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Handel
Nicht alle Händler brauchen Online-Shops

Gingen den Chancen und Risiken des Online-Handels auf den Grund: Boris Hedde vom Institut für Handelsforschung, Wittlichs Stadtbürgermeister Joachim Rodenkirch, TV-Chefredakteur Thomas Roth, IHK-Präsident Peter Adrian, Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe, die beiden Einzelhändler Karin Kaltenkirchen und Peter Berg sowie IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer.
Gingen den Chancen und Risiken des Online-Handels auf den Grund: Boris Hedde vom Institut für Handelsforschung, Wittlichs Stadtbürgermeister Joachim Rodenkirch, TV-Chefredakteur Thomas Roth, IHK-Präsident Peter Adrian, Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe, die beiden Einzelhändler Karin Kaltenkirchen und Peter Berg sowie IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Glockauer. FOTO: Sabine Schwadorf
Trier. Von traditionell bis digital: Der Handel sucht nach seinem Zukunftsmodell – IHK Wirtschaftsforum zum E-Commerce. Von Sabine Schwadorf
Sabine Schwadorf

Ob Männer-Carrerabahn-Abende im Spielzeuggeschäft, Staubsauger-Versuchs-Shops mitten im Wohngebiet, Mini-Supermärkte auf dem Bahnsteig oder kostenfreies W-Lan in der City: Den Ideen, Käufer in die Innenstädte zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt, denn der Handel muss etwas tun. Zu sehr hat sich das Kundenverhalten verändert, zu sehr sind wir als Käufer verwöhnt, ständig und überall rund um die Uhr im Internet einkaufen zu können. Was dies mit dem Einzelhandel macht, damit hat sich das Wirtschaftsforum der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier beschäftigt: „E-Commerce: Vitamin­spritze für den Handel oder Totengräber der Innenstädte“ lautete die Frage, der die Experten aus Handel, Kommunen und Forschung unter der Moderation von TV-Chefredakteur Thomas Roth nachgingen. Die wichtigsten Themen.

Online-Handel

Wer davon ausgeht, dass der Online-Handel den Händlern vor Ort die Geschäfte abgräbt, sieht sich durch die Studien des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln (siehe Info) eines Besseren belehrt. Zwar sticht der Online-Handel seit 2010 mit einem Plus von 13,9 Prozent als Gewinner heraus, doch hat der Handel insgesamt jährlich um gut zwei Prozent an Umsatz zugelegt. „Stagnierte der Handel vorher, so hat es seitdem einen Schub gegeben, der auch messbar ist“, sagt der IFH-Geschäftsführer Boris Hedde. Demnach sind auch die Fachmärkte und Filialisten sowie Supermärkte und Discounter Gewinner des Booms. Der größte Verlierer: der kleinbetriebliche Fachhandel mit einem Umsatz bis zu zwei Millionen Euro im Jahr. „Das rasante Sterben kleinerer Unternehmen macht uns Sorgen. Denn der Boom im Online-Handel geht am kleinen Fachhandel vorbei“, sagt der Marktforscher.

Ein Problem, das Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe nicht nur den Kunden zuschreibt. „Die Mischung macht die Attraktivität einer Innenstadt aus. Und da ängstigen uns auch die fehlenden Betriebsnachfolger inhabergeführter Läden und die extremen Mieten in 1A-Lagen, die aber von Privatleuten erhoben werden und bei denen wir als Stadt auch nichts machen können“, sagt der OB.

Also alle Händler jetzt an die Gewehre und einen Online-Shop eröffnen? „Bloß nicht!“, warnt Hedde und belegt auch warum.

Oberzentrum Trier

„Trier ist ein spannender Standort für Handelsforscher“, sagt Hedde, aufgrund seiner geografischen Lage und der Grenze zu Luxemburg, als Touristenmagnet, von der Größe und der Art und Zahl der Läden. Bei der Untersuchung von 121 Städten haben die Städte im Schnitt die Schulnote 2,7 erhalten. Trier liegt mit 2,1 oberhalb des Durchschnitts. Obwohl es im Oberzentrum eine „geile Auswahl“ gebe, sieht Hedde die größten Defizite darin, dass die Besuchsdauer und die Anzahl der besuchten Geschäfte niedriger ausfalle als in anderen Städten.

Kunden

Seit 2016 gibt es mehr Kunden, die nicht nur im Geschäft einkaufen, sondern auch online, also verschiedene Kanäle benutzen. Vor allem aber steigt der Anteil derer, die sich zunächst im Internet darüber erkundigen, ob und welches Geschäft in der eigenen Stadt ein Produkt zu welchem Preis anbietet. „Die gute Nachricht: Neun von zehn Euro gehen dann immer noch stationär im Laden über die Theke“, sagt Hedde.

Etwas, das Karin Kaltenkirchen, Geschäftsführerin des Trierer Modehauses Marx, bestätigt: „Ich möchte immer erst probieren, meine Einkäufe in der Region zu tätigen und dann erst online kaufen.“ Und für ihr Unternehmen gelte: Bei mehreren Zehntausend Kleidungsstücken, die oft nur eine Saison im Laden blieben, sei es derzeit noch „technisch extrem kompliziert, die alle im Internet einzustellen und zu verwalten“. 

