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Long Covid: Coronavirus kann das Nervensystem befallen

Aktuelle Forschung zu Long-Covid : Coronavirus kann das Nervensystem befallen

Vor allem viele unspezifische Symptome machen das Krankheitsbild Long-Covid sehr komplex. Nun wurde das Virus auch in Gehirnzellen nachgewiesen. Ob bestimmte Varianten eher zu Corona-Spätfolgen führen als andere, ist noch unklar. Das sagen Experten über den aktuellen Forschungsstand.

Eine dauerhafte und tiefgreifende Erschöpfung (Fatigue), Konzentrationsprobleme und eine massiv herabgesetzte Belastbarkeit – die Spätfolgen einer Coronainfektion sind vielschichtig und können die Betroffenen noch viele Monate belasten. Dabei sind die Symptome breit gefächert: Rund 200 verschiedene Beschwerden listete eine Studie im Fachmagazin „The Lancet“ im Zusammenhang mit Corona-Spätfolgen auf.

Die Ausprägung einzelner Beschwerden kann dabei von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Insgesamt zeichnet sich aber in bisherigen Studien ab, dass rund zehn bis 15 Prozent der Corona-Infizierten länger als vier (Long-Covid) beziehungsweise zwölf Wochen (Post-Covid) über anhaltende gesundheitliche Probleme klagen.

Aktuelle Studien zeigen nun, dass das Virus offenbar auch die menschliche Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Dies erläuterte Paul Lingor, Oberarzt der Klinik für Neurologie und Leiter der Spezialambulanz für Motoneuronerkrankungen am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. In einer Veranstaltung des Science Media Center stellte er mit Fachkollegen aktuelle Forschungsergebnisse vor.

Vor allem die häufig von Patienten beschriebenen Störungen des Geruchs- oder Geschmackssinnes könnten daraufhin deuten, dass das Coronavirus über die Mund- und Nasenschleimhäute ins Gehirn gelangt. Eindeutige Ergebnisse gibt es dazu zwar bisher nicht. Aber in Gehirnen von infizierten Verstorbenen konnten Forscher virale mRNA nachweisen.

Was zunächst ausgesprochen beunruhigend klingt, muss nicht zwingend bedrohliche Folgen haben, betonte Paul Lingor: „Dass Viren die menschliche Blut-Hirn-Schranke überwinden, ist nicht ungewöhnlich. Darauf ist unsere Immunabwehr vorbereitet, es gibt hier eine hohe Regenerationsfähigkeit.“ Außerdem seien die Fälle ausnahmslos bei der Obduktion von Gehirnen Verstorbener nachgewiesen worden. „Alle hatten zuvor einen sehr schweren Krankheitsverlauf“, so Lingor.

Bei aktuellen Untersuchungen im Gehirnwasser von lebenden Patienten sei der virale Nachweis bisher nur sehr selten erbracht worden. „Nach jetzigen Erkenntnissen kann Sars-CoV-2 das Nervensystem befallen“, sagt der Neurologe. Aber vermutlich geschehe dies eher auf indirekten Wegen, etwa durch den sogenannten „Zytokinsturm“.

Außerdem haben Forscher festgestellt, dass schwer erkrankte Coronapatienten erhöhte Werte eines Proteins aufwiesen, dass von untergehenden Gehirnzellen freigesetzt wird. Dieses Neurofilament wird etwa auch bei Demenzkranken vermehrt nachgewiesen, wenn Gehirnzellen zugrunde gehen. „Auch das muss aber nichts heißen“, betont Lingor.

Überhaupt steht die Forschung zu Long-Covid erst am Anfang. Sicher ist bisher nur, dass das Krankheitsbild sehr komplex ist und mögliche Spätfolgen stark variieren können. Philipp Wild leitete dazu die Gutenberg-Covid-19-Studie der Universitätsmedizin Mainz. Er ist dort Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie.  Rund 10.000 Teilnehmer im Alter von 25 bis 88 Jahre nahmen an der Studie teil. Sie sollten über sechs Monate lang nach einer durchgemachten Covid-Infektion ihre Symptome schildern.

Das Ergebnis: Rund 40 Prozent der Genesenen berichteten über mindestens eines der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifizierten Symptome. Dabei waren Kinder und Jugendliche deutlich seltener betroffen als Erwachsene, und Frauen gaben häufiger Beschwerden an als Männer. „Außerdem konnten wir beobachten, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Anzahl der Symptome während der Erkrankung und den Beschwerden im Langzeitverlauf“, so Wild. Insgesamt klagten mindestens zweifach Geimpfte seltener über Langzeit-Symptome als Ungeimpfte.

Was diese Zahlen ein wenig relativiert, ist die Tatsache, dass auch in der nachweislich nicht infizierten Kontrollgruppe rund 40 Prozent über solche Symptome klagten, die auch bei Long-Covid vorkommen. „Dies zeigt, wie unspezifisch das Beschwerdemuster ist“, sagt der Internist Wild.

Ob und inwieweit die unterschiedlichen Virusvarianten Einfluss auf mögliche Spätfolgen haben, dazu gibt es bisher keine Erkenntnisse. Die Infektionen mit Omikron verlaufen zwar häufig eher milde. Aber wegen der derzeit hohen Infektionszahlen könnte es künftig auch mehr Long-Covid-Patienten geben.