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Solidarische Landwirtschaft ist in: Was steckt dahinter?

Landwirtschaft : Unser Geld, unser Garten, unser Gemüse

Wie Menschen in Wittlich, Trier und an der Mosel „revolutionäre“ Wege gehen: Dreimal Solidarische Landwirtschaft in der Region.

Obst und Gemüse auf dem Markt oder im Supermarkt einkaufen – das war einmal. Bei Solidarischer Landwirtschaft ziehen Erzeuger und Verbraucher an einem Strang. Alle zusammen finanzieren die gesamte Produktion und bestimmen mit, was auf den Teller kommt. In der Region gibt es drei dieser alternativen Wirtschaftsgemeinschaften.

Frische Salate und junger Spinat, Frühlingszwiebeln und knackige Radieschen. Die wärmeren Temperaturen und längeren Tage lassen das junge Gemüse sprießen und tragen dazu bei, das Angebot an saisonalen Lebensmitteln zu vergrößern. Dass der Tisch so früh im Jahr schon reich gedeckt ist, liegt auch an einem Tunnelgewächshaus, das seit zwei Jahren auf dem Gelände des Demeterhofs Breit bei Wittlich steht. In ihm werden Jungpflanzen vorgezogen, und die ersten Salate wachsen darin. Das Gewächshaus und die rund ein Hektar große Gartenbaufläche, auf dem es steht, gehören nicht zum Hof, sondern werden gemeinschaftlich bewirtschaftet – von Erzeugern und Verbrauchern.

„Wir betreiben hier seit Anfang 2018 solidarische Landwirtschaft“, sagt Marius Braun (31), der zusammen mit Hannah aufm Kampe (38) zertifiziertes Biogemüse nach den Richtlinien des Demeterverbands anbaut. „Eine kleine landwirtschaftliche Revolution.“

Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, das bedeute, nicht er und seine Partnerin verantworten die Produktion der Nahrungsmittel allein, „sondern wir teilen die gesamte Ernte, aber auch das Risiko mit unseren Kunden“. 65 Haushalte aus Wittlich und Umgebung beziehen ihre Lebensmittel aus dem alternativen Gartenbaubetrieb und sichern damit eineinhalb Arbeitsstellen.

In einer Solawi finanzieren die Mitglieder ein komplettes Wirtschaftsjahr, inklusive Pacht, Saatgut, Pflanzen und manchmal auch Produktionsmittel. „Wir brauchen dafür Menschen, die verbindlich dabei sind“, sagt Braun. Deshalb gibt es jeden Februar eine Versammlung, bei der die finanziellen Anteile der Mitglieder festgelegt werden. „Wir sagen, wie viel Geld wir für die Produktion benötigen, und wir sprechen auch über Gehälter. Das diskutieren wir demokratisch aus.“ Jedes Mitglied gibt, was es kann und möchte, bis die entsprechende Summe erreicht ist. „Danach spielt Geld für uns keine Rolle mehr.“

Hannah aufm Kampe hat eine Ausbildung zur biologisch-dynamischen Landwirtin absolviert und ist seit 2013 Gemüsegärtnerin auf dem Demeterhof. Über Bekannte, die bereits eine Solawi gegründet haben, kamen sie und Ökonom Braun auf die Idee, dieses Modell in Wittlich zu etablieren. Das nötige Rüstzeug dafür erhielten sie von der Beratungsagentur Myzelium in Trier (siehe Extra).

Das gesamte Wittlicher Konstrukt ist ungewöhnlich. Den Demeterhof betreiben Paul und Eugenie Brandsma seit 1990 auf der Breit bei Wittlich nach biologisch-dynamischem Anbau. Die Brandsmas sind Pächter. Die komplette Betriebsfläche gehört dem Verein Hof Breit. Von diesem haben auch aufm Kampe und Braun die ein Hektar große Fläche und eine Scheune gepachtet. 80 Anteile vergibt die Solawi, 15 davon gehen an den Hofladen, der das Gemüse neben zahlreichen anderen erzeugten Bio-Produkten anbietet. Es sei interessant, dass sich auf dem Hof zwei Systeme ergänzen, sagt Braun. Mit einem Hektar Fläche gebe es zudem auf dem freien Markt kaum eine Chance zu überleben. Mit dem Solawi-Modell dagegen könnten kleinbäuerliche Strukturen erhalten bleiben. Braun und aufm Kampe arbeiten außerdem im Hofladen, leben auf dem Hof und sind so Teil des Ganzen. „Wir können total effizient ernten, weil wir wissen, wie viel wir brauchen. Die Leute auf dem Markt wissen nicht, ob sie ihre Produkte verkaufen oder wieder mit nach Hause nehmen müssen“, sagt Braun. Einmal wöchentlich holen sich die Mitglieder ihre Ration in der Scheune ab. Alle bekommen das Gleiche.