Ohnehin ist zwei von drei Kunden kostenfreies W-Lan oder das Abholen von online bestellten Waren wichtiger, sagt Hedde: „Alle Macht geht vom Handel aus, und da sind Handel und Stadt gleichermaßen gefordert.“ Die Losung: den Einkauf für den Kunden noch einfacher und den Kunden noch glücklicher beim Einkauf zu machen.

Peter Berg, Schuhhändler in Trier, macht nach neun Jahren mittlerweile etwa 40 Prozent seines Umsatzes über seinen Online-Shop. Für ihn lohne sich der Aufwand auch monetär, selbst wenn er dafür pro Saison 1000 verschiedene Schuhpaare fotografieren lassen müsse. „Die Messlatte ist hoch, und jeder muss bei der Eröffnung eines Online-Shops für sich entscheiden. Andererseits bringt es auch einen Zusatznutzen für den Kunden“, sagt er. Schwieriger sei es dagegen für seine Kunden, ausreichend Parkplätze in Trier zu finden.

Mobilität

Mobilität ist ohnehin der Schlüsselbegriff in der Diskussion: Auch Karin Kaltenkirchen sieht in der Erreichbarkeit der Innenstadt einen „Hauptfaktor für gute Geschäfte“. Triers OB Leibe sieht dies ähnlich und verspricht eine bessere Parkraumbewirtschaftung spätestens zu Beginn der Karl-Marx-Ausstellung Anfang Mai. Per Modellprojekt sollen freie Parkflächen außerhalb der Parkhäuser per Sensor darüber Auskunft geben, wie viele noch frei sind.

 Den Auftakt mache eine Hinweistafel an der Bundesstraße 51 von Bitburg her kommend. „Wir müssen üben, und dazu gehört auch eine kostendeckende Parkraumbewirtschaftung.“ Unternehmer Berg appellierte in dem Zusammenhang an alle Einzelhändler, sich an den Park + Ride-Angeboten der Stadt finanziell zu beteiligen: „Wir profitieren alle von mehr Kunden.“

Konkurrenz

„Der Kampf um den lokalen Standort ist größer als die Konkurrenz durch den Online-Handel“, stellt Handelsforscher Boris Hedde klar. Dabei spiele E-Commerce zwar eine Rolle, doch werde er eher als Hebel für den Einkauf im Laden benutzt, weitaus wichtiger sei die Abgrenzung zur Nachbarstadt.

Etwas, das Wittlich seit einigen Jahren mit seinem Programm „Aktives Stadtzentrum“ betreibe, sagt Joachim Rodenkirch, Bürgermeister der Stadt Wittlich. Mehr als 37 Millionen Euro seien so bislang in seine Innenstadt geflossen, um zusätzlich Wohnraum zu schaffen und die Leerstandsquote zu senken. Mit Erfolg: „In zwei Jahren ist die Quote von 12,4 auf 8 Prozent gesunken“, sagt Rodenkirch stolz, der selbst nach eigenen Angaben „noch nie“ online geshoppt hat. 

Für Trier sehen viele Einzelhändler die Ansiedlung eines Globus-Einkaufszentrums außerhalb der City als große Konkurrenz. Während Karin Kaltenkirchen darin einen Widerspruch „in allen Punkten zum Trierer Einzelhandelskonzept“ sieht, hat Unternehmer Peter Berg durchaus Angst: „Wir haben viel zu verlieren.“ Triers erster Bürger dagegen will gerade im Lebensmitteleinzelhandel gegenüber dem Umland aufholen, das weitaus mehr als die Stadt Trier zu bieten habe. „Noch ist keine Entscheidung gefallen, und die Gutachten zu Sortiment und Innenstadtrelevanz stehen noch aus. Aber es geht auch um die Nahversorgung“, sagt OB Wolfram Leibe. Und Forscher Hedde gibt zu bedenken: „Natürlich muss man die Attraktivität der Innenstadt erhalten, aber die Mischung macht’s.“ Und nur weil es nicht nachhaltig oder unerwünscht sei, zahlten auch Ketten und Handelshäuser wichtige Gewerbe- und Umsatzsteuer und seien für eine bestimmte Käuferklientel auch attraktiv.

Fazit

Ist der Online-Handel nun Vitaminspritze für den Handel oder Totengräber für die Innenstadt? 60 Prozent der Gäste des IHK-Forums sehen bei einer Online-Umfrage  einen Vorteil, 40 Prozent eher einen Nachteil.

In die Diskussion haben sich auch die Einzelhändler der Region, wie hier Buchhändler Richard Leuckefeld aus Trier, eingeschaltet, entweder per Wortmeldung oder sogar online per SMS.
In die Diskussion haben sich auch die Einzelhändler der Region, wie hier Buchhändler Richard Leuckefeld aus Trier, eingeschaltet, entweder per Wortmeldung oder sogar online per SMS. FOTO: Sabine Schwadorf