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Fachkräfte fehlen nicht nur im Handwerk, sondern auch in der Pharmazie. Ein positives Beispiel der Integration von Migranten aus der Region.

Arbeitsmarkt : Mit offenem Ohr und Herzen

In Deutschland fehlen Fachkräfte – auch in Apotheken. Deshalb sind ausländische Pharmazeuten gerne gesehen. Die Trierer Apothekerin Daniela Adelsbach hat den Syrer Dany Rezk Allah auf dem Weg zur deutschen Approbation unterstützt. Inzwischen gibt es ein preisgekröntes Projekt der Landesapothekerkammer.

Mittel gegen Erkältungen, Fieberzäpfchen für Kinder oder Schmerztabletten, Desinfektionsmittel und auch mal ein Schwätzchen über die Theke hinweg. Für den Syrer Dany Rezk Allah ist dies eine Selbstverständlichkeit. Seit zwei Jahren arbeitet der 41-Jährige in der Kylltal-Apotheke in Trier-Ehrang. Der Weg dorthin war ein langer, einer der viel Arbeit gekostet, aber Freunde gebracht hat.

Rezk Allah hat in Damaskus Pharmazie studiert und sein Studium 2001 beendet. In Syrien erhält er seine Zulassung (Approbation), arbeitet als Apotheker, aber auch als pharmazeutischer Vertreter. „Ich habe viel Erfahrung gesammelt.“ Im Dezember 2013 kommt Rezk Allah als Student auf Einladung von Dr. Claus Jacob, Professor für Bioorganische Chemie an der Universität des Saarlandes, nach Deutschland. Zuvor hat er am Goethe-Institut Deutschkurse bis Niveau B 1 absolviert. Ein Jahr lang arbeitet der Syrer im Hauptlabor in Homburg. Nach dem Diplom 2014 ist er im Bereich Biochemie und Molekularmedizin tätig. Er bereitet sich an der Uni Saarbrücken auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang vor, die er erfolgreich abschließt.

In Deutschland sei alles fremd gewesen, nicht nur Sprache und Kultur. Man müsse sich selbst finanzieren, eine Stelle finden – selbstständig sein. „Ende 2015 habe ich ein Stipendium im Rahmen des Programms ‚Leadership for Syria‘ des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) erhalten“, sagt Rezk Allah. „Ich forschte unter anderem im Homburger Labor in der Krebstherapie.“ Sein Ziel: die Promotion. „Die Forschungsarbeit war sehr interessant.“

Doch es kommt anders. 2015 heiratet Rezk Allah die Kinderärztin Rouba Jaradeh. Aus familiären Gründen – er studiert in Homburg, sie findet eine Arbeit in Trier – pausiert er mit dem Studium, drückt wieder die Schulbank: Er büffelt Deutsch für die Fachsprachenprüfung, sucht ein Praktikum, um sich auf die Approbation vorzubereiten. „Ich musste einen Apotheker finden, der das begleitet.“

Rezk Allah hat Glück. 2017 lernt er einen Pharmazeuten kennen, der ihn mit Daniela Adelsbach bekanntmacht. Als er nach einem Praktikumsplatz fragt, sei unklar gewesen, ob sie ihn nehme, sagt sie: „Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Apothekerin.“ Aber sie sei offen gewesen, habe mit ihm gesprochen. „Er hat mir vom Typ her gefallen. Sein Deutsch war gut, wenn auch nicht so gut wie jetzt“, sagt sie und lächelt. „Ich hatte das Gefühl, sie hat meine Ängste als Anfänger bemerkt“, sagt Rezk Allah. „Sie hat mich dennoch akzeptiert und mir vertraut“, sagt er. „Sie hat mir ein offenes Ohr und Herz geschenkt.“

Die Chemie habe sofort gestimmt, sagen beide einhellig. Und doch war der Start holprig. „Ich habe viel telefoniert mit der Kammer, denn für die war das neu“, erinnert sich Adelsbach. Es gibt noch keine Vorschriften, auch nicht dazu, ob das Praktikum bezahlt ist oder nicht, ob sie ihm so viel zahlen solle wie einem Studenten oder wie jemanden mit Approbation, dem dritten Staatsexamen. Selbst der Steuerberater habe nicht gewusst, wie er die Entlohnung fürs Praktikum buchen solle. „Wir haben es einfach probiert.“

Ein Praktikum ist nicht vorgeschrieben. „Aber ohne könne es nicht gelingen“, ist sich Adelsbach sicher. Rezk Allah bestätigt: „Man muss das System kennenlernen.“ In Syrien gebe es keine pflanzlichen Arzneimittel, und auch der Umgang mit Betäubungsmitteln unterscheide sich; die Beratung sei anders, und natürlich die Gesetze. Er hat sich reingekniet und sich Unterstützer gesucht: „Ich habe von der PTA-Schule Hilfe für die Prüfungsvorbereitungen bekommen, vor allem im Bereich Arzneimittelkunde.“

Adelsbach ist damals zufrieden mit ihrem Praktikanten: „Er hat von sich aus viel gefragt und wollte alles kennenlernen, auch die Arbeiten der Pharmazeutisch-Technischen Assistenten. Alle waren bemüht, ihm zu helfen.“ Auch die Landesapothekerkammer sei hilfsbereit und kooperativ gewesen. „Ich habe festgestellt, es ist wichtig, dass alle Stellen zusammenarbeiten.“ Wenn sich beide Seiten bemühen, klappe es.

Die Kooperation hat Erfolg: 2017 legt Rezk Allah die Approbation ab, beginnt 2018, als Apotheker bei ihr zu arbeiten. Ein Gewinn auch für Adelsbach. „Dany ist ein positiver und motivierter Mensch. Er wird von meinen acht Mitarbeitern und den Kunden gut angenommen, weil er ein sehr gutes Fachwissen hat und eine positive Ausstrahlung. Wir bekommen ganz positive Rückmeldungen.“

Rezk Allah ist sozusagen einer der Wegbereiter. Seine Nachfolger haben es leichter. Seit 2017 unterstützt die Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz mit dem Projekt „Integration durch Qualifizierung – Apotheker für die Zukunft“ (IQ) Migranten, die in ihrem Heimatland Pharmazeuten gewesen sind, in Deutschland aber keine Zulassung haben (siehe Info). Für Rezk Allah kommt es zu spät. „Ich musste die Vorbereitungskurse selbst bezahlen.“ Er finde es gut, dass es das Projekt gibt. „Das Programm, das sie sich überlegt haben, ist toll“, bestätigt Adelsbach. Das sei wichtig, weil es inzwischen viele Anfragen von Syrern und jetzt auch Ägyptern gebe. „Deutschland hat mir eine Chance und eine Zukunft gegeben“, sagt Rezk Allah, „Sicherheit und Geborgenheit.“ Und er dankt es, indem er sich weiter fit macht für seinen Job: Er besucht Fortbildungen und eine Weiterbildung in Allgemeinpharmazie. Und im September möchte er ein Fernstudium in Betriebswirtschaft für Apotheker beginnen.