine Notwendigkeit. Eine Option könnte irgendwann einmal sein, den Flugsteig C zu verlängern, um dort weitere Servicebereiche, Shops und Ruheecken zu schaffen.

Sie brauchen den Platz, um die weiteren Passagiere nach der Kapazitätserhöhung durchzuschleusen?

Schnalke Nein. Das heutige Terminal reicht völlig aus, um wie beantragt 60 statt 47 Flüge die Stunde zu Spitzenzeiten abzuwickeln. Wir haben keine Engpässe bei der Infrastruktur und wir würden sie auch bei höheren Kapazitäten nicht haben.

Halten Sie daran fest, dass Sie die Sicherheitskontrollen selber steuern wollen, obwohl die Abläufe diesen Sommer erträglich waren?

Schnalke Ja, die deutschen Flughäfen wollen im Auftrag der Bundespolizei die Steuerung der Dienstleister vor Ort übernehmen.

Was muss sich insgesamt tun, damit Fliegen wieder angenehmer wird?

Schnalke Fliegen muss wieder verlässlicher werden. Deswegen müssen die Flugkorridore besser gemanagt und mit mehr Fluglotsen ausgestattet werden. Was möglich ist, zeigen die USA: Da werden im Umkreis mancher Großstadt viel mehr Flüge reibungslos abgewickelt als bei uns in Deutschland.