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Neues Verfahren bei Thyssenkrupp
Auf dem Weg zum grünen Stahl

 Zu Besuch im Hochofen: NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im Gespräch mit Hidir Durman, Oberschmelzer bei Thyssenkrupp.
Zu Besuch im Hochofen: NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart im Gespräch mit Hidir Durman, Oberschmelzer bei Thyssenkrupp. FOTO: thyssenkrupp
Klimafreundlich Stahl produzieren. Was nach einem Widerspruch klingt, soll für Thyssenkrupp bald Realität sein. Von Adrian Terhorst

Es sind ehrgeizige Ziele, die sich Thyssenkrupp auf dem Weg zur klimafreundlicheren Stahlproduktion gesteckt hat: Bis zu 19 Prozent CO2 pro produzierter Tonne Roheisen sollen in Zukunft durch ein besonderes Wasserstoff-Verfahren eingespart werden. Die Idee: Thyssenkrupp möchte nicht wie bisher Kohlestaub in den Hochofen einblasen, sondern Wasserstoff.

Der Stahlproduzent arbeitet für dieses Projekt zusammen mit Gas-Anbieter Air Liquide sowie dem Stahlforschungsinstitut BFI, der die wissenschaftliche Betreuung des Projekts übernimmt. Das Land NRW fördert das Projekt im Rahmen der Landesinitiative „IN4climate“ in Höhe von 1,6 Millionen Euro. NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart sparte bei der Übergabe des Förderbescheids in Duisburg nicht mit großen Worten: „Wir wollen der Welt zeigen, dass wir immer noch die besten Stahlwerke und auch die umweltfreundlichsten bauen können“, sagte Pinkwart. Worte, die derzeit gut ankommen in der radikalen Umbruchphase bei Thyssenkrupp. Konzern-Chef Guido Kerkhoff will das Essener Traditionsunternehmen in eine Werkstoffsparte- und eine Industriegütersparte aufspalten. Der Stahl wird künftig zu Thyssenkrupp Materials gehören. Zudem warten sie in Duisburg immer noch auf die Genehmigung der EU-Kommission für das Stahl-Joint-Venture mit dem indischen Konkurrenten Tata.

Der Stahlproduzent kommt aber auch nicht umhin, klimafreundlicher Stahl zu produzieren. Bis 2050 sollen die CO2-Emmissionen in Deutschland um mindestens 80 Prozent reduziert werden. Thyssenkrupp will bis 2050 zehn Milliarden Euro in die CO2-freie Stahlerzeugung investieren: „Wir testen in dieser ersten Projektphase in den nächsten Monaten zunächst den Einsatz von Wasserstoff an einer von 28 Blasformen eines Hochofens. Das ist ein Novum und so bislang in der Industrie noch nicht umgesetzt worden“, sagt Arnd Köfler, Produktionsvorstand von thyssenkrupp Steel Europe. 14 Monate soll die erste Testphase dauern, im August soll erstmals Wasserstoff im Hochofen 9 eingeblasen werden. Den Wasserstoff liefert Air Liquide anfangs noch per Lkw, in Planung ist aber bereits der Bau einer Pipeline. Da es in der Nähe eine Wasserstoffleitung gibt, soll die Pipeline bereits in knapp anderthalb Jahren am Duisburger Hochofen angedockt sein. Und es dauert noch lange, bis die fast 20 Prozent an CO2 eingespart werden. „Erst, wenn an allen 28 Blasformen eines Hochofens Wasserstoff eingesetzt wird“, sagt Michael Hensmann vom BFI. Getestet wird anfangs nur mit Wasserstoff an einer Blasform. Wasserstoff für 28 Blasformen und mehrere Hochöfen müsste auch erst einmal nach Duisburg kommen. Zudem wird auch bei der Erzeugung von Wasserstoff (noch) ein hoher CO2-Anteil freigesetzt. Bis „grüner“ Stahl wirklich produziert wird, ist es also noch ein langer Weg.