| 09:47 Uhr

Mülheim/Ruhr
Haubs Familie gibt die Hoffnung auf

Mülheim/Ruhr. Nach mehr als sieben Tagen bestehe keine Überlebenswahrscheinlichkeit mehr, teilte der HandelskonzernTengelmann im Namen der Familie mit. Zuvor hatten sich bereits die Rettungstrupps sehr skeptisch geäußert. Georg Winters

Nach mehr als sieben Tagen bestehe keine Überlebenswahrscheinlichkeit mehr, teilte der Handelskonzern Tengelmann im Namen der Familie mit. Zuvor hatten sich bereits die Rettungstrupps sehr skeptisch geäußert.

Fast eine Woche haben Suchtrupps, Hunde und Hubschrauber in den Alpen unter schwierigen Bedingungen nach Karl-Erivan Haub gesucht. Mit jedem ergebnislosen Tag, daran haben die Bergretter keinen Zweifel gelassen, wurden die Chancen geringer, den am vergangenen Samstag verschwundenen Chef des Handelskonzerns Tengelmann noch lebend zu finden. Jetzt hat auch die Familie des Managers die Hoffnung aufgegeben. Nach mehreren Tagen "in den extremklimatischen Bedingungen eines Gletschergebietes" bestehe keine Überlebenswahrscheinlichkeit mehr, teilte Tengelmann im Namen der Familie mit. "Daher wurde mit dem heutigen Tage die Überlebendensuche auf eine Bergungssuche umgestellt", erklärte das Unternehmen. Die Suche werde fortgesetzt, um den Vermissten unbedingt zu bergen, heißt es. Das Unternehmen übernehme selbstverständlich alle anfallenden Kosten. "Dieses Unglück ist sowohl für die Familie Haub, als auch das gesamte Familienunternehmen eine furchtbare und für alle unfassbare Tragödie", sagte eine Sprecherin.

Haub war am vergangenen Samstag von einer Skitour nicht mehr zurückgekehrt. Er war am Klein-Matterhorn unterwegs gewesen, um dort für das Skitourenrennen "Patrouille de Glaciers" zu trainieren, das am kommenden Dienstag stattfinden soll. Das letzte Mal, das Haub gesehen wurde, ist der Moment, in dem er die Seilbahn-Station am Klein-Matterhorn verließ. Da war sein Smartphone schon abgeschaltet. Ob er das absichtlich getan hat oder der Akku leer war, lässt sich nicht klären. Nachdem Haub zu einer Verabredung im Hotel in Zermatt nicht erschienen war, hatte seine Familie am Sonntagmorgen eine Vermisstenanzeige erstattet.

Das Gebiet, in dem der Konzernlenker verunglückt sein könnte, ist gewaltig groß. Der Leiter der Rettungsaktion Zermatt hatte das Bemühen, den 58-Jährigen aufzuspüren, mit der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen verglichen. Jede einzelne Gletscherspalte, die die Mitglieder der Bergwacht untersuchten, leuchteten sie aus, um auch die kleinste Chance noch zu nutzen. Aber am Ende der bisherigen Suche gibt es immer noch nicht den geringsten Hinweis, in welchem Teil der Alpen-Grenzregion zwischen der Schweiz und Italien der Vermisste sein könnte. Gestern noch waren Hubschrauber über dem Gipfel des mehr als 4100 Meter hohen Breithorns gekreist, dem Nachbarberg des Klein-Matterhorns, wo Haub verschwunden ist.

In den vergangenen Tagen haben sich viele erfahrene Alpinisten gefragt, warum Haub allein unterwegs gewesen ist. Alle wissen um die sportlichen Fähigkeiten des Tengelmann-Chefs, der das Matterhorn schon vor fast 30 Jahren bezwungen hat, der Marathons auf fast 4000 Meter Höhe in Südamerika genauso gelaufen ist wie Nacht-Marathons in Norwegen. Dazu Triathlons und Bergwanderungen. Skitourenrennen wie jenes, das er am Dienstag absolvieren wollte, auf einer Strecke von 53 Kilometer Luftlinie bei 4000 Metern Höhenunterschied. Ein Extremsportler par excellence also, austrainiert und zäh, regelmäßig auf der Jagd nach einem Adrenalin-Stoß, wie Weggefährten sagen. Jemand, der die persönliche Herausforderung nicht nur im Job sucht, sondern auch für seinen Körper.

Trotzdem bleibt die Frage unbeantwortet: Warum war Haub allein unterwegs, in einer Region, in der nach Einschätzung von Fachleuten niemand die Gefahren wirklich alle erkennen und beherrschen kann? Im Kanton Wallis haben seit Ende des vergangenen Jahres 16 Menschen ihr Leben gelassen, nachdem sie verschüttet worden waren. In jeder Saison gibt es ungefähr 80 Rettungseinsätze mit Hubschraubern. Mehr als 500 Menschen sind seit der Erstbesteigung des Matterhorns bereits umgekommen, so viele wie an keinem anderen Berg in der Schweiz.

Karl-Erivan Haub steht seit 18 Jahren an der Spitze der Tengelmann-Gruppe, zu der unter anderem die Obi-Baumärkte, der Textil-Discounter Kik, die Tedi-Kette und viele Aktivitäten im Bereich E-Commerce gehören, der modernen Leidenschaft des Karl-Erivan Haub. Die Familie gehört mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten im Lande. Trotzdem dürfte Haubs Gesicht vielen erst im vergangenen Jahr präsent geworden sein, als der Kampf zwischen den Handelsriesen Edeka und Rewe um die zur Tengelmann-Gruppe gehörenden Kaiser's-Supermärkte auf dem Höhepunkt war. Sein Vater Erivan, der die Tengelmann-Gruppe über drei Jahrzehnte geführt hatte, war im März in den USA gestorben - einen Tag vor dem Geburtstag seines Sohnes.