Nachfolger für Moselwinzer gesucht und gefunden!

Kostenpflichtiger Inhalt: Weinbau : Nachfolger für Moselwinzer gesucht und gefunden!

So mancher Moselwinzer hat einen renommierten Betrieb aufgebaut und sucht nun einen Nachfolger. Bernhard Kirsten aus Klüsserath hat Glück gehabt. Gemeinsam mit dem jungen Quereinsteiger Andreas Kreuter startet er noch einmal durch.

Wenn Andreas Kreuter die Weine von Bernhard Kirsten nicht so gut schmecken würden, wäre wohl nichts aus dem Deal geworden. Seit Jahren ist der 31-Jährige Kunde bei dem Weingut in Klüsserath, schätzte dessen besonderen Stil und lernte Winzer Bernhard Kirsten und seine Frau Inge von Geldern kennen. Das Paar hatte sich schon eine ganze Weile überlegt, was aus ihrem Betrieb werden soll – ohne Kinder oder einem anderen Nachfolger.

„Wir waren immer ein Familienbetrieb und haben uns dabei stets vergrößert. Irgendwann sind wir an unsere Grenzen gestoßen. Es ist nicht so einfach, den Schritt vom Familienbetrieb zum Unternehmertum zu machen“, resümiert der 58-jährige Kirsten.

Kreuter kam offenbar zur richtigen Zeit an den richtigen Ort. Ein Faible für Wein hatte er schon allerdings immer. Während seines Betriebswirtschaftsstudiums machte der „Weinenthusiast“ (O-Ton Kirsten) ein Praktikum in einem Weinbaubetrieb und arbeitete später bei einem Champagner-Haus. Sein Entschluss, ein passendes Weingut zu suchen und zu kaufen, stand fest, noch bevor er auf den Betrieb in Klüsserath stieß. Gemeinsam mit Florian Rehm und Christina Flügel hält der Unternehmer Anteile eines deutschen Spirituosenherstellers.

2018 besiegelten Kreuter und Kirsten/von Geldern ihre Partnerschaft – Bernhard Kirsten ist seitdem Betriebsleiter, Inge von Geldern managt Büro und Verkauf. Darüber hinaus läutete Quereinsteiger Andreas Kreuter mit dem Kauf von Schloss Liebieg in Kobern-Gondorf (Kreis Mayen-Koblenz) eine neue Ära ein. Zurzeit wird das Kulturdenkmal, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, saniert. Doch im Herbst 2021, so hofft Kirsten, zieht der komplette Weinausbau in die funkelnagelneuen, 3000 Quadratmeter großen Kellereigebäude um – etwa 100 Kilometer vom Stammsitz in Klüsserath entfernt. Dann, wenn Restaurant, Hotel, Vinothek und Veranstaltungsräume bereits fertig sind. Dass bei den Arbeiten Wert auf jedes Detail gelegt wird, versteht sich da fast von selbst. Fürstlich muss die Investitionssumme sein, über deren Höhe Bernhard Kirsten nichts verraten will.

Die neuen Etiketten: Aus Kirsten wird Schloss Liebieg. Foto: TV/Verona Kerl

Seit März dieses Jahres prangt der Name „Schloss Liebieg“ auf den Etiketten des 2018er Jahrgangs. Ein verspielteres Design schmückt nun die Flaschen statt des einst schlichten Schicks. Und doch stammt der Inhalt vom gleichen Winzer, der nicht vorhat, den Standort in Klüsserath aufzugeben, sondern dort auch in Zukunft weiter Kunden berät und Wein verkauft. Seit Andreas Kreuter die Geschäfte führt, ist die Anbaufläche auf 22 Hektar gewachsen. „Wir besitzen nur Steillagen. In Winningen, der Trittenheimer Apotheke und der Lage Piesporter Goldtröpfchen haben wir Weinberge hinzugekauft oder gepachtet.“ Vor allem im Bereich Terrassenmosel wollen Kreuter und Kirsten weitere Wingerte erwerben und Lagen rekultivieren.

Für Stefan Hermen vom DLR Mosel passt diese Entwicklung genau ins Bild der derzeitigen Situation. „Wir erleben zurzeit einen Strukturwandel an der Mosel. Viele Nebenerwerbswinzer geben auf. Und so werden aus kleinen Flächen größere, die sich dann auf einige Winzer verteilen.“ Tatsächlich hat sich die Anzahl der Betriebe an der Mosel von 8598 im Jahr 1979 auf 2101 im Jahr 2016 reduziert (Saar: von 397 im Jahr 1999 auf 115 im Jahr 2016, Ruwer: von 70 im Jahr 1999 auf 32 im Jahr 2016), wie das Statistische Landesamt in Bad Ems bestätigt. Gleichzeitig ging die Rebfläche an der Mosel drastisch zurück, von mehr als 12 000 Hektar (1979) auf rund 8800 Hektar (2018, mit Saarland). Aber Hermen stellt noch etwas fest: einen Generationenwechsel. „Für die Generation, die jahrzehntelang im Haupterwerb erfolgreich war, stellt sich jetzt die Frage, ob sie einen Nachfolger finden.“

So kennt man ihn. Winzer Peter Terges will sich langsam aus dem Geschäft zurückziehen. Foto: TV/Verona Kerl

Am besten einen mit Visionen und Mut zum Risiko, so wie Kreuter: „Andreas Kreuter hat die Vision, fantastische Moselweine zu produzieren. Zu versuchen, die Lagen noch mehr herauszuarbeiten, die Charakteristik der Böden, der Weinberge, so dass man das ganze Spektrum der Mosel schmecken kann“, schwärmt Bernhard Kirsten. Das Thema Sekt wird dabei nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. „Diese Produktion wollen wir wesentlich verstärken. Wir haben eine Art Champagnercuvée im Auge, nur dass wir sie so nicht nennen. Das Feld wurde viel zu lange den Franzosen überlassen. In den besten Restaurants wird stets Champagner angeboten.“ Dennoch bleibt das Spektrum der bekannten Kirsten-Weine, wie etwa die Marken Wolkentanz und Herzstück, erhalten. Nur eben unter dem Label Schloss Liebieg. Seine Kunden seien ihm dabei treu geblieben. „Ich vergleiche das immer mit ,Aus Raider wird Twix’“, schmunzelt der 58-Jährige. „Unser Weingut ist die Stammzelle für ein Projekt, das wegweisend für die gesamte Mosel ist.“

Ähnlich wie das Weingut Van Volxem auf dem Schlossberg in Wiltingen wegweisend für den Weinbau an der Saar ist? „Genau“, sagt Kirsten. „Nur werden wir die Terrassenmosel neu beleben, denn touristisch gesehen hinkt die Mosel anderen Gebieten weit hinterher.“

Das Schloss Liebieg in Kobern-Gondorf wird zurzeit saniert. Foto: Stefanie Braun

Ein Mammutprojekt. Doch scheint es, als habe Unternehmersohn Andreas Kreuter ebenso viel Elan und Weitsicht wie Weingutsbesitzer und Bitburger-Erbe Roman Niewodniczanski, der seine Weinmanufaktur auf dem Wiltinger Schlossberg im Juli diesen Jahres eröffnete. Die Chancen dafür stehen gut.