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Warum die Corona-Krise in Rheinland-Pfalz das Arbeitsleben bereichert

Arbeitswelt : Warum die Corona-Krise in Rheinland-Pfalz das Arbeitsleben bereichert

Die Corona-Krise hat nicht nur negative Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Im Gegenteil. Eine neue Studie bescheinigt den Rheinland-Pfälzern sogar, dass sie Vorreiter in Sachen Homeoffice sind und Kurzarbeit als wertvoll empfinden. Warum gerade hier? Wir haben nach Antworten gesucht.

Dass die Corona-Pandemie die Berufswelt nicht nur kräftig durcheinandergewirbelt, sondern regelrecht auf den Kopf gestellt hat, wundert so recht wohl niemanden. Jedoch hat sich vor allem die Einstellung der meisten Beschäftigten zum Job radikal verändert, was zunächst verwundert. Das ist das Ergebnis der diesjährigen „HDI Berufe-Studie“ des gleichnamigen Lebensversicherers. Sicherheit in Krisenfällen wird etwa von drei Vierteln der Befragten inzwischen zum Top-Kriterium gemacht. Zugleich hat ein Drittel der Beschäftigten durch die Corona-Zeit auch eine positivere Einstellung zum Beruf gewonnen. Was jedoch besonders auffällt: Wir Rheinland-Pfälzer haben weitaus weniger Bedenken über unsere berufliche Zukunft als viele unserer Landsleute. Hier die Ergebnisse im Detail:

- Vermehrt Sorgen um die berufliche Zukunft machen sich nur sieben Prozent der Beschäftigten im Land (Bund: 12 Prozent).

- Am wenigsten in Deutschland berichten Beschäftigte in Rheinland-Pfalz, Bremen und Saarland von finanziellen Existenzängsten (acht Prozent, Bund: elf Prozent).

- Deutlich mehr als die Hälfte der Kurzarbeiter im Land haben diese Zeit als wertvoll erlebt (Bund 43 Prozent), nur 18 Prozent sprechen von einer Belastung (Bund 24 Prozent).

- Für 21 Prozent der Kurzarbeiter in unserem Bundesland hat sich das Verhältnis zur Familie während dieser Zeit verbessert.

Doch warum ist das so? Was unterscheidet die Beschäftigten in Rheinland-Pfalz von denen bundesweit? Was läuft hierzulande auf dem Arbeitsmarkt anders? Oder tickt die Gesellschaft anders? Einer, der die Befindlichkeiten der Gesellschaft über Jahrzehnte untersucht hat, ist der Soziologe Waldemar Vogelgesang, ehemaliger Professor an der Universität Trier mit Spezialisierung auf Bildung und Lebensstile.

So ist der Experte „sehr überrascht“ von den Ergebnissen der „HDI Berufe-Studie“. „Die Vermutung hat nahegelegen, dass die Corona-Krise als existenzielle Bedrohung in der Gesellschaft gesehen würde. Doch das ist nicht der Fall“, sagt der Soziologe. So sei die Befürchtung einer Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er Jahren ausgeblieben, und die Pandemie habe auch „keine tiefen negativen Spuren in der Mentalität hinterlassen“.

Den Hauptgrund dafür sieht Waldemar Vogelgesang in der „ökonomisch sinnvollen Reaktion der Politik auf die Corona-Krise. Corona wird nicht als Wachstumsvernichter gesehen“. Dass die Kurzarbeit im Ansehen so gut weggekommen ist, wundert den Professor indes nicht: „Diese befristete Freistellung von Berufstätigkeit wird von den Menschen nicht als Arbeitslosigkeit gewertet, sondern als eine Art Freiraum, den man neu und intensiv nutzen kann.“ Folglich sieht er darin auch den „deutschen Königsweg zur Sicherung von Beschäftigung“. Zudem habe der Staat selbst nicht bei den Schulden gespart und Hilfspakete für die Wirtschaft geschnürt.

Und noch eines stimmt den Forscher positiv: Corona hat laut Vogelgesang nicht zu einem „sozialen Lockdown“ geführt. Die plötzliche Hilfsbereitschaft sei trotz der starken Konzentration auf die eigenen vier Wände vielfach ausgeprägter gewesen als der Bedarf groß gewesen sei. Dieses „prosoziale Verhalten“ habe soziale Spannungen ausgeschlossen.

Dass dabei die Region und ganz Rheinland-Pfalz Homeoffice und Kurzarbeit so positiv sehen, steht für den Experten in klarem Bezug zu den Lebens- und Wohnformen im Land. „Viele Menschen haben hier ein Eigenheim. Mehr als in anderen Bundesländern. Und in den eigenen Wänden kann man Zeit anders strukturieren“, sagt Waldemar Vogelgesang. Weil in Rheinland-Pfalz, unabhängig von der hiesigen Nähe zu Luxemburg, das Pendleraufkommen recht hoch sei, entfielen zudem für Pendler Fahr- und Ticketkosten.

Damit entwickelt sich für den Soziologen das Arbeiten zu Hause als „interessante und spannende Alternative für Beschäftigte und Unternehmer. Denn einerseits können Beschäftigte diese enträumlichte Berufstätigkeit neu strukturieren, andererseits sind ein Plus bei Motivation und Effizienz wissenschaftlich belegt“, sagt der Experte. Die Folge: Es wird künftig ein stärkeres Nebeneinander von mobilen Arbeitsformen und Präsenz bei der Arbeit geben, „Flexibilisierung von Berufsarbeit“ nennt der Wissenschaftler das. Heißt: Es wird künftig mehr Menschen geben, die den Job wechseln, die neue Berufe erlernen, die sich auch später noch mal umorientieren.

Was den heute 20- bis 40-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt entgegenkommt. Vogelgesang hat in mehreren Jugendstudien untersucht, was jugendlichen Befragten im Arbeitsleben besonders wichtig ist. Ergebnis: Während die jetzigen Jugendlichen bis 20 Jahre, von den Experten Z-Generation genannt, auf eine starke Trennung von Beruf und Freizeit achten wollen, ist die Y-Generation, also die jetzigen jungen und etablierten Erwachsenen bis 40 Jahre genau anders gepolt. Flexibel leben und arbeiten – die jungen Arbeitnehmer sind in ihrer Mentalität zusätzlich durch die Pandemiesituation dafür angestachelt worden. Der Forscher ist überzeugt: „Es wird eine Umwandlung von Berufsfeldern geben. Und die Pandemie-Situation wird als neue Realität empfunden.“