| 15:43 Uhr

Soziales
Wie damals? Gesellschaft im Wandel

Dialog auf der Theaterbühne: Die beiden Sozialreformer Karl Marx (Walter Schneider, links) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (Gerhard Kress) liefern sich eine hitzige Debatte.
Dialog auf der Theaterbühne: Die beiden Sozialreformer Karl Marx (Walter Schneider, links) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (Gerhard Kress) liefern sich eine hitzige Debatte. FOTO: David Kliewer
Trier. Vergangenheit und Zukunft treffen im Theater Trier zusammen: Die Volksbank Trier hat zur Diskussion über mögliche Impulse von Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf unsere Zeit eingeladen. Von Martin Recktenwald

Wenn sich der Philosoph und Wirtschaftsanalytiker Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Begründer der Genossenschaftsidee, in ihrem 200. Geburtstagsjahr auf der Trierer Theaterbühne treffen, geben sie immer noch Impulse für Debatten zu wirtschaftlichen und sozialen Fragen. Aufgegriffen hat diese ein Podium mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU), dem früheren Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion Gregor Gysi und Uwe Fröhlich, Generalbevollmächtigter der genossenschaftlichen GW-Bank. Ins Theater eingeladen hatte die Volksbank Trier.

Marx und Raiffeisen gaben sehr unterschiedliche Antworten auf die von beiden erkannten Probleme ihres 19. Jahrhunderts. Während der eine auf eine weltumspannende Revolution setzte, wollte der andere regionale Gemeinschaften, die zur Selbsthilfe ermächtigen. Eine Theaterszene und ein historischer Überblick von Prof. Michael Jäckel, Präsident der Universität Trier, stellten die beiden Sozialreformer und ihre Zeit vor.

Gesellschaftliche Umbrüche und Verwerfungen, wie sie einst die Industrialisierung brachte, stünden uns durch Digitalisierung und Globalisierung erneut ins Haus, war sich das Podium einig. „Die Verhältnisse zwischen Güter- und Geldwirtschaft haben sich fundamental verändert“, warnte Norbert Lammert. War noch Mitte der 1990er Jahre die Summe der weltweit durch Waren und Dienstleistungen erwirtschafteten Beträge zehnmal so hoch wie diejenigen der rein am Finanzmarkt erzielten, so habe sich diese Beziehung längst vollständig umgekehrt. Dies habe Auswirkungen auf die Hebelwirkung der Finanzmärkte.

Gregor Gysi formulierte einen daraus erwachsenen Konfliktpunkt: „Jeder Mittelständler zahlt seine Steuern – die Großen nicht. Das werden sich die Menschen auf Dauer nicht bieten lassen.“

Um Abgrenzung zu diesen „Großen“ bemühte sich Uwe Fröhlich. Er nannte ein Beispiel für Finanzdienstleister, die den Bankensektor umkrempeln: „Black Rock (eine Fonds-Gesellschaft, Anm. der Red.) ist mittlerweile die größte Bank der Welt – nur dass sie gar keine Banklizenz hat.“

Im Unterschied zu diesen globalen Akteuren stünden die Genossenschaftsbanken ganz im Sinne Raiffeisens für Wertschöpfung durch regionale Wirtschaft. Diese Institute verfolgten ein stabiles Geschäftsmodell. „Auch wir haben in der Finanzkrise Federn lassen müssen, aber wir brauchten keine staatlichen Hilfen.“ Deswegen appellierte er, bei den Bemühungen um Regulierung des Bankensektors, nicht durch mangelnde Differenzierung ausgerechnet die Volksbanken und Sparkassen zu bestrafen.

Entsprechend skeptisch zeigte sich Fröhlich gegenüber den Plänen der EU für eine Bankenunion. Es könne nicht sein, dass jene, die solide wirtschaften für Fehler aufkommen müssen, die durch die Spekulation mit Anleihen hochverschuldeter Staaten entstehen.

Norbert Lammert hingegen verteidigte die grundsätzliche Idee einer europäischen Lösung – nationale Alleingänge seien ein Irrweg: „Natürlich müssen zunächst die Probleme mit zu hoher Staatsverschuldung gelöst werden. Aber dann ist es notwendig, ein gemeinsames System aufzubauen.“ Wenn die notwendigen Hausaufgaben gemacht seien, könne man darüber reden, gab sich daraufhin Fröhlich kompromissbereit.

Während das Erbe Raiffeisens in Form unzähliger Genossenschaften weiterlebt – 850 Millionen Menschen sind Mitglied einer solchen – bietet auch Karl Marx heute noch Anknüpfungspunkte. So sahen es zumindest einige in der Runde. Ministerpräsidentin Malu Dreyer: „Marx hat im Großen gedacht. Neben der konkreten Hilfe im Kleinen ist es auch heute wichtig, manche Fragen der Gesellschaft im Großen zu denken.“

Gysi rief generell zu einem weniger verkrampften Umgang mit historischen Persönlichkeiten auf: „Marx’ Ideen sind ohne seine Zustimmung missbraucht worden. Aber er ist trotzdem einer der größten Denker unseres Landes. Es wäre an der Zeit, eine Universität nach ihm zu benennen.“

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) diskutiert mit ...
Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) diskutiert mit ... FOTO: David Kliewer
... dem Bundestagsmitglied und ehemaligen Fraktionschef der Linken, Gregor Gysi, und ...
... dem Bundestagsmitglied und ehemaligen Fraktionschef der Linken, Gregor Gysi, und ... FOTO: David Kliewer
... dem ehemaligen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).
... dem ehemaligen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). FOTO: David Kliewer