„Wir bauen abwechslungsreich an“, sagt Braun. Ein weiterer Vorteil gegenüber einem Betrieb, der seine Produkte auf dem Markt anbieten müsse: Es können Anbaumethoden und Sorten getestet werden. Für Braun ist es schön, diese Freiheit zu haben und auf dem Teller zu merken, wie das Wetter ist. „Viele Mitglieder sagen, dass es ihren Blick auf die Landwirtschaft verändert hat.“ Was aufm Kampe und Braun außerdem sehr wichtig ist: „Wir bekommen eine andere Anerkennung für unsere Arbeit.“

Jedes Mitglied kann beim Hacken, Pflanzen, Säen oder Ernten helfen. „Wir haben eine sehr aktive Solawi-Gemeinschaft“, sagt Braun, in die sich jeder nach seinen Möglichkeiten und mit seinen Fähigkeiten einbringe. Die Familien mit ihren Kindern haben eine Sitzecke mit Insektenhotel gebaut. Es gibt die Futterhelden AG, die die Helfer mit Essen versorgt, eine Rezeptgruppe, einen kleinen Hofchor und einmal im Jahr steigt das Solawi-Fest. Wer zusammen arbeitet, kann auch zusammen feiern.

Landwirtschaft in der Stadt

Die älteste Solawi der Region entstand 2017 auf einer Wiese im Trierer Stadtteil Euren, im Gemeinschaftsgarten des Vereins Transition Trier. Zwischen der Luxemburger Straße, einem Gartencenter und einer großen Industriehalle herrscht so etwas wie Schrebergartenidylle im großen Stil. Auf dem etwa 2000 Quadratmeter großen Grundstück, das die Stadt Trier zur Verfügung gestellt hat, wirtschaften Eva-Maria Altena und – weil die Anbaufläche in diesem Jahr vergrößert wurde – Felix Kilian (31).

Die beiden versorgen 43 Anteilseigner. Die Bieterrunde für das Wirtschaftsjahr 2021 wird im November sein. Wie in Wittlich haben die Trierer Mitglieder Einfluss darauf, wie produziert wird. Die Solawi baut zwar nicht zertifiziert Bio an, doch sie verwendet weder Pestizide noch chemischen Dünger, stattdessen Hornspäne, Brennnesseljauche oder selbst gemachten Kompost. Sie setzt auf Vielfalt und nachhaltige Optimierung statt auf kurzfristige Maximierung. Diese Solawi entstand ebenfalls zusammen mit dem Netzwerk Myzelium.

Die Trierer Fläche ist kleinteilig bebaut, mit Beeten, in denen meist mehrere Gemüsesorten wachsen. Hier steht eine Kräuterspirale, dort ein Frühbeet, daneben zwei kleine Foliengewächshäuser. Auch fünf Bienenstöcke stehen auf dem Gelände. „Das haben sich viele Mitglieder gewünscht“, sagt Altena. Die Bienenkisten, in dem die Insekten auch überwintern können, stellt eine Imkerin zur Verfügung; für den Honig zahlen ihr die Mitglieder einen Jahreslohn. „Wir wollen dieses Jahr auch verstärkt Permakultur ausprobieren, mehrjähriges Gemüse wie Gemüseampfer oder auch Rhabarber.“ Altena probiert regionale und alte Sorten sowie Raritäten aus. „Wir versuchen, verschiedene Anbautechniken zu zeigen und solche, die im Gemüseanbau zurzeit ‚in‘ sind“, sagt die Landschaftsarchitektin. Die Mitglieder holen sich einmal in der Woche ihre Ration ab. Die Solawi ist sehr innovativ, nutzt den kleinsten Raum. Ein kleiner Teich dient als Spiegel, der das Sonnenlicht und die Wärme ins Folienhaus dahinter projiziert und das Frühbeet besteht aus Recyclingmaterial.

