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Wenn die Angst die Börsenkurse frisst

Am Aktienmarkt reagiert die Unsicherheit. Wenn Anleger den Trend nicht mehr erkennen, werden sie nervös. Frankfurt

FRANKFURT Die heftigen Schwankungen an den Finanzmärkten haben sich gestern fortgesetzt. Börsianer werten das als den Beginn einer Umschichtung des Kapitals von Aktien in Anleihen - zumindest in den USA. Der Auslöser waren gute Konjunkturnachrichten in den USA. Die warender Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn da wurde den Anlegern endgültig klar, wie gut es der Wirtschaft in den USA geht, so gut nämlich, dass die Notenbank Fed bei der Geldpolitik nun die Zügel noch straffer ziehen könnte.

Die Anleger befürchteten nun also, dass die Zinsen schneller stiegen als erwartet, erklärt Stefan Scharfetter, Aktienhändler der Baader Bank: "Dann tritt ein Automatismus ein, dass man sich aus den Aktienmärkten verabschiedet und in die Rentenmärkte hineingeht." Dort bekomme man dann wieder vernünftige Zinsen. "Es findet hier eine Umschichtung des Kapitals statt, und das sind jetzt die ersten Vorboten", sagt der langjährige Händler. Es seien viel mehr Verkäufer als Käufer im Markt. Hinzu kommen die automatischen Handelssysteme: Die leiten automatisch Verkäufe von Aktien ein, wenn bestimmte Schwellen unterschritten werden. Das verstärkt den Abwärtstrend.

Die Anleger hätten sich offenbar auch wohlgefühlt mit der Lage an den Aktienmärkten, glaubt Stefan Scheurer, Kapitalmarktexperte der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors (AGI). Die Schwankungsanfälligkeit sei "extrem niedrig" gewesen. Man habe die Risiken ausgeblendet. Deshalb hält er die Reaktion der Märkte in den vegangenen Tagen eher für gesund.

Tatsächlich waren die Aktienmärkte vor allem in den USA seit Wochen wie entfesselt, vor allem seitdem klar war, dass die Steuerreform in den Vereinigten Staaten nun doch umgesetzt wird. Auf die hatten Anleger schon Ende vergangenen Jahres gewettet, waren dann aber zwischenzeitlich enttäuscht. Nun aber seien die Aktien in den USA sehr hoch bewertet, sagt Scheurer. Das werde korrigiert. In Europa sieht er die Bewertung noch im normalen Bereich. Dass die europäischen Märkte dennoch nervös sind, liege zum einen daran, dass die amerikanischen Investoren jetzt aus europäischen und auch deutschen Aktien herausgingen, sagen Händler. Hinzu kommt die berühmte Börsenpsychologie: "Wenn Anleger unsicher sind, den Trend nicht mehr klar erkennen können, dann werden sie nervös und sichern sich mit Optionen gegen unerwartete Ereignisse ab", erklärt Manfred Hübner, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Sentix, das die Beweggründe für das Handeln der Börsianer erforscht. Diese Unsicherheit sei ausgelöst durch die dann doch überraschend heftigen Reaktionen an der amerikanischen Börse zu Wochenbeginn. Die Nervosität auch am deutschen Aktienmarkt führt Hübner darauf zurück, dass die Finanzmärkte enttäuscht waren von der schleppenden Regierungsbildung und den Plänen der wahrscheinlichen Neuauflage der großen Koalition. Zu viel Regulierung schwäche auf Dauer die Wirtschaft.

Doch fundamental stünden die europäischen Finanzmärkte besser da, meint Kapitalmarktexperte Stefan Scheurer von der AGI. Denn die Risikoaufschläge im Sektor der Unternehmensanleihen hätten sich wenig bewegt, die Realzinsen seien weiter niedrig und stützten die Konjunktur. Und anders als in den USA sei die Geldpolitik hier noch recht locker, das Konjunkturumfeld noch gut. So haben zwar Kurse einiger Aktiengesellschaften in dieser Woche gelitten, freuen kann sich jedoch die Deutsche Börse: Sie verdient an starken Schwankungen, weil dann an den Märkten viel gehandelt wird.