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Neuer Konzernchef
Diess will Volkswagen-Konzern wendiger machen

Exklusiv | Wolfsburg. Der neue Volkswagen-Chef Herbert Diess hat seine Pläne für den größten Autokonzern der Welt vorgestellt. Demnach will er den Fahrzeughersteller mit dem größten Umbau der Firmengeschichte schneller und wendiger machen. Betriebsratschef Osterloh sichert ihm die "volle Unterstützung" zu.

Um im immer schärferen Wettbewerb bei den Zukunftsthemen Elektromobilität, autonomes Fahren und neue Mobilitätsdienste mithalten zu können, müsse Volkswagen das Tempo deutlich erhöhen, sagte Herbert Diess auf seiner ersten Pressekonferenz als Konzernchef am Freitag in Wolfsburg. "Es geht darum, den Konzern fit zu machen für eine Zeit, in der wir sehr viel schneller sein müssen."

Bei seiner Strategie setzt der ehemalige BMW-Manager ( ein Porträt finden Sie hier) auf bereits vorhandene Ansätze seiner Vorgänger, die aber nicht umgesetzt wurden. An den genauen Details wird in den nächsten Wochen noch getüftelt, aber die groben Linien stehen:

  • Der Multimarken-Konzern wird künftig in sechs Geschäftsfelder gegliedert, die Region China daneben separat geführt.
  • Die acht Pkw-Marken werden in drei Gruppen gebündelt: Volumen (VW samt Transportern, Seat und Skoda), Premium (Audi), Superpremium (Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini).
  • Die Nutzfahrzeugsparte mit den Marken MAN und Scania wird für einen Börsengang vorbereitet, der dem "Spiegel" zufolge bis zu sieben Milliarden Euro bringen soll.

"Es geht um eine Weiterentwicklung und keine Revolution", machte Diess deutlich. Das Management solle künftig schneller entscheiden, der Konzern agiler werden. Er wolle "auf einen losen Verband von Schiffen" setzen statt auf einen Tanker, beschrieb der 59-Jährige seine Idee.

Analysten erhoffen sich von Diess höhere Renditen

Die ist nicht neu in der deutschen Konzernlandschaft. Ein schwer steuerbares Konglomerat in flexiblere Einheiten aufzuteilen ist erklärte Strategie von Siemens-Chef Joe Kaeser, der gerne von einem Flottenverbund spricht. Auch der Zulieferer Continental denkt in diese Richtung, der Autobauer Daimler mit seiner geplanten Holding-Struktur ebenfalls.

"Unser Ziel ist, Volkswagen in Ertragsstärke, Innovationskraft und Nachhaltigkeit zu einem der führenden Konzerne in der Industrie zu machen", gab Diess die Richtung vor. Analysten hoffen, dass es ihm gelingt, die schlummernden Kräfte des Riesen VW zu wecken. Vor allem bei der Ertragskraft sehen sie noch Potenzial - obwohl der Konzern im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn eingefahren hat, und das trotz der enormen finanziellen Lasten bei Aufarbeitung der Dieselkrise.

"Wir betrachten den Umbau als gute Gelegenheit, VW noch stärker auf Profitabilität auszurichten", schrieben die Analysten der Investmentbank UBS. Diess, der schon bei BMW für Spitzenrenditen sorgte, werde hier höhere Ziele setzen. Die Neuordnung des komplexen Konzerns sei dringend notwendig, sagte NordLB-Analyst Frank Schwope. Womöglich würden Randbereiche wie der Motorradbauer Ducati oder der Getriebehersteller Renk verkauft.

Diess setzt Müllers Strategie 2025 fort

In der neuen Führungsstruktur werden die vier Marken-Gruppen jeweils einem Konzernvorstand zugeordnet. Diess selbst leitet die nach Umsatz mit Abstand größte Volumengruppe und verfügt damit über mehr Macht als seine Vorgänger. Um ihm den Rücken freizuhalten, wird der neue Posten eines Chief Operating Officers für die Marke VW geschaffen, der bald besetzt werden soll. Die übrigen Gruppen werden von Audi-Chef Rupert Stadler, Porsche-Chef Oliver Blume und Nutzfahrzeug-Chef Andreas Renschler geleitet.

Diess selbst will sich stärker auf die strategische Weiterentwicklung des Konzerns konzentrieren. Dabei setzt er die von seinem Vorgänger Matthias Müller gestartete Strategie 2025 fort, die den Marken mehr Spielraum und den einzelnen Regionen mehr Mitsprache in der Modellpolitik eingeräumt hatte. Müller hatte damit das zentralistische Führungsmodell abgelöst, das mitverantwortlich für den Dieselskandal gemacht wurde.

VWs Großaktionär Niedersachsen begrüßt den Umbau. Der Vorstand werde entlastet von Entscheidungen, die in den Markengruppen getroffen werden könnten, lobte Ministerpräsident Stephan Weil, der auch im VW-Aufsichtsrat sitzt.

Betriebsrat sagt Diess "volle Unterstützung" zu

Diess löst Müller an der Spitze des Wolfsburger Konzerns nach gerade zweieinhalb Jahren ab. Dieser hatte den Autobauer nach dem Sturz von Winterkorn über den Dieselskandal im September 2015 aus der Krise geführt. Müller habe die Grundlage für die Neuausrichtung gelegt, sagte Diess. "Wir haben die Dieselkrise in weiten Teilen hinter uns gelassen", sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. "Volkswagen ist operativ und strategisch robuster als jemals zuvor." Müller bleibt bis zum Ablauf seines Vertrags bis 2020 beratend für VW tätig.

Mit dem größten Umbau in der 80-jährigen Firmengeschichte geht ein Stühlerücken im Vorstand einher. Der langjährige Einkaufschef Francisco Garcia Sanz scheidet auf eigenen Wunsch aus. Wichtiger ist der Wechsel des Personalvorstands: Nach nur zwei Jahren wird Karlheinz Blessing von Gunnar Kilian ersetzt, bisher Geschäftsführer des Konzernbetriebsrats und Vertrauter des mächtigen Betriebsratschefs Bernd Osterloh.

Dieser erklärte in einem Brief an die Beschäftigten, der Führungsumbau habe die "volle Unterstützung" der Arbeitnehmerseite. Osterloh räumte ein, dass es zwischen Betriebsrat und VW-Markenchef Diess vor etwa einem Jahr bei der Umsetzung des Zukunftspaktes Auseinandersetzungen gegeben habe. "Wie aber auch bekannt ist, ist dieser Umstand längst ausgeräumt."

(wer)