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Informationsveranstaltung für Patienten und Interessierte am kommenden Mittwoch im Brüderkrankenhaus Trier
Alter allein ist noch kein Grund für Inkontinenz

FOTO: Moselzentrum für Kontinenz
Sie bringt viele Menschen um den Schlaf, nicht wenige meiden wegen ihr öffentliche Orte wie Theater und Kino oder ziehen sich schlimmstenfalls komplett aus dem sozialen Leben zurück: die Rede ist von der Inkontinenz. Rund sechs Millionen Menschen leiden hierzulande an Harninkontinenz, schätzungsweise 4,5 Millionen an Stuhlinkontinenz; manche haben mit beidem zu kämpfen, was die Situation für die Betroffenen noch schwieriger macht.

Die Ursachen für unfreiwilligen Urin- oder Stuhlverlust, welcher die Lebensqualität erheblich einschränken kann, sind vielfältig. Doch den meisten Patientinnen und Patienten könne wirksam geholfen werden, betont Dr. med. Silvia Salm, Oberärztin der Abteilung für Urologie und Kinderurologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier und Zentrumsleiterin des Moselzentrums für Kontinenz. Vor zwölf Jahren wurde das MZK gegründet, seit zehn Jahren ist es durch die Deutsche Kontinenz Gesellschaft zertifiziert und wurde 2018 für weitere drei Jahre rezertifiziert. Es bündelt Erfahrung und Expertise von sechs medizinischen Fachabteilungen sowie der Abteilungen für Physiotherapie des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier und des Klinikums Mutterhaus der Borromäerinnen Ehrang (siehe Extra). Ein wesentliches Ziel der Initiatoren des MZK war und ist es, die Sprachlosigkeit in punkto Inkontinenz zu überwinden.

Eine Aufgabe, bei der bereits merkliche Fortschritte erzielt worden seien, berichtet Dr. Silvia Salm: „Die Patienten kommen heute eher zum Arzt und sprechen ihr Problem auch offen an. Das hat sich in den vergangenen Jahren deutlich zum Positiven verändert.“ Dennoch bleibe nach wie vor einiges zu tun, und vor allem in einem Punkt sei der Aufklärungsbedarf nach wie vor groß: die Annahme, dass es sich bei der Inkontinenz um eine unvermeidbare Funktionsschwäche von Blase und Darm handelt, die im Alter zum Leben nun einmal dazugehöre, ist schlicht falsch. „Alter allein ist noch kein Grund für eine Inkontinenz!“, stellt Dr. Silvia Salm klar. Unabhängig davon, in welchem Lebensabschnitt die Inkontinenz auftrete, sei eine medizinische Abklärung in jedem Fall zu empfehlen und eine zielführende Behandlung und gute Versorgung in den weitaus meisten Fällen möglich.

Wann der Gang zum Hausarzt, Urologen oder Gynäkologen angetreten werden sollte, darüber entscheide in erster Linie der individuelle Leidensdruck, erklärt die Urologin. Wer nachts mehrmals zur Toilette muss oder aufgrund häufigen Stuhl- oder Harndrangs kaum mehr einen Fuß vor die eigene Haustüre setzt aus Furcht, nicht rechtzeitig zur Toilette zu kommen, sollte eine Untersuchung nicht mehr weiter hinauszögern. Auch Menschen, die beim Husten, Niesen oder Lachen unfreiwillig Urin verlieren, dürfte es an Leidensdruck nicht mangeln.

Vielfältige Behandlungsansätze zur Verbesserung der Kontinenz

Der Arzt klärt unter anderem ab, ob es sich um eine Belastungs- oder Dranginkontinenz handelt, ob also körperliche Aktivitäten dem Urinverlust vorangehen oder eine gestörte Speicherfunktion der Harnblase oder Funktionsstörungen der Schließmuskel die Ursache des Übels sind. Nach einer umfassenden Diagnostik entscheidet der Mediziner dann gemeinsam mit dem Patienten, welcher Behandlungsweg am ehesten eine Verbesserung der Kontinenz verspricht und eingeschlagen werden sollte. Dabei reicht das Spektrum vom Beckenbodentraining über medikamentöse Therapien bis zu Hilfsmitteln wie Netzhosen, Einlagen oder Kondomurinale. Apropos Medikamente: Bisweilen wird eine Inkontinenz auch durch die Einnahme bestimmter Präparate gefördert, zum Beispiel solchen zur Behandlung psychischer oder neurologischer Erkrankungen.