„Der Gemeinschaftsgarten ist unser Garten“, betont Altena. „Alle Mitglieder können herkommen, bei der Arbeit helfen oder einfach nur hier feiern.“ Von Anfang an waren die Mitglieder aktiv und haben die Fläche – mit Unterstützung des Bürgerservices Trier – für die Bepflanzung vorbereitet. Neben dem Gartenbau engagieren sich „Solawis“ in Buchhaltung, Organisation oder kochen und backen für die monatlichen Orgatreffen. „Das klappt gut“, freut sich die 33-Jährige, „es herrscht eine hohe Solidarität.“ Aber Mithilfe sei keine Pflicht. Auf der Fläche gibt es eine Spielwiese für Kinder und einen großen Grillplatz mit Sitzmöglichkeiten. Die Trierer Solawis nutzen ihren Garten auch zum Leben.

Wein von allen für alle

Jan-Philipp Bleeke (32), geboren in Bielefeld in Ostwestfalen, hat sein Glück nach einigen Umwegen an der Mosel gefunden. Nach seiner Ausbildung zum Automobilkaufmann machte er sein Fachhochschulabitur und studierte Marketing-Management. Während des Studiums jobbte er in einem Weinladen, machte anschließend ein Praktikum in einem Weingut in Neuseeland – und verliebte sich in den Weinbau. Zurück in Deutschland absolvierte er im Weingut Witwe Dr. Thanisch – Erben Müller Burggreaf in Bernkastel-Kues eine Winzerlehre. Seit einem Jahr arbeitet er im Weingut Staffelter Hof in Kröv, das Biowein nach Ecovin-Richtlinie anbietet. Teilzeit, denn zusätzlich baut Bleeke auf einer ein Hektar großen Fläche, die er in Piesport gepachtet hat, biologisch-dynamisch eigene Reben an. Dazu hat er eine Solawi, CSVino (CS steht für community supported = gemeinschaftsbasiert, Vino steht für Wein), gegründet. Im November 2019 sprach er erstmals mit Michaela Hausdorf und Timo Wans von Myzelium. „Ich habe ein paar Nächte darüber geschlafen und gedacht: Ich lasse mich drauf ein.“ Er schrieb ein Konzept, und Anfang des Jahres ging es los. 25 Anteile wird er vergeben, was ihm nicht schwer zu fallen scheint: „Ich bin viel rumgekommen, ich suche mir Leute aus ganz Deutschland. Und tatsächlich sind 25 Teilnehmer am Start, Studenten, Akademiker, Rentner. Sie alle treffen sich zur Bieterrunde am 3. Mai, um ihren Anteil an den jährlichen Betriebskosten zu definieren. „Auf meiner Liste für nächstes Jahr hab ich schon fünf Leute.“

Mit seiner Solawi will Bleeke nicht nur Wein verkaufen, er nimmt seine Kunden mit in die faszinierende Welt des Weinbaus. Zusätzlich bietet der Winzer fünf Workshops an. „Wir werden an einem Wochenende einen Weinrundgang machen und Winzer besuchen“, erklärt er. In Kinheim und Reil wird er den biologisch-dynamischen Weinbau beleuchten, es wird ein Tasting geben, und die Teilnehmer werden bei der Lese dabei sein. Der letzte Workshop wird das Abfüllen des Weins im Folgejahr beinhalten. Zusätzlich wird es Mitmachtage zur Pflege der Anlage geben.

„Mir ist die Solidarität wichtig“, sagt Bleeke. „Ich möchte, dass die Teilnehmer ein Gefühl bekommen, was es heißt, an der Mosel Wein zu machen. Sie sollen die Mosel multi-emotional neu entdecken, die verschiedenen Wirtschaftsformen kennenlernen, die Probleme, die guten Seiten.“ Wichtig sei ihm auch, dass die Leute die Bedeutung der Steillagen schätzen lernen. Es geht ihm um gemeinsames Lernen, den Austausch, aber auch um Wertschätzung. Und so werden aus Weintrinkern Mit-Winzer.

Jan-Philipp Bleeke möchte „solidarischen“ Wein anbauen. Foto: Tobias Steffgen
Eva-Maria Altena und Felix Kilian bewirtschaften die Solidarische Landwirtschaft im Gemeinschaftsgarten des Vereins Transition Trier. Foto: Jana Kopp

Aber Bleeke wäre nicht er selbst, wenn er bei der Idee einer kleinen Solawi stehen bliebe. Er will vergrößern, in der Steillage, vor allem auf alten Flächen, die brach liegen. „Ich könnte mir mehrere Wein- und Gartenbau-Solawis vorstellen.“ Sein nächstes Projekt hat er schon geplant: „Ich will einen Hühnerstall auf Rädern bauen und ihn in die Weinberge stellen.“ Die Idee: Die Hühner fressen die Begrünung und düngen den Wingert gleich mit. Zudem liefern sie Eier – und schon ist eine neue Solawi geboren. „Die Vision geht weiter.“