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Heilig-Rock-Tage in Trier
Podiumsdiskussion zu Arbeit: „Marktwirtschaft und Sozialstaat gehören zusammen“

Zurück an alter Wirkungsstätte: Kardinal Reinhard Marx.
Zurück an alter Wirkungsstätte: Kardinal Reinhard Marx. FOTO: Klaus Kimmling
Trier. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Marx, und der Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther diskutieren in Trier über lebenswerte Arbeit. Von Eva-Maria Reuther

Schon Gottvater arbeitete, als er in sechs Tagen die Welt erschuf. Am siebten Tag ruhte er bekanntlich, um schöpferische Kraft zu sammeln. Die überlieferte göttliche Arbeitsstruktur kann man durchaus als ein erstes Beispiel gelungener „life and work  balance“ lesen. Mit der steht es dieser Tage nicht immer gut.  Seit jeher muss der Mensch als „homo laborans“ (Hannah Arendt) sein  Leben durch Arbeit sichern. Aber nicht nur das.  Arbeit bedeutet mehr. Sie  ist für Menschen existenzieller Mehrwert über die reine Erwerbstätigkeit hinaus. In sinnvoller Arbeit realisieren Menschen im Sinne ihrer Selbstverwirklichung  nicht nur eigene Lebensentwürfe. Arbeitend haben sie Teil am sozialen Leben und der Gestaltung von Wirklichkeit und Welt. Darin waren sich auch die beiden Gesprächspartner der Diskussion in der Promotionsaula des Trierer Priesterseminars einig. Zur ersten Veranstaltung  des mehrteiligen Projekts „LebensWert Arbeit“, das als Beitrag des Bistums zum Karl-Marx-Jahr entstanden ist, hatten die Veranstalter, wie Hans-Günther Ullrich , der bischöfliche Beauftragte für Arbeit, eingangs bemerkte,  an den Ort eingeladen, an dem einst zwei Philosophen ihr Reifezeugnis erhalten hatten, deren Schaffen entschieden der Bedeutung und den Bedingungen von Arbeit galt: der Kapitalismuskritiker Karl Marx und der „Nestor der katholischen Soziallehre“ Oswald von Nell-Breuning. Unter dem Titel: „Zwischen Geld und Glück“-was macht Arbeit lebenswert“ diskutierten Kardinal Reinhard Marx (ehemals Bischof von Trier) und der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Michael Hüther.