Große Erfolge bei der Therapie von Inkontinenz werden unter anderem mit der Botox-Behandlung erzielt: Hierbei wird im Zuge einer Blasenspiegelung Botox in den Blasenmuskel gespritzt. So lässt sich ein überaktiver Blasenmuskel wieder ruhigstellen. Auch chirurgische Eingriffe wie der Einsatz eines Blasen- oder Darmschrittmachers, zählen zu den Therapieoptionen.

Befinden sich die meisten der Betroffenen bereits im Seniorenalter, so sind doch auch schon junge Menschen von Inkontinenz betroffen. „So haben viele Frauen infolge einer Schwangerschaft und Geburt mit Urinverlust zu kämpfen“, weiß die Gynäkologin Dr. med. Anne-Marie Weber aus dem Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Ehrang. Auch MS- oder Querschnittspatienten leiden häufig unter Inkontinenz.

Vielen Betroffenen kann heute geholfen werden, doch häufig steht und fällt der Erfolg auch mit der Bereitschaft der Patienten, ihren Anteil zur Behandlung beizutragen. So zählt etwa Übergewicht zu den wichtigsten Risikofaktoren, gibt Dr. Silvia Salm zu bedenken und erklärt: „Jedes Kilo zu viel auf dem Beckenboden fördert die Entstehung einer Inkontinenz.“ Bedeuten weniger Pfunde also ein Mehr an Kontinenz? Nicht immer ist es damit getan, doch selbst eine geringe Gewichtsreduktion kann sich schon positiv auswirken. Im Übrigen: Wer sich gesund ernährt, mehr bewegt und so Übergewicht abbaut oder vermeidet, beugt auch zahlreichen anderen Erkrankungen vor und sorgt in jedem Falle für eine höhere Lebensqualität.

Mit einem Aktionstag zu Harn-/Stuhlinkontinenz sowie Blasenfunktionsstörungen feiert das Moselzentrum für Kontinenz am 20. Juni seine 10-jährige Zertifizierung. Neben Kurzvorträgen aus den Bereichen Urologie, Gynäkologie und Chirurgie der beiden Trierer Kliniken werden auch Informationsstände zu Inkontinenzprodukten und Hilfsmitteln sowie modernen Operationsverfahren geboten. Das Patienten-Informationszentrum (PIZ) ist vor Ort, ebenso Physiotherapeuten von Brüderkrankenhaus und Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Ehrang. Ein Highlight: Das Angebot eines Beckenbodentrainings auf dem „Posturomed“, einer Art schwingenden Platte. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr im Albertus-Magnus-Saal des Brüderkrankenhauses. Der Eintritt ist frei.

EXTRA: Kompetenz für Kontinenz

Das Moselzentrum für Kontinenz (MZK) – Kontinenz- und Beckenbodenzentrum Trier wurde 2006 vom Brüderkrankenhaus und Marienkrankenhaus, heute Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Ehrang, gegründet. Es versteht sich als Anlaufstelle für Patienten mit Inkontinenz sowie Blasen-und Darmfunktionsstörungen.

Im MZK arbeiten sechs medizinische Fachabteilungen zusammen: vom Brüderkrankenhaus die Abteilungen für Urologie und Kinderurologie, Neurologie, Neurophysiologie und neurologische Frührehabilitation sowie Innere Medizin/Gastroenterologie und Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie; vonseiten des Klinikums Mutterhaus der Borromäerinnen Ehrang jene für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Allgemein- und Viszeralchirurgie. Hinzu kommen die Abteilungen für Physiotherapie in beiden Häusern.

Zu den Kooperationspartnern zählen darüber hinaus das Patienten-Informationszentrum (PIZ) des Brüderkrankenhauses, das Sanitätshaus der Barmherzigen Brüder sowie die Deutsche Kontinenzgesellschaft und das Sozialpädiatrische Zentrum. MZK-Zentrumsleiterin Dr. Silvia Salm ist auch betreuende Ärztin des Gesprächskreises Blasen- und Darmfunktionsstörungen, der sich viermal im Jahr zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch trifft.