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Ausbildung
Neue Fachkräfte fürs Handwerk im Blick

 Pilotprojekt der Handwerkskammer Trier: Die vier Trierer Gymnasiasten Pauline Annen, Jakob Schrömbgens, Leonardo-Lee Hoppe und Maximilian Brand (von links) haben in der Feinwerkmechanik-Werkstätte selbstständig einen Stiftehalter aus Metall gefräst.
Pilotprojekt der Handwerkskammer Trier: Die vier Trierer Gymnasiasten Pauline Annen, Jakob Schrömbgens, Leonardo-Lee Hoppe und Maximilian Brand (von links) haben in der Feinwerkmechanik-Werkstätte selbstständig einen Stiftehalter aus Metall gefräst. FOTO: Sabine Schwadorf
Trier. Erstmals schnuppern Gymnasiasten für zwei Wochen in die Werkstätten der Handwerkskammer. Für die Jugendlichen ist das Pilotprojekt in der Region ein praktischer Einblick in die Berufswelt, für die Kammer könnte es neue Nachwuchskräfte geben. Von Sabine Schwadorf
Sabine Schwadorf

Sie haben Frühstücksbrettchen ausgesägt, geschliffen und mit dem Brandmalkolben verziert; sie haben Kupferrohre, die üblicherweise für die Heizung benutzt werden, zersägt, gelötet und mit einem Solarmodel versehen, so dass daraus ein kleiner Springbrunnen für den Garten entstanden ist; und sie haben verschieden große Metallplatten so bearbeitet, gefräst und gedreht, dass am Ende ein Stiftehalter für den Schreibtisch entstanden ist. Was die 14 Schüler der zehnten Klasse am Trierer Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (FWG) in den vergangenen zwei Wochen in den Werkstätten der Handwerkskammer Trier gelernt und produziert haben, ist für sie nicht nur neu, sondern womöglich auch eine erste Berufsperspektive. „An den großen Maschinen zu arbeiten bedeutet, dass man uns viel Verantwortung überlässt. Und das macht Spaß“, sagt der 16-jährige Leonardo-Lee Hoppe. Und sein Schulkamerad Maximilian Brand (16) ergänzt: „Selbstständig zu arbeiten ist toll. Und man sieht, wie wichtig es ist, auf tausendstel Millimeter genau zu arbeiten. Die Praxis ist spannender, als Mathe zu lernen.“

Dass die Theorie aus dem schulischen Alltag für die berufliche Praxis im Handwerk durchaus einen Sinn hat, will Fachbereichsleiter Sanitär, Heizung, Klimatechnik (SHK) Johannes Wolf von der Handwerkskammer (HWK) Trier den Schülern vermitteln. „Viele haben erst mal Hemmungen, an den großen Maschinen zu arbeiten. Wenn sie dann merken, wie man etwas berechnet und wie eine Maschine tickt und das dann auch noch Spaß macht, ist das die Vorstufe entweder zu technischer Ausbildung oder Maschinenbaustudium“, sagt er. „Und: Wir machen hier nichts für die Tonne.  Ihre Werkstücke können die Schüler mitnehmen.“

Mit diesem Pilotprojekt kooperiert die Handwerkskammer erstmals mit einem Gymnasium aus der Region Trier. Das vom Bund geförderte Programm zur Berufsorientierung gibt es bei der HWK bereits seit 2010. Bislang haben daran mehr als 2700 Schüler von 8. und 9. Klassen aus 16 Kooperationsschulen, meist Realschulen plus, teilgenommen. „Ziel ist es, die Berufswahlentscheidung sicherer treffen zu können“, sagt Sven Kronewirth, HWK-Referatsleiter Berufsorientierung. Denn dank einer sogenannten Potenzialanalyse können die Jugendlichen in fünf von sieben Handwerksbranchen von Bau über KFZ bis Elektro und Holz ihre Interessen ausloten und Fähigkeiten testen.

Angesichts der Tatsache, dass inzwischen mehr als 40 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, rücken auch die Abiturienten stärker ins Blickfeld des Handwerks (siehe Info). „Gymnasiasten sind für das Handwerk eine zunehmend wichtige und attraktive Zielgruppe bei der Gewinnung qualifizierter Nachwuchs- und künftiger Führungskräfte“, sagt Ausbildungsgeschäftsführer Günther Behr. Aber das Handwerk biete den jungen Leuten auch „fast schon eine Beschäftigungsgarantie mit hervorragenden Karriereperspektiven – bis hin zur Betriebsübernahme.“ Dass die Gymnasiasten schließlich ausreichend technisches Geschick und Motivation mitbringen, bestätigt Tischler-Ausbilder Marco Klassen: „Die sind sehr engagiert und mit Interesse bei der Sache. Dabei haben viele hier zum ersten Mal den Werkstoff Holz, einen Akkuschrauber oder eine Säge in der Hand.“ Ob aus den zwei Wochen Berufspraxis auch eine Ausbildung im Handwerk wird, wird sich für die Trierer Gymnasiasten erst noch zeigen.  FWG-Schulleiterin Bärbel Brucherseifer jedenfalls sieht in dem Projekt „eine tolle Chance. Es kann nicht jeder Gymnasiast Architekt, Jurist oder Mediziner werden. Das Gymnasium sollte sich deshalb der beruflichen Praxis nicht verschließen.“

Der 15-jährige Jakob Schrömbgens kann sich eine Arbeit mit Technik inzwischen gut vorstellen. „Am spannendsten fand ich die Elektro-Technik: Es ist erstaunlich, welche Möglichkeiten Smart-Home-Technik in der Zukunft bietet.“ Und Pauline Annen (15) hat es genossen, selbstständig und konzentriert zu arbeiten: „Ich könnte mir einen Handwerksberuf als Alternativplan durchaus vorstellen – wenn aus Plan A wie Abitur nichts wird.“

 In der Tischlerwerkstatt dürfen die Schüler auch unter Anleitung an Maschinen wie der Kreissäge arbeiten. Foto: Sabine Schwadorf
In der Tischlerwerkstatt dürfen die Schüler auch unter Anleitung an Maschinen wie der Kreissäge arbeiten. Foto: Sabine Schwadorf FOTO: Sabine Schwadorf