Weitgehend blieb  der wohltuend unaufgeregte Disput beim Grundsätzlichen. Beide Gesprächsteilnehmer bekannten sich klar zum Modell der sozialen Marktwirtschaft mit ihrer Forderung nach einer funktionsfähigen Wettbewerbsordnung, die ordnungspolitisch in den Rahmen  des freiheitlich demokratischen Systems  und seiner sozialpolitischen Ziele eingebunden und ihm verpflichtet ist. „Was ist menschenwürdige Arbeit. Welche Wirkung haben Automatisierung und Digitalisierung?“ Zwei unverändert aktuelle Fragen, die konsequenterweise gleich eingangs zur Diskussion standen. Schließlich hatte schon Karl Marx die „Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit“  zuzeiten der Frühindustrialisierung angeprangert. Einem vielerorts geäußerten Pessimismus hielt Wirtschaftswissenschaftler Hüther  aktuelle Statistikwerte entgegen. So hätten früher Menschen bei Antritt ihrer Rente im Schnitt 950 000 Arbeitsstunden hinter sich, heute hingegen sind es nur noch 650 000 Stunden. Viel weniger an Zeit sei zudem heute zur Existenzsicherung erforderlich. Habe man früher 20 Prozent der Lebenszeit dafür benötigt, seien es heute nur noch acht Prozent.  Anders als sein Oxforder Kollege Carl Benedikt Frey scheint der Ökonomie-Professor auch nicht den Verlust von Arbeitsplätzen für eine gut qualifizierte Mittelschicht durch Digitalisierung und „künstliche Intelligenz“ zu fürchten. Ihre Auswirkungen sieht der Wissenschaftler vor allem in der Veränderung herkömmlicher Zeitmuster von Arbeit, der Entgrenzung von Unternehmen, sowie neuer Kommunikationsformen. Veränderungen, die auch neue Chancen und Freiheiten mit sich brächten. Sie gelte es zu erkennen. „Man muss die eigenen Chancen zur Lebensbewältigung wahrnehmen“, mahnte der Ökonom, der mancherorts Angst vor Freiheit und der damit einhergehenden Verantwortung zu erkennen glaubt. Weniger optimistisch sieht Reinhard Marx die Verhältnisse. Selbst wenn große Fortschritte unleugbar seien, so seien auch große Probleme festzustellen. Der christliche Sozialethiker erkennt wie sein Namensvetter eine untrennbare Beziehung zwischen ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Ungerechtigkeit, Machtkämpfe und sogar Krieg sind für Marx Folgen einer konfliktreichen Wirtschaftsgeschichte und der Tendenz „alles den Kapitalverwertungsinteressen und dem Profitdenken  zu unterwerfen“.  Für den Erzbischof von München und Freising  braut sich Düsteres zusammen: „Ich habe die Sorge, dass die sozialen und  ökologischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus jetzt auf die Tagesordnung kommen“. Dass man sich mit Blick auf eine Großteil der Welt  in Deutschland gleichsam auf einer „Insel der Seligen“ befinde, räumte der Kardinal ein, allerdings -so der Theologe- nicht selten auf Kosten der Menschen anderer Länder, darunter  jene der so genannten Dritten Welt. Statt globaler Verantwortung  mache sich ein zunehmender Wirtschaftsnationalismus breit, beklagte Marx. Das Problem der Ungleichheit in einer globalisierten Welt sieht auch Hüther. Der Wissenschaftler verwies auf die Notwendigkeit verlässlicher Institutionen und ordnungspolitischer Rahmenbedingungen allein um Investoren zu interessieren. Zurück zur Arbeit: Auch wenn der Markt die Löhne mache( Hüther), Arbeit dürfe nicht allein Ware sein, forderte Marx „Bereiche  wie Gesundheit, Energie oder Bildung  kann man nicht dem Markt überlassen“. Als Gefahr sieht Marx eine zunehmende  Privatisierung solcher Bereiche. Eine funktionierende soziale Marktwirtschaft benötige die Mitverantwortung aller, der Unternehmer wie der Arbeitnehmer. Darin waren sich Hüther und Marx einig. Der Strukturwandel der Unternehmen müsse die Arbeitsbedingungen verlässlich halten, forderte Hüther. Andererseits müssten Arbeitnehmer angesichts Strukturwandel und höherer Lebenserwartung, sich auf  neue Lebensverläufe und längeres Arbeiten einstellen. In Zukunft werde man erst mit 70 in Rente gehen können.  In der Verantwortung ist auch die Politik. Die hat – darin stimmte man überein- der Marktwirtschaft einen verlässlichen ordnungspolitischen Rahmen nach demokratischen freiheitlichen Grundsätzen zu schaffen, der niemand ausschließt oder in Armut absinken lässt. „Wenn das Vertrauen in das  Gemeinwesen und seine Institutionen nicht da ist, hat das ökonomische Relevanz“, mahnte Marx. Für ihn steht fest: „Sozialstaat und Marktwirtschaft gehören untrennbar zusammen“. Für die Zukunft wünscht sich der Kardinal: „Die Wirtschaft muss sich am Menschen orientieren und ihm bessere Chancen bieten“. Dass Menschen künftig ihre Chancen in einer sich verändernden Welt mit dem Ziel von Selbstbestimmung und Verantwortung wahrnehmen, hofft Hüther. Das sei die Art Diskussion über Karl Marx , die er sich wünsche, freute sich zum Schluss Oberbürgermeister  Leibe. 

Institutsleiter Professor Michael Hüther.
Institutsleiter Professor Michael Hüther. FOTO: Klaus Kimmling