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Der Motor läuft wieder
Eine Bypass-OP rettete Manfred Schermann das Leben – Heute läuft der Eifeler wieder Halbmarathon

FOTO: Brüderkrankenhaus Trier
Trier. Wenn Manfred Schermann über seinen Körper spricht, klingt es schon mal, als redete er von einem Auto: „Wenn das Fahrwerk mitmacht, der Motor läuft und die Steuerungseinheit noch funktioniert, starte ich 2019 bei drei Halbmarathons – in Bonn, Hamburg und Köln“, kündigt der Eifeler an. Gleich darauf erklärt er seinem Gegenüber: „Fahrwerk“ stehe für Knochen und Gelenke, „Steuerungseinheit“ für sein Gehirn, und mit „Motor“ meine er sein Herz. Es ist noch nicht lange her, da stand Schermanns „Motor“ vor einem Totalausfall, nur eine OP im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier konnte im Mai 2017 verhindern, dass sein Herz zum Stillstand kam.

Stillstand ist ein Zustand, den Manfred Schermann nicht gut aushält, wie er offen einräumt. Das ist heute noch so und war früher nicht anders. Mehr als drei Jahrzehnte war der gelernte Maschinenbauer in der Welt unterwegs, als Bau- und Projektleiter internationaler Unternehmen arbeitete er unter anderem in Nigeria und Sri Lanka, betreute Großvorhaben auf den Philippinen und zuletzt in Abu Dhabi. 12- bis 14-Stunden-Tage waren die Regel, keine Wochenenden, kaum Urlaub.

Schermann sah die Welt und verlor sich und seinen Körper aus dem Blick. Ein Workaholic sei er gewesen, einer, der viel Fast Food aß und wenig Schlaf bekam, erinnert er sich; „am Ende war ich körperlich ein Wrack“. Im Alter von 60 Jahren zog der zweifache Vater die Reißleine, seither lebt er wieder in der Eifel. Schnell fand er mit dem Laufen ein neues Hobby. „So habe ich den Kopf freibekommen und mich schon nach wenigen Monaten besser gefühlt als die letzten 15 Jahre zuvor“, erzählt Schermann. Rasch kam er auch auf den Geschmack von Lauf-
ereignissen und lief unter anderem Halbmarathons. Ein solcher stand auch im Frühsommer 2017 in Luxemburg wieder an. „Den wollte ich unbedingt noch mitmachen“, berichtet Schermann, der damals schon mit arger Luftnot kämpfte.

„Mein Arzt sagte mir, dass es ansonsten mein letzter Lauf werden könnte“

Der Dauner Internist und Kardiologe Dr. med. Georg Kohl, den Schermann im Frühjahr 2017 aufsuchte, riet ab: „Der sagte mir, dass es ansonsten mein letzter Lauf werden könnte.“ Professor Dr. med. Ivar Friedrich bestätigt: „Das Risiko, dass Sie diesen Halbmarathon nicht überlebt hätten, war sehr hoch.“

An einem spätsommerlichen Nachmittag im Oktober 2018 trifft der Chefarzt der Herz- und Thoraxchirurgie des Brüderkrankenhauses seinen Patienten wieder. „Sie standen unmittelbar vor einem schweren Herzinfarkt“, erklärt der Professor den Ernst der damaligen Lage. Bei Untersuchungen im Brüderkrankenhaus hatte sich gezeigt, dass gleich mehrere Herzgefäße gefährlich verengt waren. „Nach intensiver Abstimmung mit den Kollegen von der Kardiologie war klar, dass sich eines der Gefäße weder mit Medikamenten noch mit einem Herzkatheter wieder freibekommen lassen würde und es nicht mehr lange gedauert hätte, bis dieses völlig verschlossen gewesen wäre“, erläutert der Chefarzt in seinem Büro.

Nachdem die Verengung an den Herzkranzgefäßen mittels Herzkatheter dargestellt und damit die Diagnose gesichert wurde, ging alles sehr schnell. Der zwischenzeitlich wieder nach Eckfeld zurückgekehrte Patient bekam einen Anruf und wurde erneut ins Brüderkrankenhaus einbestellt. Er müsse sich umgehend einer OP unterziehen, informierte man ihn im Mai 2017. In einem mehrstündigen und von Professor Friedrich vorgenommenen Eingriff wurden Schermann gleich vier Bypässe gelegt.

Die OP verlief problemlos und erfolgreich, die Genesung konnte beginnen; und Schermann musste niemand dazu motivieren, einen eigenen Beitrag zu seiner Regeneration zu leisten. Sein erklärtes Ziel: Schnell wieder auf die Beine kommen und möglichst bald auch wieder zum Laufen. Kaum entlassen aus dem Krankenhaus, schrieb Schermann in einem Dankesschreiben an Professor Friedrich: „Mit großem Respekt und mit Demut erinnere ich mich an die Leistung aller Ihrer Mitarbeiter/innen, die direkt oder indirekt an meiner OP und der nachfolgenden Heilbehandlung in Ihrem Hause beteiligt waren.“

Zugleich kündigte er an, schon vier Monate nach dem Eingriff wieder „langsam mit meinem Aufbautraining zu beginnen.“ Seinen fünften Silvesterlauf in Folge wollte Schermann auf keinen Fall verpassen, und so lief er die acht Kilometer in Trier am 31. Dezember 2017 in 00:44:01 Minuten – nur sechs Monate nach seiner OP. Am 15. April 2018 werde er dann beim Bonner Halbmarathon starten. „Durchkommen und nach Möglichkeit die 21 Kilometer unter 02:05:00 laufen“, gab Schermann in seinem Schreiben an Professor Friedrich als Zielmarke an. Gesagt, getan und gelaufen – das Comeback auf der Piste glückte, mit einer Zeit von 2 Stunden und 2 Minuten kam er noch schneller als erhofft ins Ziel.

Schermann „hatte immer die strikte Motivation, wieder die Kontrolle über seinen Körper zu bekommen“, lobt Professor Friedrich. Dass Bewegung wichtig ist und schneller genesen wird, wer früh wieder aktiv wird, sei hinreichend bewiesen, erklärt der Herzchirurg, um gleichwohl vor einem oftmals vor allem bei Männern anzutreffenden Phänomen zu warnen: Der Charakterzug der Selbstermächtigung werde zur Gefahr, wenn er in Selbstüberschätzung umschlage und dazu führe, klare Warnzeichen zu ignorieren.

„Viele können zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig aktiv werden“

Auch Schermann lief Gefahr, sich selbst zu überschätzen und seinen unbedingten Willen mit dem Leben zu bezahlen: „Mein Geist hat mich immer angetrieben, auch als die Atemnot schon groß war“, sagt er. Wieder einmal schenkte er sich und seinem Körper nichts – bis es gar nicht mehr ging und „die Pumpe“ ihn ausbremste.

Doch Schermann hatte Glück, dank der erfolgreichen OP konnte er wieder durchstarten. Der Eingriff im Brüderkrankenhaus habe ihm „ein neues Leben geschenkt“, sagt er. Für Professor Friedrich ist der 67-Jährige ein gutes Beispiel dafür, was die Herzchirurgie heute zu leisten vermag: „Wenn es gelingt, mithilfe von Bypässen wieder einen reibungslosen Blutfluss im Herzen herzustellen, beginnt für die Patienten eine neue Phase. Viele können dann zum ersten Mal seit Jahren wieder richtig aktiv werden.“ Schermann ist aktiv, Stillstand nicht sein Ding.