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Industriekonzern
Keiner will Chefkontrolleur von Thyssenkrupp werden

Die Zentrale von Thyssenkrupp in Essen: Das Personalchaos lähmt den Konzern.
Die Zentrale von Thyssenkrupp in Essen: Das Personalchaos lähmt den Konzern. FOTO: dpa, Federico Gambarini
Die Eigentümer sind zerstritten, Kandidaten für den Posten des Chefkontrolleurs winken ab: Der Aufsichtsrat findet erneut keinen Chef. Die Zeit drängt. Von Antje Höning

Thyssenkrupp kommt auf der Suche nach einem neuen Aufsichtsrats-Chef nicht voran. Am Dienstag tagten Aufsichtsrat und Nominierungsausschuss, doch auf einen Chefaufseher konnten sie sich nicht verständigen, wie unsere Redaktion aus Aufsichtsrats-Kreisen erfuhr. Ulrich Lehner hat das Amt zum 31. Juli niedergelegt. Seitdem führt der Metall-Gewerkschafter Markus Grolms interimsweise das Kontrollgremium. Der Thyssenkrupp-Sprecher sagte: „Zu Aufsichtsratsangelegenheiten äußern wir uns nicht.“

Eine Reihe von Namen aus der ersten Reihe waren laut Branche für den Top-Posten im Gespräch: Tom Enders (Airbus-Chef), Marijn Dekkers (früher Bayer-Chef), Marcus Schenck (früher Deutsche-Bank-Vorstand), Hans-Peter Keitel (früher Hochtief-Chef), Matthias Zachert (Lanxess-Chef). Doch Bernhard Pellens, Professor an der Universität Bochum und Chef des Nominierungsausschuss, fing sich manche Absage ein. „Man kann nicht zu einem Konzern gehen, dessen Eigentümer nicht wissen, wohin sie wollen“, wird ein Kandidat zitiert. Entsprechend giftig sei die Stimmung auf den Sitzungen am Dienstag gewesen. Ob der Wissenschaftler Pellens selbst über ausreichende Kontakte in die Industrie verfügt, daran wird ebenfalls gezweifelt. Die Personalberatung Spencer Stuart hilft bei der Suche.

Keiner will also bisher zu Thyssenkrupp, jedenfalls nicht aus der ersten Reihe. Hintergrund der zähen Suche ist, dass die Großaktionäre, die Krupp-Stiftung (21 Prozente) und der schwedische Investor Cevian (18 Prozent), zerstritten sind. Cevian würde den Konzern gerne zerlegen und Perlen wie die Aufzugsparte verkaufen. Die Stiftung soll laut Satzung dagegen die Einheit des Unternehmens wahren, wie auch immer man diesen Auftrag genau auslegt. Stiftungs-Chefin Ursula Gather, im Hauptberuf Rektorin der Uni Dortmund, laviere in den Gremien herum, heißt es in den Kreisen weiter. Weder falle sie Cevian-Vertreter Jens Tischendorf in den Arm, noch sage sie klar, was sie wolle. Entsprechend sei auch unklar, welchen Aufsichtsratschef man überhaupt brauche.

Die Zeit drängt: Derzeit sind zwei der zehn kapitalseitigen Sitze im Aufsichtsrat vakant. Neben Ulrich Lehner hat auch Ex-Telekom-Chef René Obermann sein Mandat aufgeben - und zwar zu Ende August. Laut Aktiengesetz müssen binnen drei Monaten Nachfolger gefunden werden, sonst erfolgt eine Bestellung per Gericht: „Gehören dem Aufsichtsrat länger als drei Monate weniger Mitglieder als die durch Gesetz oder Satzung festgesetzte Zahl an, so hat ihn das Gericht auf Antrag auf diese Zahl zu ergänzen.“

Im Sommer hatte zunächst Heinrich Hiesinger als Thyssenkrupp-Chef das Handtuch geworfen, weil er keinen Rückhalt für seine Stahl-Strategie bei den Großaktionären fand. Nun führte der frühere Finanzvorstand Guido Kerkhoff den Konzern und seine 155.000 Mitarbeiter. Was zunächst als Übergangslösung gedacht war, könnte zur akzeptablen Dauerlösung werden. Dass aber ein Gewerkschafter den Aufsichtsrat auf Dauer führt, ist undenkbar. Für einen Dax-Konzern ist das Personalchaos eine Gefahr. Der Konzern wird so noch angreifbarer für Investoren.